laut.de-Kritik

Beatles-Freunde werden sich hier schnell wohlfühlen.

Review von

Am Fin de Siècle, es war 1888, begab sich der Maler Paul Gauguin nach Arles in Südfrankreich. Erwartet wurde er von Vincent van Gogh, der sich wie Gauguin von der impressionistischen Verfahrensweise abgrenzen wollte.

Glen Hansard hat unweigerlich eine Querverbindung zu dieser Rückblende. Sein erstes Album als Songschreiber, "Rhythm And Repose", entfacht seine Außenwirkung zunächst durch eine graphische Eindringlichkeit, die ihn in die Nähe der vielen Selbstbildnisse Van Goghs rückt. Hansards oranger Bart und feierlicher Ernst sind Erzeugnisse des nordirischen Künstlers Colin Davidson.

Hansard macht sich also auf zu neuen Ufern und entfernt sich von alten Gefilden. Namhaftes wie The Frames oder Gekröntes wie The Swell Season, an dem der Ire sein Handwerk erlernte und ausübte, musste er sprengen. Denn alle Projekte verliefen schlussendlich in eine Einbahnstraße, an deren Ende jetzt sein eigener Name rankt.

In "Bird Of Sorrow" singt Hansard mit so viel Anmut und raubeinigem Rausch für und wider die Tristesse, dass diese Schwermut beklommen macht. Doch dieser melancholische Mahlstrom ist ein Zeitzeuge, der so warmherzig, so charakterstark ist, dass nichts anderes als Hingabe möglich wäre. Sicher war Produzent Thomas Bartlett, der auch Antony and the Johnsons betreute, die richtige Wahl für diese Feinfühligkeit, die es braucht, um Hansards Hymnen in Moll glaubwürdig einzufangen.

Beatles-Fürsprecher werden sich in "Maybe Not Tonight" sehr schnell wohlfühlen. Eine Slide-Gitarre scheint so fern zu sein, dass sie ins Abseits rutscht. Hansard sitzt zwischen den Stühlen und verharrt zwischen Bleiben oder Gehen: "Though in time we've walked apart, you were always in my heart / Maybe we should say goodbye but maybe not tonight."

Schon zu Swell Season-Zeiten entstand der unverblümte Eindruck, Glen Hansard würde mit seiner Kreativpartnerin Markéta Irglová das Eremitentum vorziehen und mit der gemeinsam geschaffenen Musik eher in Klausur gehen, als sie ins Rampenlicht zu stellen. Auch Konzerte waren vom Nimbus einer Andacht umgeben.

"What Are We Gonna Do" beherzigt dieses stille Moment. Der Song nimmt sich des harmonischen Fortgangs von Paddy Caseys "Sweet Suburban Sky" an. Geigen schichten sich aufeinander, stehen dicht nebeneinander, wissen nicht, ob sie sich auffächern sollen zum großen klaren Klang oder sich eben Ton für Ton aneinanderreihen möchten. Das Soundbild steht bis zuletzt auf der Kippe, und auch Irglová, die in dieses Duett einsteigt, tut sich schwer in der Beurteilung Hansards: "I don't want to change you / But you're a long long way from the path you came."

Obwohl Hansard auf diesem Solitär-Pfad keinen großen Schritt in Richtung Umbruch geht, hat sich dennoch etwas geändert. Wenn er zum Ton ansetzt, taucht er endgültig ein in die Patina. Weil Hansard aber überaus inspiriert wirkt und vom Schaffensdrang nicht loslässt, beugt er der eigenen Musealisierung vor. Dieses Album könnte man in einen Rahmen fassen, aber sein Inhalt wäre immer noch gelenkig und lebhaft.

Van Gogh und Gauguin waren sich in jenem Sommer 1888 nicht sonderlich grün. Nach einem Streit verstümmelte Van Gogh sein linkes Ohr, Gauguin reiste ab. In einem unterscheidet sich Glen Hansard vom niederländischen Maler frappierend: In der Mitte des Booklets sitzt er, ein Arm liegt flach auf dem Tisch, der andere stützt den Kopf. Er lacht und im Hintergrund schimmert dazu das Wasser.

Trackliste

  1. 1. You Will Become
  2. 2. Maybe Not Tonight
  3. 3. Talking With The Wolves
  4. 4. High Hope
  5. 5. Bird Of Sorrow
  6. 6. The Storm, It's Coming
  7. 7. Love Don't Leave Me Waiting
  8. 8. What Are We Gonna Do
  9. 9. Races
  10. 10. Philander
  11. 11. The Song Of Good Hope

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