laut.de-Kritik

An Shirley Mansons Stimme ziehen die Jahrzehnte einfach vorbei.

Review von

Garbage veröffentlichen eine "Anthology": Das sind gut zwei Stunden Musik - zumindest auf CD, auf Vinyl etwas weniger. Die Freude ist zunächst groß: 35 Singles einer der wichtigsten, wenn auch nicht kommerziell erfolgreichsten US-Alternative-Bands, die sich die Zweitverwertung ihres Katalogs angesichts jüngster Veröffentlichungen auch verdient hat. Ein kurzer Durchblick zeigt: "Supervixen", "Temptation Waits" und das feine "Wolves" fehlen, sonst sind zumindest auf CD alle Singles dabei.

Das überrascht insofern, als dass die US-Band diese Sammlung mit der Begründung veröffentlichte, anders als bei der ersten Compilation "Absolute Garbage" hier bei der Auswahl beteiligt gewesen zu sein. Dass die erwähnten drei Songs fehlen, spricht nicht unbedingt für die kuratorische Kreativität der Beteiligten. Zumindest sind die Songs, die auf der LP fehlen, aber vernünftig und nicht nur nach früherem Verkaufserfolg ausgewählt, auch wenn man gerade Songs von "Bleed Like Me" vermisst. Die LP hat eine insgesamt härtere Gangart, was Garbage aber schon immer vernünftig stand.

"Vow" eröffnet den Reigen und zeigt eindrucksvoll, warum das Quartett schon so lange erfolgreich ist. Die zunächst klassische 90-Alternative-Nummer mit leichtem Shoegaze-Einschlag überzeugt nicht nur dank des affektierten Gesangs der schottischen Shirley Manson, an deren Stimme die Jahrzehnte einfach vorbeizogen, sondern insbesondere aufgrund des flotten, abwechslungsreichen Songwritings. Wie klasse die für Garbage charakteristische Mittelstelle ist, auf der der Song nochmal Kraft holt, hat man im Laufe der Jahre fast vergessen.

Die Zahl der Songs, die man partout nicht aus dem Kopf bekommt, ist ohnehin groß. "#1 Crush" steht für die 90er wie kaum ein anderer Song, seine Sogwirkung nimmt den Hörer einfach mit in diese Zeit. Und "Push It" ist immer noch der beste Song für den distinguierten Fitnessstudio-Kunden. Das Songwriting-Level befindet sich in der gehobenen Klasse, "I Think I'm Paranoid", "Why Do You Love Me", die Liste ist lang. Vor einer angriffslustigen, mitreißenden Manson hätte selbst Marilyn Respekt.

Ausfälle sind leider vorhanden, und das ist frustrierend, weil eine besser kuratierte Best-Of von Garbage locker 35 Songs auf 5-Sterne-Niveau füllen könnte. Aber das gilt nicht für die hier exklusiv berücksichtigten Singles. "Automatic Systematic Habit" ist ein schwacher Ausflug in der Band fremdgebliebene Elektro-Gefilde. "Beautifulgarbage" zählt zur langweiligsten Ära der Band: Pflichtschuldige Durchhängersongs ohne Inspiration. Das als "super rar" angepriesene "Witness To Your Love" kann wenig, eine eher zähe Nummer ohne Drive und Emotion. Songs wie "Subhuman" sind wiederum Kinder ihrer Zeit und entsprechend mittelmäßig gealtert, obgleich sie eigentlich gutes Material darstellen.

Insgesamt sicherlich ein lohnender Einstieg ins bzw. Überblick auf das Schaffen der nach wie vor aktiven Band. Oder in Shirleys Worten: "Diese Anthology ist ein Zeugnis von fast drei Jahrzehnten gemeinsamer kreativer Arbeit, unserer kollektiven Hartnäckigkeit und unserer erschreckenden Fähigkeit als Gruppe, regelmäßig rituelle Demütigungen zu ertragen. Ungeachtet der unvermeidlichen Veränderungen und Gezeiten in der Musikindustrie sind wir überrascht, dass wir immer noch hier sind, Platten machen und um den Globus touren."

Trackliste

  1. 1. Vow
  2. 2. Subhuman
  3. 3. Only Happy When It Rains
  4. 4. Queer
  5. 5. Stupid Girl
  6. 6. Milk
  7. 7. #1 Crush
  8. 8. Push It
  9. 9. I Think I’m Paranoid
  10. 10. Special
  11. 11. When I Grow Up
  12. 12. The Trick Is To Keep Breathing
  13. 13. You Look So Fine
  14. 14. The World Is Not Enough
  15. 15. Androgyny
  16. 16. Cherry Lips (Go Baby Go!)
  17. 17. Breaking Up The Girl
  18. 18. Shut Your Mouth
  19. 19. Why Do You Love Me
  20. 20. Bleed Like Me
  21. 21. Sex Is Not The Enemy
  22. 22. Run Baby Run
  23. 23. Tell Me Where It Hurts
  24. 24. Witness To Your Love
  25. 25. Blood For Poppies
  26. 26. Battle In Me
  27. 27. Automatic Systemic Habit
  28. 28. Big Bright World
  29. 29. Control
  30. 30. Empty
  31. 31. Magnetized
  32. 32. Even Though Our Love Is Doomed
  33. 33. No Horses
  34. 34. The Men Who Rule the World
  35. 35. No Gods No Masters

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3 Kommentare mit 4 Antworten

  • Vor 11 Tagen

    Kann mich noch gut daran erinnern wie ich 1995 vom CD Händler kam mit dem Debütalbum in der Hand.
    Prompt lief ich einem, nennen wir ihn „etwas schrägen,“ Kumpel in die Arme der mit Blick auf diese rosanen Federn des Covers meine sexuelle Ausrichtung in Frage stellte.
    So war es nunmal als Teenie in den Neunzigern, Gott sei Dank haben wir solche Ressentiments in 2k22 weit hinter uns gelassen, oder? ODER?

    Achso OnTopic
    Garbage natürlich eine fantastische Band, die ich komischerweise auch immer in Verbindung mit den Smashing Pumpkins und Skunk Anansie bringe (war nunmal meine Playlist damals).
    Hätte mir damals jemand gesagt dass es Garbage sein werden, die in 30 Jahren noch toll klingen, ich hätte es nicht geglaubt.

  • Vor 11 Tagen

    Das Debüt 1995 rauf und runter gehört, weil viel zugänglicher als Nirvana oder die Smashing Pumpkins. Und die Version 2.0 halte ich nach wie vor für eines der besten Alben der 90er. Danach kamen sie meiner Meinung nach nie wieder in diese Sphären, aber dass es sie noch gibt freut mich trotzdem. Statt eines zweiten Best Ofs hätte ich mir allerdings lieber ein neues Album gewünscht.

    • Vor 10 Tagen

      Ich wusste gar nicht dass es schon ein Best-Of von Garbage gab...

    • Vor 10 Tagen

      2007 und hieß Absolute Garbage, da hatten sie erst vier Alben draußen...

    • Vor 10 Tagen

      Ja, irgendwie gings nach der Platte etwas bergab. Eventuell wäre es an der Zeit gewesen, Experimente zu machen, anstatt auf einem - immerhin - überdurchschnittlichen Niveau denselben Stil zu behalten. Ohne richtig starke Songs zieht das über die Jahre einfach nicht, so daß mit jeder Platte die Frage aufkam: Die gibts noch?

      Aber allein schon diese Konsequenz und die Tatsache, daß es keine mordspeinlichen Aussetzer gab, reichen um die Band sehr respektabel zu finden.

    • Vor 9 Tagen

      @Ehrenfelder1978 vielen Dank für Schliessung der Bildungslücke!

  • Vor 10 Tagen

    Erstes Album Meilenstein, zweites war noch okay. Danach sehr lange musikalische Durststrecke. Aber seit "No Gods No Masters" ham se mich wieder. Bestes Album seit ihrem Debut. Mögen sie noch ein bisschen weitermachen. Tracklist der Best Of ist okay, wenn auch m.E. längst nicht alle Highlights drauf sind. Zum Kennenlernen reicht es allemal.