laut.de-Kritik

Dagegen wirken Kim und Yeezy nahezu bodenständig.

Review von

Das Stockacher Songwriter-Duo Glasperlenspiel um Carolin Niemczyk und Daniel Grunenberg befindet sich momentan auf der Erfolgsspur. 2014 sang die Band die Titelmelodie von GZSZ. Mit "Geiles Leben" landeten sie ein Jahr später beim Bundesvision Song Contest einen Achtungserfolg. Danach spielten sie im Vorprogramm von Helene Fischers "Farbenspiel"-Tour. "Tag X" (2015) prämierte man in Deutschland und in Österreich mit einer goldenen Schallplatte. Ebenso dürfte sich der Nachfolger "Licht & Schatten" aller Voraussicht nach wieder gut verkaufen.

Letzten Endes wartet diese Scheibe musikalisch zumindest mit ansprechend produziertem elektronischen Pop auf, der wahlweise mit Hip Hop ("Royals & Kings") und Dancehall ("Schloss") flirtet. Jedoch scheint das Wort Spannungsaufbau für dieses Duo nach wie vor ein Fremdwort zu sein. Im Grunde genommen hört man den gleichen euphorischen Refrain, unterlegt mit viel Gewummer und Effekthascherei, gefühlt mehr als einhundert Mal auf dieser Platte. Mit Überraschungen braucht man als Hörer sicherlich nicht rechnen.

Andererseits lässt sich die Musik gegenüber der inhaltlichen Ebene durchaus verschmerzen. Immer noch changieren Glasperlenspiel zwischen den Themen Freundschaft ("Willkommen Zurück"), Herzschmerz ("Schloss") und Trennung ("Feinde") hin und her. Dabei möchte sich die Band so natürlich und unverfälscht wie nur möglich zeigen.

Deswegen heißt es in "Royals & Kings" im Refrain: "Ich feier' uns so, wie wir sind, wir sind keine royals oder kings." Alles Geld der Welt scheint für diese Formation nichts wert zu sein. Wenn Summer Cem auf Autotune noch ein paar unmotivierte Lines zum Fremdschämen am Ende beisteuert, buhlen Niemczyk und Grunenberg bemüht um Street Credibility. Nur nimmt man ihnen diese Unterschicht-Attitüde als Hörer nicht ab. Demgegenüber sitzt Carolin gerade in der Jury von DSDS neben Dieter Bohlen. Das kann man dann doch als Doppelmoral betrachten.

Darüber hinaus zeichnen die beiden Musiker ein Idealbild einer Liebesbeziehung, das mehr einer Seifenoper denn dem echten Leben gleicht. Meinungsverschiedenheiten existieren für das Duo ohnehin nicht. Alles läuft für Caro und Daniel rund, perfekt und nach Plan.

Überdies finden die zwei Stockacher sich so dermaßen großartig, dass Kanye West und Kim Kardashian dagegen schon beinahe bodenständig wirken. Die ersten Zeilen dieser Scheibe verdeutlichen unmissverständlich, dass sie überhaupt nichts trennen kann. "Schatten und Licht gehören zusammen", singt Caro im Refrain von "Schatten & Licht". Gegensätze ziehen sich schließlich an.

Munter folgt im weiteren Verlauf eine leere Phrase nach der anderen. "Du bist das, was wichtig ist", lässt uns die Sängerin mit effektbeladener Stimme in "Du Bist" wissen. Natürlich hat sich an ihren Gefühlen für Daniel seit dem ersten Tag ihrer schicksalhaften Begegnung rein gar nichts geändert. "Unser Herz schlägt zweimal pro Sekunde, siebentausendzweihundertmal pro Stunde", heißt es in "Kleine Wunder".

Trotzdem sieht das Traumpaar in "Liebe Ist Safe" besorgt auf den Zustand dieses Planeten. In dieser getragenen Midtempo-Ballade, die im Vergleich zu den restlichen völlig gleichförmigen Songs von der Stange mit ein wenig Abwechslung glänzt, möchte Caro auf die gesellschaftlichen Missstände hinweisen, wenn sie klagt: "Doch was ist, wenn die Liebe fehlt?". Allerdings benennt sie die Probleme kein einziges Mal konkret beim Namen. Das muss man ja nicht unbedingt, wenn man sich vor Glück kaum retten kann. Der feindseligen Stimmung in diesem Land hält sie entgegen: "Unsere Liebe ist safe."

Das Duo präsentiert sich in "Diese Zeit" "so völlig immun gegen schlechte Vibes". Dazu erschallen "Oh-Oh-Oh"-Chöre von der Deutschpop-Resterampe. Als Hörer könnte man spätestens jetzt allmählich verzweifeln. Schlimm, wenn zwei Menschen sich lieb haben und es der ganzen Welt permanent unter die Nase reiben müssen.

Nichtsdestotrotz schlägt die Band mit ihren Kalenderblattweisheiten à la Julia Engelmann endgültig dem Fass den Boden aus. Wenn für die heutige Generation Y Depressionen mit einer Grapefruit zum Frühstück verschwinden, lässt sich demzufolge in "Nächte Ohne Fotos" "Liebeskummer mit 'nem Schokomilchshake heil'n."

In schwierigen Lebenssituationen gibt Caro dem Hörer in "Narben" den Ratschlag: "Versteck' dich nicht, zeig' wie schön du bist." Anschließend ergänzt sie: "Du denkst, du bist nicht schön, doch ich seh' dich mit ander'n Augen." Tatsächlich? Dafür, dass sie und Daniel auf dieser Platte fast durchgängig im Mittelpunkt stehen, bleibt der Wahrheitsgehalt dieser Behauptung mehr als anzuzweifeln. Dennoch nehmen anscheinend genug Menschen dieses Stuhlkreis-Gesülze für bare Münze. Hermann Hesse hätte sich wahrscheinlich im Grab umgedreht.

Demgemäß erweist sich "Licht & Schatten" als ein Album, das auf penetrante Art und Weise Scheingefühle vermittelt. Glasperlenspiel passen sich auf dem Werk im Großen und Ganzen dem lyrischen Niveau von Julia Engelmann an. Zusätzlich dürften einige Nummern auf der Scheibe im Formatradio hoch unter runter dudeln. Der austauschbaren Musik dieses Duos kann man als Hörer also leider nur schwer entkommen.

Trackliste

  1. 1. Schatten & Licht
  2. 2. Willkommen Zurück
  3. 3. Royals & Kings
  4. 4. Nächte Ohne Fotos
  5. 5. Du Bist
  6. 6. Schloss
  7. 7. Feinde
  8. 8. Doppelt So Schön
  9. 9. Kleine Wunder
  10. 10. Diese Zeit
  11. 11. Narben
  12. 12. Lieblingslied
  13. 13. Liebe Ist Safe
  14. 14. Royals & Kings (Radio Edit)

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