laut.de-Kritik

Das Ergebnis von 2017 Tagen Kopfzerbrechen.

Review von

Der 28. November 2014 dürfte für Haftbefehl wohl Fluch und Segen zugleich darstellen. Mit seiner vierten Soloplatte "Russisch Roulette" gelang dem Offenbacher mehr als ein einschneidender Moment in der Deutschrap-Historie. Haftbefehl packte darauf bestens Geschichten aus der Frankfurter Unterwelt mit einem ureigenen rotzigen Straßenslang auf brachiale Monster-Produktionen von Bazzazian. Selten einigte sich eine ganze Szene so einvernehmlich auf eine Platte. Mehr noch: Aykut Anhan fand sich auch in den Feuilleton-Abteilungen der überregionalen Journaille wieder.

Exakt 2017 Tage sind seit dem Release von "Russisch Roulette" bis heute verstrichen. Dass Haftbefehl 2020 noch nicht komplett in Vergessenheit geraten ist, liegt ein gutes Stück weit am glorreichen und zeitlosen Vortrag seines letzten Werkes. Auch wenn 2015 das Mixtape "Unzensiert" und ein Jahr später "Der Holland Job" als Kollabo-Projekt mit Xatar erschienen, giert der Deutschrap-Kosmos seither auf den Solo-Nachfolger des Azzlackz-Oberhauptes. Fünfeinhalb Jahre später soll die Szene ihn bekommen.

"Das Weisse Album" hat Haftbefehl seinen neuen Wurf getauft. Der Name funktioniert zudem als Akronym. Liest man die Anfangsbuchstaben hintereinander, ergibt sich "DWA", das russische Wort für die Zahl Zwei. So viel Spielerei muss selbst auf der Straße erlaubt sein. Wer sich ein bisschen mit der Geschichte von Haftbefehl beschäftigt, dem dürfte nach wenigen Hördurchgängen schnell klar werden, dass der ausgeschriebene Albumtitel komplett schlüssig ist. Kokain bildet den übergeordneten Leitgedanken für die 14 Tracks. Haftbefehl portioniert sich das weiße Pulver allerdings in drei Linien, er setzt seine "1999"-Reihe mit den Teilen vier bis sechs fort. Dabei thematisiert Haftbefehl im Rahmen der Rauschdroge völlig verschiedene Blickwinkel und Zustände.

"Gib mir eine Tonne weiße Ziegelsteine, und ich baue ein Iglu / Ich hab' mehr Weißes gesehen als ein Eskimo", tönt Baba Haft im Opener "Bolon". Allein das musikalische Konzept des Tracks ist eine weitere Erwähnung wert. Haftbefehl steigt mit diesen Autotune-unterlegten Zeilen in ein kurzes Intro ein. Seine stimmliche Darbietung wandert aber zunächst aus einer gewissen Entfernung ins Ohr. Mit der Zeile "Respektloses Verhalten kann dir auf der Straße deine scheiß Knochen kosten / Wir leben, was wir reden, unser Verständnis von Hip Hop, du Fotze!" tritt Haftbefehl dann mit gewohnt brachialer Message in Erscheinung.

Nicht weniger Pulver verschießt Hafti in "Morgenstern". Er spielt auf die aktuellen Gepflogenheiten der Szene an, ohne dabei Namen zu nennen: "Ich krieg' ein Vorschuss pro Album, so viel wie du hast an Instagram-Likes / Milliarden-Klicks auf YouTube, doch live hört ihr euch an wie Miley Cyrus." Eine weitere Line auf dem Track lautet: "Schütt' mit Chivas auf dein Autotune-Gerät / dein Auto ist getunet, doch trotzdem kein Gerät."

Frei nach dem Motto 'Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?' zeigen diese Lines, dass Haftbefehl unberechenbar und für Gegensätze mehr als gut ist. Wo er eben noch den Einsatz von Autotune kritisierte, setzt er das Stilmittel neben "Bolon" wenig später auch in Songs wie "Ice", "Hotelzimmer" oder "Depressionen Und Schmerz" ein.

Mutig, aber sicherlich einkalkuliert, erscheint auch das Feature mit Shirin David. In punkto Eindringlichkeit gewinnt hier klar Haftbefehl: "069 die Vorwahl, jetzt wirds brutal / Hau dich Totalschaden, ohne Grund, ohne Moral / Ich bin jung, ich bin wild, ich bin asozial / Scheiß mal auf Arnold, ich bin Conan, der Barbar." Shirin David bleibt allerdings nicht Haftis einziges Ass im Ärmel. Mit Ufo361, Shindy, Marteria und Capo hat er sich weitere namhafte nationale Unterstützung gesichert. Internationaler Support kommt von Gucci Mane. Der gemeinsame Song "Ice" rasselt aufgrund der völlig überzogenen Autotune-Nutzung allerdings komplett am Hörnerv vorbei.

Während Haftbefehl beispielsweise in "KMDF" (Koka macht dich feucht) über die vermeintlich süßen Sünden der Droge referiert, kennt er auch die anderen Seiten ganz genau. In "RADW" (Rücken an der Wand) berichtet er über Probleme mit dem Gesetz, die ihm das "Gift in der Hand" bescherte. Immer dann, wenn Haftbefehl über Abstürze und die Schattenseiten des Rausches rappt, gewinnt "Das Weisse Album" inhaltlich an Tiefe ("Diese Sätze brechen Wände so wie Pink Floyd / Deepe Message in die Fresse – Diggi enjoy"). In "Depressionen Und Schmerz" verfällt Haftbefehl gemeinsam mit seinem Bruder Capo und merkt an: "Mein totes Herz schlägt schon lange nicht mehr". Auch in "Hotelzimmer "zeichnet Hafti ein dunkles und düsteres Bild und spricht von "Teufels Schuppen in der Nase".

Liest man obendrein noch beim sehr atmosphärischen "1999 Pt. 5 (Mainpark Baby)" zwischen den Zeilen, dämmert einem allmählich, warum Haftbefehl so lange für den Nachfolger zu "Russisch Roulette" gebraucht haben dürfte. In einer Sprachnachricht an Produzent Bazzazian redet Haftbefehl davon, eine "Auszeit" zu brauchen. Man ahnt, dass er sich für diese Platte den Kopf zerbrochen haben muss, um alles Vorherige in den Schatten zu stellen. Ein weiterer Grund für die lange Abstinenz dürften Haftbefehls Verpflichtungen als Familienvater sein. In "Papa War Ein Rolling Stone" verarbeitet er einerseits die schwierige Beziehung zu seinem Vater, der sich das Leben nahm, als Haftbefehl 14 Jahre alt war, wendet sich gleichzeitig aber auch an seinen Sohn.

Der Song besitzt, wie auch an vielen anderen Stellen der Platte zu hören ist, eine zweite Ebene. Unzählige Hip Hop-Referenzen zeigen, dass es für Haftbefehl neben Kokain, und allem was so entstand, auch andere Themen im Leben gibt: "Papa war ein Rolling Stone und Hip Hop war mein Rock 'n' Roll". Featuregast Marteria pflichtet bei: "Jigga war mein Mick Jagger." "Ich hab' die Sprache verändert in diesem Land – Mann, fick Hip Hop", unterstreicht Haftbefehl in "Trapking" zudem lautstark seine Pionierrolle.

"Das Weisse Album" beantwortet viele Fragen der letzten Jahre, die sich rund um Haftbefehl gestellt haben. Er hat sich seinen Schmerz von der Seele geschrieben und dürfte nun eine weiße Weste tragen. Mit seinem oft abgehackten Rap-Vortrag mit Straßenjargon und kratziger Stimme setzt Haftbefehl genau da an, wo er vor seiner Abwesenheit aufgehört hat. Dass dieses Konstrukt auf Albumlänge funktioniert, verdankt er auch Bazzazian, der Haftbefehl erneut überwiegend brachiale Produktionen liefert.

Auch wenn Haftbefehl unterschiedliche Facetten im Umgang mit Kokain beleuchtet, wäre inhaltlich sicher noch eine Schippe mehr Abwechslung möglich gewesen. Hier und da verliert sich "Das Weisse Album" mit seinen Uhren- Schmuck- oder Autometaphern manchmal zu sehr an der Oberfläche. Darüber sollte sich Aykut Anhan aber nicht wieder 2017 Tage lang den Kopf zerbrechen. Ein auf aggressiven Beats wild um sich schreiender Haftbefehl ist zweifelsohne besser als kein Haftbefehl.

Trackliste

  1. 1. Bolon
  2. 2. Morgenstern
  3. 3. KMDF feat. Shindy
  4. 4. Für Immer Reich
  5. 5. 1999 Pt. 4 (AloAlo)
  6. 6. RADW
  7. 7. Ice feat. Gucci Mane
  8. 8. Conan x Xenia feat. Shirin David
  9. 9. 1999 Pt. 5 (Mainpark Baby)
  10. 10. Hotelzimmer
  11. 11. Trapking feat. Ufo361
  12. 12. Depression Und Schmerz feat. Capo
  13. 13. Papa War Ein Rolling Stone feat. Marteria
  14. 14. 1999 Pt. 6 (Gabriel vs. Luzifer)

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