laut.de-Kritik

Den Eliten deftig ins Gesicht gespuckt.

Review von

Seit den frühen 1990er Jahren spielen die aus Santa Cruz kommenden Kalifornier von Good Riddance gegen soziale-, politische- und individuelle Ungerechtigkeiten sowie sonstige gesellschaftlichen Missstände an. Mit "Thoughts And Prayers" liegt nun vier Jahre nach "Peace In Our Time" bereits das zweite Album nach der 2012er Reunion vor.

Dass die Platte erneut einen stark politischen Einschlag hat, verdeutlicht bereits der Titel. Gemeinhin kommt die Phrase "Thoughts And Prayers" bei Trauerreden von Regierungsbeamten nach tödlichen Naturkatastrophen zum Einsatz, zuletzt verkam sie noch mehr zur Plattitüde nach Amokläufen.

Über den lyrischen Ansatz des neuen Albums sagt Frontmann Russ Rankin: "Ich möchte nicht ausdrücklich über ein Individuum schreiben. Aber ich bin sehr erpicht darauf, über Ressentiments sowie das politische und soziale Klima zu schreiben, welches solche Personen hervorbringen kann – einfach nur weil ich denke, dass das zeitloser ist." Wenig verwunderlich also, dass die neue Scheibe thematisch von der Wut über gesellschaftlich negativ beeinflussende Themen geprägt ist.

"The richest 1% of our country owns half of our country's wealth: 5 trillion dollars. You got 90% of the American public out there with little or no net worth. We make the rules, pal. ... Now you're not naive enough to think we're living in a democracy, are you, Buddy?" Jene, die Schere zwischen arm und reich thematisierenden Worte Gordon Gekkos aus Oliver Stones Epos "Wall Street" zu Beginn des Openers "Edmund Pettus Bridge" zeigen, dass die Skatepunks ihren politischen Ansatz ernst meinen. Zugleich thematisiert der Titel auch die tief in der amerikanischen Gesellschaft verwurzelten Widersprüche und ihre Bigotterie.

Namensgeber Edmund Pettus (1821 – 1907) war einerseits demokratischer US-Senator Alabamas und andererseits hochrangiges Mitglied des Ku-Klux-Klans. Die in Selma befindliche und nach ihm benannte Brücke erlangte inmitten der Bürgerrechtsbewegung im März 1965 weltweit traurige Bekanntheit aufgrund einiger von Martin Luther King angeführten Protestmärsche zur Aufnahme afroamerikanischer Bürger in die Wählerlisten. Zwei Märsche wurden dort von der örtlichen Polizei gewaltsam gestoppt. Erst der dritte Marsch brachte den gewünschten Erfolg – allerdings kamen dabei auch drei Menschen gewaltsam ums Leben.

"What's left to find with tolerance so distant?" heißt es in der nur 45 Sekunden andauernden Uptempo Nummer "Rapture". Der politische Widerstand setzt sich auch in "Don't Have Time" mit deutlichen Pop-Punk-Anklängen à la Blink 182 fort. "Just what have we done? / We killed a mothers only son / just to remain at number one" heißt es dort. In ähnlich ausgeprägt poppigen Klängen geht im Ermutigungssong "Wish You Well" zur Sache. Das trifft besonders auf den Refrain dieses Tracks zu, der zu den eingängigsten der gesamten Bandgeschichte zählt. "No Safe Place" und "Requisite Catastrophes" dümpeln ebenfalls im poppigen Fahrwasser dieser Art und hätten so auch Platz finden können auf dem Soundtrack irgendeiner drittklassigen Teenie-College-Kömodie.

Deutlich heftiger und aggressiver geht es in "Our Great Divide" zu, das die Polarisation der amerikanischen Gesellschaft mit Worten wie "we protest but it seems in vain shout each other down assigning blame /.../ Damnation salvation / words have served to bring us to our great divide / upbraided fixated / on an outcome unforeseen seek to despair" thematisiert. Definitiv der stärkste Song auf der Platte. Eine Neuerung gibt es auf der Scheibe obendrein: Das groovende und zum Teil an älteres Material der Band erinnernde "Lo Que Sucede" ist zur Hälfte auf Spanisch gesungen.

Auf "Thoughts And Prayers" liefern die Cali-Punks von Good Riddance genau das, was man von Ihnen erwartet: Zeitlose politische Botschaften verpackt in einen treibenden Mix aus melodischem Westcoast-Punk und Hardcore. Wie bereits auf dem Vorgänger erkennbar, dominieren heutzutage die melodischeren und etwas mehr in Richtung Pop-Punk gehenden Seiten. Dabei zeigt sich das unverkennbare Gespür der Band für treffsichere Hooks immer wieder aufs Neue.

Obwohl man sich beim Hören öfters wünscht, die Punker würden insgesamt härter zu Gange gehen, während sie den Eliten deftig ins Gesicht spucken, ist "Thoughts And Prayers" ein sehr solides Album geworden. Good Riddance prangern elende soziopolitische Zustände nicht nur in ihrer Musik an, sie werden auch selbst aktiv. Teile der Erlöse aus dem Verkauf der Platte gehen an die Second Harvest Food Bank und an Never Again MSD, beides gemeinnützige Einrichtungen. Skateboards raus und ab dafür!

Trackliste

  1. 1. Edmund Pettus Bridge
  2. 2. Rapture
  3. 3. Don't Have Time
  4. 4. Our Great Divide
  5. 5. Wish You Well
  6. 6. Precariat
  7. 7. No King But Caesar
  8. 8. Who We Are
  9. 9. No Safe Place
  10. 10. Pox Americana
  11. 11. Lo Que Sucede
  12. 12. Requisite Catastrophes

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1 Kommentar mit einer Antwort

  • Vor 2 Monaten

    Good Riddance?! In laut.de!? Das muss ein Versehen sein?!

    Aber zum Album: Auch wenn die hardcorelastigeren GR von vor 2003 mir besser Gefallen haben, sind die seither Rock-n'-Roll-lastigeren GR auch nicht wirklich unsympathisch. Nach wie vor gibt's eine oft angenehm kombinierte Mélange aus zuckersüssen Melodien einerseits und (seit 2003, wie schon gesagt) deftigem rumgepoltere andererseits, garniert mit Rankins oft säuerlich-ätzenden Texten, die zwar auch schonmal plakativ rüberkommen, aber immer noch millionenfach mehr Inhalt haben, als vieles, was man sonst so präsentiert bekommt. Eigentlich nicht viel Neues, die Mannen sind sich einfach treu geblieben. Schwanke zwischen 3/5 und 4/5.