laut.de-Kritik

Die Mike Krüger-Werdung steht kurz bevor.

Review von

Funny van Dannens letztes Album "Geile Welt" kam einer Frischzellenkur gleich. Erstmals arbeitete er im Studio mit einer kompletten Band zusammen. Wie positiv sich dies auf seinen Output auswirkte, macht erst "Come On - Live Im Lido" richtig klar. Hier kehrt der Liedermacher zu seinem ursprünglichen Live-Konzept zurück und wirkt dabei so altbacken wie noch nie.

In einer ewigen Dauerschleife, die direkt in die mittleren Neunziger führt, steht Funny allein vor seinem Publikum und erzählt seine neusten Geschichten. Das wäre soweit nicht schlimm, wenn man nicht alles, was er 2016 vorträgt, nicht an anderer Stelle von ihm schon weitaus nachdenklicher oder skurriler gehört hätte. Ohne eine Note gehört zu haben, ahnt man bereits, was man von Songs wie "Junge Stammzellenforscherin" und "Militärisch-Industrieller Komplex" zu erwarten hat. Über zwanzig Jahre auf lauthals lachen und traurig gucken konditioniert, weiß das Publikum auf die Sekunde genau, wie es zu reagieren hat.

"Braucht man dafür Emotionen? Nein, nicht für solche Sachen / Also gut, dann können die Emotionen jetzt mal Pause machen." Denn was "Come On – Live Im Lido" neben den besonderen Einfällen fehlt, sind Gefühle. Die Melancholie greift nur in den seltensten Momenten. Wenn van Dannen die Depression zum "Weltkulturerbe" erklärt, blitzt kurz auf, mit welcher einfachen Raffinesse der Sympathieträger seit jeher zwischen den Gefühlszuständen wie ein bipolar Gestörter umherspringen kann. "Gestern ist ein komisches Wort / Es besteht aus einem G, einem E und einem Stern."

Angst und Bange muss einem jedoch in den Augenblicken werden, in denen Funny in "Frozen Yogurt", "Schildkrötentanz" und "Lymphe" die Schenkelklopfer auspackt. Dann erinnert er mehr an einen alten Herren, der seit Jahrzehnten die immer gleichen drei Witze erzählt, als an den mit einem absurd-dadaistischen Scharfsinn ausgestatteten Sänger von einst. Dann steht seine Mike Krüger-Werdung kurz bevor. Dabei wächst ihm nicht etwa die Nase, sondern sein Humor schrumpft.

"Ich habe im Traum Wolfgang Schäuble verprügelt, was ich überhaupt nicht kann." Das Publikum so: "YEAH!" Dass der Sänger sich gerade munter bei sich selbst bedient und einfach thematisch "Westerwelle" ("Herzscheiße") noch einmal durch den Mixer jagt, darauf kommt es schon gar nicht mehr an. Der Blick auf seine Mitmenschen in "Wir Deutschen" wirkt ungewohnt verkrampft und undefiniert. Danke, Merkel!!!

Auf "Come On – Live In Lido" zünden die Gags nicht und die Melancholie bleibt schal. Verbraucht plätschern die Tracks am Hörer vorbei. Die einzige Emotion, die der Longplayer langfristig bietet, bleibt Enttäuschung. Hoffen wir, dass Funny van Dannen bei seinem nächsten, dann mittlerweile fünfzehnten Album, wieder etwas mehr wagt und ihm bessere Songs und Erzählungen einfallen.

Trackliste

  1. 1. Schön Singen
  2. 2. Der Albtraum
  3. 3. Junge Stammzellenforscherin
  4. 4. Wir Deutschen
  5. 5. Lymphe
  6. 6. Weltkulturerbe
  7. 7. Militärisch-Industrieller Komplex
  8. 8. Kurze Songs
  9. 9. Latente Homosexualität
  10. 10. Turbokrimi
  11. 11. Heb Mich Höher
  12. 12. Wir Gehören Zusammen
  13. 13. Frozen Yogurt
  14. 14. Sekogi
  15. 15. Gartenschlauch
  16. 16. Schildkrötentanz
  17. 17. In Einem Warmen Haus
  18. 18. Eine Wunderbare Heilige
  19. 19. Der Bank-Song
  20. 20. Langsamer Tanz

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Funny van Dannen ist Musiker, Maler, Geschichtenerzähler und Familienvater. Seine Arbeiten sind liebevoll durchgeknallt, engagiert, naiv und immer an …

5 Kommentare

  • Vor 2 Jahren

    So funny wie Die Prinzen und Reinhold Beckmann.

  • Vor 2 Jahren

    Och, drei Punkte ist mir das Album wert. Klar ist es eine Enttäuschung nach "Geile Welt", und die aufgearbeiteten Ideen und die Routine tun der Scheibe auch nicht sonderlich gut. Unschön auch die Unbeholfenheit, mit der Funny van Dannen "Wir Deutschen" in den Sand setzt, oder die Fahrlässigkeit bei der Ausarbeitung der Idee zu "Turbokrimi" (da wär' deutlich mehr drin gewesen).
    Allerdings sind dann doch diese vereinzelten Perlen wie "Weltkulturerbe", "Latente Homosexualität" (ich weiß schon sehr genau, wie ich das in nächster Zeit im Bekanntenkreis unterbringe), "Heb mich höher", "SEKOGI", "Der Bank-Song" und "Langsamer Tanz", die die Veröffentlichung rechtfertigen, einzelne Schmunzler ("Kurze Songs", "Frozen Yogurt") großzügig mit eingerechnet.
    Die Verschleißerscheinungen sind allerdings schon ziemlich deutlich und erinnern an die "Trotzdem Danke"-Phase, wobei damals das Repertoire sein größtes Problem war, heute ist es eher das Schema F, mit dem er die Lieder darbietet.
    Gruß
    Skywise

  • Vor 2 Jahren

    https://www.youtube.com/watch?v=2z4hsbRSSEY

    Alter… ich hasse dieses pseudo-edgyge Spielen mit Klischees und Vorurteilen. Hauptsache im Ungefähren bleiben und nichts konkrets sagen.

  • Vor 2 Jahren

    Mike Krüger-Werdung....ist das die Toten Hosen-Werdung für Liedermacher? :D