laut.de-Kritik

Dem Dr. Frankenstein des modernen Pop fehlen die Geniestreiche.

Review von

Wer ist eigentlich dieser Finneas, der die ganze Zeit mit Billie Eilish rumhängt? Während sich viele sporadische Gelegenheitshörer*innen diese Frage heute wahrscheinlich immer noch stellen, hat sich Finneas schon lange im Herzen der Pop-Welt festgebissen.

Angefangen als Billies exklusiver Produzent, stellt er zusammen mit seiner jüngeren Schwester seit "Ocean Eyes" die Musiklandschaft auf den Kopf. Nachdem Billie so in Windeseile zu einem Weltstar heranwuchs, blieb Finneas weitestgehend im Hintergrund, erarbeitete sich mit gerade einmal 24 Jahren allerdings den Status eines gefragten Produzenten und Kollaborationspartners für gefühlt jeden, der im Umkreis von Justin Bieber, Selena Gomez oder Camila Cabello nicht bei drei auf dem Baum ist.

Die eigene Arbeit blieb aufgrund dieser Umstände bis dato weitestgehend auf der Strecke. Für mehr als die EP "Blood Harmony" aus dem Jahr 2019 und einige Singles war im Terminkalender kein Platz. Das Debütalbum des umtriebigen Dr. Frankensteins der modernen Popmusik ließ also lange auf sich warten.

Im Lockdown fand Finneas endlich die Zeit, "Optimist" fertigzustellen und so ein Projekt ins Leben zu rufen, das vor allem zwei wesentliche Moods aufweist: Langsame, akustische, intime Balladen und eingängige Pop-Tracks, die sich gelegentlich ein paar Einflüsse aus anderen Genres wie R'n'B und Folk borgen. Während man in jeder der beiden Kategorie mindestens ein exzellentes Schmuckstück wie die sich nach Live-Shows sehnende Power-Ballade "A Concert Six Months From Now" oder den originellen Autotone-Pop-Track "The 90s" findet, wirkt der Großteil des Albums jedoch überraschenderweise austauschbar, unauffällig und uninspiriert.

Finneas' Piano-Balladen glänzen noch am ehesten. "Love Is Pain", "Only A Lifetime" und "What They'll Say About Us" sind zwar keineswegs weltbewegende Stücke, dennoch erzeugen sie immer wieder eine atmosphärische Gefühlslandschaft. Irgendwann ist die Magie dieses Effekts aber erschöpft, weshalb "Hurt Locker", "Someone Else's Star" oder das Instrumentalstück "Peaches Etude" trotz identischem Aufbaus, aber weniger prägnanter Aussagekraft, in der Folge eher farblos bleiben.

Um die Pop-Seite der Platte steht es allerdings um einiges schlechter. Hier trifft man vor allem auf eine ganze Welle an nichtssagendem Inhalt. Abseits des eingangs erwähnten "The 90s", gibt es kein Stück, das sich ernsthaft bemüht, im Gedächtnis zu bleiben. "Happy Now?" kursiert mit verspieltem Instrumental um die bereits millionenfach gestellte titelgebende Frage, zur deren Aufarbeitung Finneas leider sowohl lyrisch als auch musikalisch keine neuen Erkenntnisse beisteuert. Der Closer "How It Ends" beendet die LP wiederum mit Elementen wie einer formelhaften Kick-Snare-Kombi und kleinen Synth-Schnipseln, die zuvor in ähnlicher Form bereits zu Genüge recycelt wurden.

Den Tiefpunkt verkörpert dennoch "Around My Neck", das den Eindruck macht, als hätte Finneas während der Arbeit selbst gemerkt, wie generisch seine Kreation wirkt, und einfach aufgegeben. Die völlig deplatzierten Scream-Passagen, gepaart mit dem blassen und ausdruckslosen Instrumental, treffen die eigenen Erwartungen wie ein gut platzierter Leberhaken. Selbst Finneas' Gesang, Harmoniearbeit und melodische Verspieltheit, die im Verlauf des Albums ansonsten konstante Qualitätsmerkmale darstellen, sind in "Around My Neck" von Langeweile durchtränkt.

Trotz vereinzelter Highlights, ähnelt "Optimist" somit einem auf Hochglanz polierten Sportwagen, bei dem die letzten beiden Gänge klemmen. Das Album ist im Kern ein streckenweise gefühlvolles, emotional geschriebenes und hochwertig produziertes Statement eines der vielversprechendsten Talente unserer Generation. Allerdings verlässt Finneas zu keinem Zeitpunkt seine Komfortzone und scheitert am Sprung hin zu einem überdurchschnittlichen Gesamtpaket, das sein volles Potential ausschöpft und mit Sicherheit irgendwo verborgen in ihm schlummert.

Unabhängig davon, was man von Finneas' bisherigen Featureprojekten hält, hat es nach derart viel harter Arbeit wohl kaum jemand mehr verdient, endlich selbst im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Schade nur, dass er seine große Stunde nicht ausnutzt, bevor er in naher Zukunft wahrscheinlich erstmal wieder im Schatten seiner Schwester und anderer Pop-Giganten verschwindet.

Trackliste

  1. 1. A Concert Six Months From Now
  2. 2. The Kids Are All Dying
  3. 3. Happy Now?
  4. 4. Only A Lifetime
  5. 5. The 90s
  6. 6. Love Is Pain
  7. 7. Peaches Etude
  8. 8. Hurt Locker
  9. 9. Medieval
  10. 10. Someone Else's Star
  11. 11. Around My Neck
  12. 12. What They'll Say About Us
  13. 13. How It Ends

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