laut.de-Kritik

Gute Laune-Tracks, Protestsongs und wehklagende Balladen.

Review von

Das zweite Album des ungleichen Duos Annette Humpe und Adel Tawil, die auf ihre Weise nicht perfekter zusammen passen könnten, beginnt mit der Singleauskopplung "Vom Selben Stern". Der rhythmisch-mitreißende Opener beschreibt gewissermaßen die Unterschiedlichkeiten der beiden Bandmitglieder, die jedoch "weil Dich die gleiche Stimme lenkt, und Du am selben Faden hängst" trotz 26 Jahren Altersunterschied an einem musikalischen Strang ziehen.

Schade, dass sich "Junk" nicht zur ersten Single gemausert hat, denn da ist für jeden etwas dabei. Betrunkene Partygänger können in den Clubs in guter "Jump Around"-Manier zum wiederkehrende "Junk - Junk" auf der Tanzfläche mitbrüllend umherhüpfen, doch auch weniger zugedröhnte Zeitgenossen dürften diese "Lehn Dich Gegen Die Gesellschaft Auf"-Hymne schätzen.

Die Idee ist vielleicht nicht allzu innovativ, aber textlich ist der Protestsong sehr bewegend geraten. "Hände weg vom Junk, Du hast genug Klamotten im Schrank. Dein Leben ist noch lang, hör auf zu konsumieren", singt Annette mit ihrer hohen Stimme, während sich Adel für die Strophen zuständig erklärt und mich mit seiner sanften Stimme sofort überredet, gegen den Strom schwimmen zu wollen.

"Schütze mich" bestreitet Annette Humpe solo. Bläser und eine sanfte Solo-Trompete begleiten die klare Melodie. Textlich wirkt es etwas wehleidig, wenn Humpe wohl von ihrem Geliebten mit einer beinahe schon brechenden, schmachtenden Stimme fordert: "Mach mein Ego sanft und rein. Lass mich wie klares Wasser sein"; das unmögliche Begehren: "Und lass John Lennon wieder auferstehen" amüsiert.

Mit einem Lächeln auf den Lippen starte ich in "Nichts Bringt Mich Runter", einem netten Sommerliedchen, das meine gute Laune weiter nach vorne pusht. Von Großstadtgeräuschen wie Autohupen und Fahrradrattern eingeleitet, setzt eine fröhliche Gitarren-Melodie ein, die sich aus der Reggae-Ecke einschleicht. Tawil singt von Optimismus und guter Laune: "Und nichts bringt mich runter, ich flieg einfach weiter, auch ohne Ziel."

Ab "Mach Dein Licht An" beginnt der Abstieg. Ein paar Tracks kommen wahnsinnig jammernd und schmalzig daher, andere klingen - bis auf "Wenn Ich Tot Bin" - ziemlich belanglos. Leider fällt es schwer, den beiden ihre Texte abzukaufen. "Mach Dein Licht An" hört sich an wie 80ies Synthiepop. Der Reiz von Tawils glockenreiner Stimme geht im Verzerrer komplett verloren. Klar, der Song ist als Aufforderung zu verstehen, die vielleicht etwas härtere Töne braucht, doch passen die beiden Komponenten nicht wirklich zusammen.

"Ich Atme Ein, Ich Atme Aus", das zweite Humpe-Solo, tritt etwas forscher auf, aber auch um einiges unsympathischer. "Wenn Du mir nah sein willst, sei still und sitz ruhig neben mir." In "Brücke" jammert diesmal Tawil unendlich kitschig, und das Wehklagen zieht sich hinein bis in den nächsten Track "Ich Fürchte Mich".

Hingegen rührt das abschließende "Wenn Ich Tot Bin" wirklich zu Tränen. Begleitet von einem sanften Schlagzeug, einer gedämpften Trompete und einer gezupften Gitarre, singt Tawil so unglaublich gefühlvoll, dass man sich mit den beiden Ichs versöhnt. Er selbst spricht von einer großen Überwindung, die es gekostet habe, diesen Song zu singen. "Das war das Härteste, was ich je gesungen habe."

Die ersten sechs Songs sind eine gute Mischung aus Melancholie und schnellen Stücken mit aussagekräftigen Texten. Bei den folgenden Balladen will der Funke nicht wirklich überspringen, denn es fehlen einfach das Herz und die Ehrlichkeit, die für Glaubwürdigkeit sorgen könnten.

Trackliste

  1. 1. Vom Selben Stern
  2. 2. Junk
  3. 3. Stark
  4. 4. Schütze Mich
  5. 5. Nichts Bringt Mich Runter
  6. 6. So Soll Es Bleiben
  7. 7. Mach Dein Licht An
  8. 8. Dämonen
  9. 9. Ich Atme Ein, Ich Atme Aus
  10. 10. Brücke
  11. 11. Ich Fürchte Mich
  12. 12. Trösten
  13. 13. Wenn Ich Tot Bin

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