laut.de-Kritik

Minimalistische Spoken Word-Hommage an Walt Whitman.

Review von

Parallel zum Iggy & The Stone Age-Album "Post Pop Depression" (mit Teilen von QOTSA und Arctic Monkeys) erscheint mit "Leaves Of Grass" ein weiteres Highlight featuring Iggy Pop. Während der Stooges-Kopf allerorten vor allem als Urvater des Punk wahrgenommen wird, ist Jim Osterberg längst ausdrucksvoller Interpret literarischer Vorlagen. Nach Edward Gibbons ("American Caesar") und Houellebecq ("Préliminaires") ist dieses Album eine Würdigung der Gedichte Walt Whitmans. Die musikalische Untermalung steuern Tarwater und Alva Noto bei.

Letztere haben keinen leichten Job. Gerade bei Lyrikvertonungen ist die Gefahr des Scheiterns groß. Weder mag man so dezent agieren, dass die Klänge überflüssig anmuten. Noch darf es in Kitsch oder Vordergründigkeit ausarten. Eines der furchtbarsten Negativbeispiele bleibt hier das unrühmliche Erlegen von Rilkes "Der Panther" durch die Letzte Instanz. Doch die deutschen Soundtüftler sind ihrer Aufgabe gewachsen: Tarwater stehen zu Recht für ästhetische Spitzenklasse nach ihren Soundscape-Kollaboration mit Tuxedomoon oder Kreidler.

Elektroman Alva Noto hingegen bietet Bandprojekte mit Pops Freund Ryuichi Sakamoto ("Risky") oder Blixa Bargeld als gewichtige Referenzen auf. Das Gespann Tarwater/Noto ergänzt sich vortrefflich. Ihre Klänge fließen nahtlos ineinander. Mal betonen sie den synthetischen Anteil, im nächsten Moment erscheint ein Schlenker von Gitarre oder Piano im Fokus. Der Grundton bleibt weitgehend perkussiv. Immer darauf bedacht, die Eigendynamik der Spoken Words zu umspülen, ohne sie hinfort zu waschen.

Iggys charismatisches Timbre verkörpert Whitmans kraftvolle Zeilen nahezu seelenverwandt. Sehr zurückgenommen und nuanciert legt er die Rezitation an. Hinzu gibt er einen brummigen Tonfall, der Whitmans Unangepasstheit scharf illustriert und genau so klingt, wie der Poet auf späten Bildern aussieht. Alle Texte stammen aus Whitmans einflussreichem Hauptwerk "Leaves Of Grass" (1891), das über 400 Gedichte umfasst.

Iggys gelungene Hingabe verwundert kaum. Beide Freigeister waren ihrem Land immer einen Schritt voraus. Whitman stand als Transzendentalist im Widerspruch zum puritanisch-religiösen Mainstream, schrieb rebellisch offen über Sex und trat für Freiheit und Individualismus ein ("Resist much, obey little!"). Sogar die starke Naturverbundenheit teilt er mit dem "King Of The Dogs". Jede einzelne Facette kommt in den tadellos ausgewählten sieben Tracks zum Ausdruck. Wohltuend verzichtet das Trio dabei auf jegliche popkulturelle Anbiederung und lässt den obligatorischen Whitman-Verdächtigen "Oh Captain, My Captain" ("Club Der Toten Dichter") außen vor.

Dafür hören wir einem literarisch ebenso revolutionären wie gesellschaftlich skandalösen Whitman zu, dessen Gedanken auch heute noch fortschrittlich wirken. Lakonisch und stolz spricht er in "A Woman Waits For Me": "Sex contains all, bodies, souls, (...), all the governments, judges, gods, follow’d persons of the earth. These are contain’d in sex as parts of itself and justifications of itself. (...) Without shame the man I like knows and avows the deliciousness of his sex. Without shame the woman I like knows and avows hers."

Die energetische Spannung dieser Worte setzt sich im zugehörigen Score angemessen fort. Ein kuscheliger Egg-Shaker trifft auf klinischen Minimal Beat. Alle Gegensätze finden schlussendlich samt Iggys Stimme zur souveränen Einheit. Da macht es fast nichts, dass die Spielzeit nur auf Mini-LP-Länge rangiert. Unbedingte Kaufempfehlung für diese ganz und gar andere Iggy Pop-Platte.

Trackliste

  1. 1. As Adam Early In The Morning / I Am He That Aches With Love
  2. 2. Ages And Ages Returning At Intervals
  3. 3. From Pent-Up Aching Rivers
  4. 4. A Woman Waits For Me
  5. 5. Out Of The Rolling Ocean The Crowd
  6. 6. To The Garden The World
  7. 7. Leaves Of Grass

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