laut.de-Kritik

Ritualtanz aus Voodoo, Afrobeats und schiefem Gesang.

Review von

Wenn nicht einmal Flohmarkt-Gänger mit dem Cover eines alten Albums vertraut sind, können tatsächlich nicht wahnsinnig viele Exemplare im Umlauf gewesen sein. So verhält es sich mit "Zombie Birdhouse", einem der unbekannteren und sogar für seine Verhältnisse obskuren Iggy Pop-Studioalben aus dem Jahr 1982. Caroline Records spricht im Rahmen der Wiederveröffentlichung nun von einem "verlorenen Album", und das passt ganz gut auf die kompletten 80er Jahre, die für die Punkrock-Ikone ja auch eine verlorene Zeit darstellten.

Gedemütigt von den realitätsfremden Hit-Forderungen seiner Plattenfirmen, die in die katastrophalen Dance-Rock-Alben "Soldier" (1980) und "Party" (1981) mündeten, während Ex-Förderer David Bowie mit der Queen-Koop "Under Pressure" groß auftrumpfte, versuchte Iggy 1982 das Ruder herum zu reißen und wieder mehr Kontrolle über das eigene Songwriting zu bekommen. Das klappte vergleichsweise gut, was sicher auch daran lag, dass ihm mit Blondie-Gitarrist Chris Stein ein Musiker eine Labelheimat offerierte und er endlich keine Kompromisse mehr mit Industrie-Anzugträgern aushandeln musste.

Einen Hit wie "The Passenger" aus alten Bowie-Tagen sucht man trotzdem vergeblich. Vielmehr hangelt sich Iggy mit Gitarrist und Songwriting-Partner Robert Duprey auf "Zombie Birdhouse" wieder langsam zurück zu seinen Stärken, wie man sie zuletzt auf "New Values" hören konnte. Das heterogene und auf Dauer unausgegorene Album pendelt zwischen bewährten Post-Punkschemata, Afrobeat-Einsprengseln sowie Jazz- und Spoken-Word-artigen Trance-Passagen, die seine expressiven Vocals besonders herausstellen. Expressiv in jeder Hinsicht: Selten lag Iggys Stimme häufiger daneben als auf dieser Platte. Sie entstand allerdings auch nicht in der nüchternsten Zeit seines Lebens.

Auf die sehr experimentelle Umsetzung des bekannten Iggy-Pop-Ritualtanzes hatte die Öffentlichkeit in der New-Wave-Hochphase nur so marginal Bock, so dass auch die Koop mit Stein danach endete und Pop sogar vier Jahre gar kein Album mehr veröffentlichte. Sehr gut zur Mythenbildung der Platte passt dagegen die Entstehungsgeschichte auf Haiti, gleichzeitig die letzte gemeinsame Reise mit seiner damaligen Mannheimer Freundin Esther Friedman, die seit Westberliner "The Idiot"-Tagen an seiner Seite weilte. Nach "Zombie Birdhouse" endete die siebenjährige Beziehung, das Cover der Platte fotografierte sie in einem Nachtclub der Karibikinsel.

Der Haiti-Trip war "entsetzlich", wie Friedman 2013 in einem Zeit-Interview ausführte. Das Paar geriet in eine Voodoo-Zeremonie, in dessen Verlauf sie der Voodoo-Priester verfluchte: "Ich glaube zwar nicht an solche Dinge, aber die Wochen danach waren unvorstellbar. Jim ging ständig verloren, versoff unser Geld, wurde irgendwo auf der Straße aufgelesen. Er war außer Rand und Band. Wir waren pleite. Ich musste bei einem belgischen Zahnarzt als Arzthelferin Zähne ziehen, um unser Rückflugticket zu finanzieren."

Nach dem erwartbaren Rock-Opener "Run Like A Villain" surft Iggy auf dem famosen "The Villagers" in monotoner Stooges-Manier und scheinbar unter Zuhilfenahme letzter Amphetamin-Kraftschübe auf den stoischen Beats von Blondie-Drummer Clem Burke, bevor seine Stimme am Ende gnadenlos abstürzt.

Das Gekrächze in "The Ballad Of Cookie McBride" ist dagegen kaum auszuhalten, während die Soundcollagen "Watching The News" und "Street Crazies" bereits auf seine 90er Alben "American Caesar" und "Avenue B" verweisen. Die bislang unveröffentlichte Version von "Pain And Suffering" mit Background-Vocals von Debbie Harry darf auch getrost unter Fan-Stuff verbucht werden.

"Zombie Birdhouse" ist sicherlich verrückt im besten Sinne und somit auch genau das Album, was man von einem Künstler wie Iggy Pop erwartet. Zerrissen zwischen den an ihn heran getragenen, öffentlichen Ansprüchen des Punk-Dienstleisters ("Bulldozer") öffnet Pop hier erstmals seine zarte und poetische Seite ("Ordinary Bummer", "Platonic"). Eine interessante Wiederentdeckung für Iggy-Fans also, zumal es sich auch um das Lieblingsalbum von "Trainspotting"-Autor Irvine Welsh handelt, der praktischerweise die Liner Notes zum Re-Release ablieferte. Und dann passt es vom Titel her eben auch perfekt zu Iggys Darsteller-Rolle im Jim Jarmusch-Film "The Dead Don't Die".

Trackliste

  1. 1. Run Like A Villain
  2. 2. The Villagers
  3. 3. Angry Hills
  4. 4. Life Of Work
  5. 5. The Ballad Of Cookie McBride
  6. 6. Ordinary Bummer
  7. 7. Eat Or Be Eaten
  8. 8. Bulldozer
  9. 9. Platonic
  10. 10. The Horse Song
  11. 11. Watching The News
  12. 12. Street Crazies
  13. 13. Pain And Suffering

Videos

Video Video wird geladen ...

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Iggy Pop

Trotz seines Alters sind die Liveauftritte des am 21. April 1947 geborenen James Osterberg noch immer ihr Geld wert - auch nach der Jahrtausendwende.

2 Kommentare mit 10 Antworten

  • Vor einem Jahr

    oje, die hatte ich als LP. Glaube ich 2-3x gehört....

  • Vor einem Jahr

    sehr schöner text, don :)

    ich habe mir - der erinnerung nach im sommer 1986 - meine drei ersten iggy-alben gekauft; angefixt durch "cry for love" aus dem radio, dass ich heute noch für eines der besten aor-stücke aller zeiten halte.

    das war natürlich die "blahblahblah", auf der mich die mitwirkung bowies sehr freute, weil ich "let's dance", "tonight" und die "rare" (mit "Amsterdam" und "velvet goldmine") längst liebte.

    daneben die "lust for life", die mir ach von anfang an gefiel. "passenger", klar. nd daneben ganz besonders "fall in love with me" mit seinem merkwürdigen "white wine and you, a table made of wood"-groove.

    und als drittes die "zombie birdhouse". der unfreiwillig situationkomische effekt lag darin, dass ich ausgerechnet die sofort und als erste auflegte. "run like a villain" fand ich gleich super. geiler wellblech-new wave. "the shining moon, the dead old tree...."

    und dann kam der schock. bis auf das abgedrehte "street crazies" und "life of work" fand ich alles furchtbar. das ist ja schon ein stilistisches gefälle, kommend von "cry for love"/"passenger"/"real wild child", landend bei "ordinary bummer" und co. war das allen ernstes derselbe mann?

    ich hab die platte dann erst einmal liegen lassen. zwei jahre später - anno "instinct" - rausgekramt und mich ab dann sofort in die ganze lp verliebt. lag wohl auch daran, dass mir zwischenzeitlich sachen wie psychic tv oder throbbing gristle nicht mehr fremd waren. da war die range schon breiter.

    • Vor einem Jahr

      Wer's braucht.

    • Vor einem Jahr

      Schön, das mal sagen zu können: Da ich die Platte nicht selbst miterlebt habe, ist das in der Retrospektive schon arg spleenig. Bin erst ca. 95 auf Iggy gestoßen, von daher kann ich allen 80er Scheiben aufgrund ihrer Produktion nur weniges abgewinnen. Wofür einige tolle Songs (etwa auf "Instinct" und "Blah Blah Blah") nix können, wär vielleicht mal ne Idee die heute alle nochmal neu aufzunehmen ;)

    • Vor einem Jahr

      das geht mir natürlich anders, weil miterlebt. diesen gummi-hardrock der instinct mag ich total. kann aber verstehen, wenn man das "weder fisch noch fleisch" empfindet.

      "blahblahblah" hingegen halte ich für großen 80er pop. hat bowie mit derselben eleganz gedengelt wie simultan "absolute beginners". allein schon diese opulente einsamkeit von "hideaway" - ein hammer.

      damals hab ich ihn erstmals live gesehen. total knuffig, wie er bei "nightclubbing" fürs publikum ein paar deutsche brocken einwarf. "nachtschwärer, wir sind nachtschwärmer" sollte es sein. es klang aber wie "nacktschwimmer".

    • Vor einem Jahr

      wesentlich an Bowies Sound ab ca MItte 70 war der grandiose Carlos Alomar an der Gitarre, bei Iggy natürlich auch.

    • Vor einem Jahr

      den carlos halte ich ja auch für unterschätzt. eartl slick war auch gut bei david.