laut.de-Kritik

Zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt.

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Manchmal fragt man sich wirklich, was in den Hirnen mancher Kollegen vorgeht und mag am liebsten im Erdboden versinken. Da wäre zum Beispiel der Kerl, der es in "Man From The Magazine" auf das neue Haim-Album „Women In Music Pt. III“ schafftet. "Do you make the same faces in bed?", fragte er die Bassistin Este Haim in Anspielung auf ihre Bühnenpräsenz, die im Internet für einige Diskussionen sorgte. Was geht in so einem Kopf vor? Was für Reaktionen erwartete der Kerl? Fand er das in irgendeiner Art und Weise lustig? Junge, das geht dich einen Scheißdreck an. "Hey, man, what kind of question is that? / What did you really want me to say back?"

Nicht die einzige unangenehme Situation im Leben von Musikerinnen, die das gerade einmal zweiminütige, arg an Joni Mitchell erinnernde Stück beschreibt. Selbst wenn du schon zwei erfolgreiche Longplayer veröffentlicht hast, der Typ vom Musikladen reicht dir immer noch die Anfänger-Gitarre.

Das kleine Stück steht stellvertretend für das mittlerweile dritte, von Haim, Ariel Rechtshaid und Ex-Vampire Weekender Rostam Batmanglij produzierten Werk. Musikalisch hat sich einiges verändert. Vieles hier entfernt sich weit von dem, was man von der Band bisher kannte. Die drei Schwestern spielen voller Selbstvertrauen mit unzähligen Einflüssen und Genres. Trotz vieler überraschender Wendungen bewahren sie aber einen Kern ihres bisherigen Schaffens.

Hinzu kommt, dass ihre Texte nun weitaus deutlicher ausfallen. Vorbei sind die Zeiten von "You know I'm bad at communication / It's the hardest thing for me to do" ("The Wire"). Haim möchten 2020 so einiges mitteilen.

In "Los Angeles" begrüßt "Women In Music Pt. III" für einen winzigen verwirrenden Augenblick mit Jazz. Der Schritt wäre dann aber wohl doch (noch) zu groß gewesen, also biegt ein blecherner 1990s-Drumloop schnell in eine andere Richtung ab. Zu leichten Dub-Elementen und Funk-Gitarren denkt Danielle darüber nach, aus ihrer Heimatstadt zu fliehen. Doch wohin? "New York is cold / I tried the winter there once / Nope!" Eine Orgel und das herausstechende Baritonsaxophonsolo von Henry Solomon geben dem Lied eine ganz eigene Klangfarbe.

Er und die Stadt der Engel bilden den Link zu "Summer Girl", das das Album beendet und so eine Klammer um dieses schließt. Ein ebenso lässiger Song, mit dem Danielle ihren an Hodenkrebs erkrankten Partner und Produzenten Rechtshaid aus der Ferne Mut und positive Energie senden wollte. "Ich wollte sein Sonnenschein sein - sein Sommer, als er sich schlecht fühlte." Dabei bedienen sich Haim leider viel zu offensichtlich an Lou Reeds "Walk On The Wild Side". So sehr, dass der Track kaum eigenen Charme entfalten kann.

Etwas, was auf den restlichen "Women In Music Pt. III"-Stücken weitaus besser gelingt. "The Steps" erinnert zwar an die frühe Sheryl Crow, verkümmert jedoch nicht zu einem Plagiat. Der Text rechnet mit einem Mancho-Freund ab: "And every day I wake up and I make money for myself / And though we share a bed, you know that I don't need your help / Do you understand?"

"3am" könnte nicht weiter davon und von dem, was man von Haim bisher kannte, entfernt sein. Zu 1990er TLC-R'n'B und "What's uuuuup?"-Voicemail-Nachrichten berichtet es von einem nächtlichen Booty Call. Das ist aber noch gar nichts gegen das verblüffend seltsame "Another Try", das wohl am ehesten an einen Dub-Remix eines Ace Of Base-Songs erinnert. Klingt komisch, funktioniert aber.

Damit man sich in all dem Experimenten nicht zu verloren fühlt, führen "Don't Wanna" und "Now I'm In It" noch einmal zurück zu den klassischen Haim. In "Leaning On You" gibt es dann noch einmal die volle Fleetwood Mac-Breitseite. "Never Going Back Again" diente deutlich als Vorlage. Die Referenz fällt nicht so deutlich wie in "Summer Girl" aus, daher funktioniert das Lied besser. Doch wenn etwas "Women In Music Pt. III" im Weg steht, dann diese oft viel zu sehr an den Vorbildern vorbei schrammenden Ideen.

Im Vergleich zu "Woman In Music Pt. III" wirken die ersten beiden Haim-Alben wie ein warm laufen auf das, was ab nun noch folgt. Wie auf einem Flohmarkt wühlt sich die Band liebevoll durch die 1970er, 1980er und 1990er. Mal greifen sie zu einem für sie klassische Setting, dann kombinieren sie die seltsamsten Farben mit ihrem Songwriting.

Heraus kommt ein zeitweise brüchiges, an manchen Ecken reichlich knarzendes Ding, mit einer ganz eigenen Dynamik. Ein mehrdimensionales Werk, das durch seine Experimente verletzlich und daher erst wirklich lebendig durch all ganz unterschiedliche Style wechselt. Zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Was die Songs auf "Woman In Music Pt. III" schließlich vereint, ist die beeindruckende Neugierde und der Wunsch, sich zu versuchen und weiterzuentwickeln.

Trackliste

  1. 1. Los Angeles
  2. 2. The Steps
  3. 3. I Know Alone
  4. 4. Up From A Dream
  5. 5. Gasoline
  6. 6. 3am
  7. 7. Don't Wanna
  8. 8. Another Try
  9. 9. Leaning On You
  10. 10. I've Been Down
  11. 11. Man From The Magazine
  12. 12. All That Ever Mattered
  13. 13. FUBT
  14. 14. Now I'm In It
  15. 15. Hallelujah
  16. 16. Summer Girl

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4 Kommentare mit 5 Antworten

  • Vor einem Jahr

    Dieser Kommentar wurde vor einem Jahr durch den Autor entfernt.

  • Vor einem Jahr

    Himmelhoch jauchzende und zu Tode betrübte Alben garantieren meistens eine gute Bewertung auf laut.de, siehe diese Rezi ;-)
    https://www.laut.de/Judith-Holofernes/Albe…

  • Vor einem Jahr

    Coole Band, schon immer gewesen. Wird gecheckt

  • Vor einem Jahr

    Bin erstmalig auf HAIM aufmerksam geworden, als "Summer Girl" letztes Jahr released wurde. Hat mich sofort begeistert und lief dann zig mal durch - gerade weils dann eben doch deutlich grooviger und aufheiternder auf mich wirkt als Lou Reeds etwas angestaubtes Original - no offense! Bleibt ja trotzdem ein Klassiker.
    Im Zuge dessen lief jedenfalls der YT-Algorithmus heiß und empfahl mir die nächsten Monate ständig Videos und Live-Auftritte von HAIM. Hab mir vieles davon angesehen und bin mit der Zeit auch Fan geworden, weil die Drei musikalisch wirklich was drauf haben und sich das gerade auch auf der Bühne zeigt. Es ist schon toll, mit welcher Freude alle drei Frauen beispielsweise das Schlagzeug als zentralen Teil ihrer Musik verstehen und dieses abwechselnd bearbeiten. Das Gespühr für Rhythmus kommt wohl daher und bereichert viele ihrer Songs ungemein. Natürlich gefällt mir auch nicht jeder Song, so zum Beispiel "The Steps" vom neuen Album, aber die anderen Vorabsingles, EPs oder auch Songs früherer Alben gefallen ausgesprochen.
    Freu mich nun aufs neue Album und bin mal gespannt, ob was dabei ist für mich. Live würde ich mir sie definitiv mal geben - nach Corona hoffentlich!