laut.de-Kritik

Giftpfeile, Herzschmerz und Mark-Forster-Stadionchöre.

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Vier Jahre liegt EstAs zweites Album "BestA" nun zurück. Während er abseits der Öffentlichkeit als Masterstudent und Songwriter produktiv blieb, fiel er vor der Kamera vor allem als rappendes Testimonial auf. Für seine Krankenkassen-Werbung bezog er jede Menge Häme. Auch wenn er sich übermäßige Kritik daran verbittet ("Ich breche euch den Rap-Sellout-Zeigefinger"), leistete er mit seinem Auftritt in Böhmermanns Neo Magazin Royale Wiedergutmachung. Mit seinem persönlichsten Album wischt er die Albernheiten der Vergangenheit nun endgültig aus dem Sinn.

"Nur Für Mich" ähnelt zu Beginn in weiten Teilen einer Coming-of-Age-Geschichte. "Ein Bewegtes Leben" schildert die Rückkehr von eben diesem in den Schoß der Familie, wo die Zeit seit der Kindheit eingefroren zu sein scheint. EstA ruft allgemeingültige Bilder hervor, die viele wohl problemlos mit eigenen Erinnerungen an die vielleicht längst verstorbenen Verwandten koppeln können. Warum sich allerdings die beschriebene ehrliche Erdung musikalisch in forsteresken Stadionchören verliert, bleibt sein Geheimnis.

Nach der Familie rückt er die Schlüsselfiguren seiner Karriere in den Fokus. "Verbrannte Erde" richtet sich an den namentlich hier nicht genannten Rap-Kollegen Twizzy, der von der RBA über das VBT bis zur Halunkenbande an seiner Seite stand. Was besagter Weggefährte nun Unverzeihliches getan hat, um "nur verbrannte Erde" zu hinterlassen, bleibt hier leider im Dunkeln. Wenig wohlwollende Worte richtet EstA in "Alle Gegen Alle Pt. 2" auch an seinen früheren Labelchef Saad: "Hab' mir diese Unterschrift bis heute nicht verzieh'n, denn ich hab' beim Teufel unterschrieben."

"Deadlines" beobachtet musikalische Trends aus kritischer Distanz. "Ich feier' Rap, vermisse bloß den Sinn", stößt er sich an der engen Themenpalette junger Chartstürmer und lässt dabei außer Acht, dass Rap wohl nie mehr Selbstzweck war als zu VBT-Zeiten, die EstA das ideale Sprungbrett geboten haben. Er schwingt sich lieber zum Kulturpessimisten auf, der über talentlose Studiorapper, gekaufte Klicks und inszenierte Auseinandersetzungen nur die Nase rümpft: "Ihr macht das nur, weil sich das Ganze gerade finanziell lohnt." Dabei tritt er selbst als Songschreiber für Adel Tawil in Erscheinung.

Natürlich handelt es sich dabei in keiner Weise um eine ehrenrührige Nebentätigkeit, doch bei einem vermeintlichen Vertreter des Backpack-Reinheitsgebots schwingt doch eine andere Erwartung mit. Zumal sich Pop-Einflüsse immer wieder in den Vordergrund drängen. "Auf Meine Weise" echot Savas' "Und Dann Kam Essah", bevor Ruinys Refrain den Song ins Süßliche kippen lässt. Jona steuert den Herzschmerz-Chorus auf Autotune zu "Irgendwo Da Oben" bei. Und im trotzigen "Jetzt Erst Recht" betont EstA im freudigen Singsang: "Kein Le-le-le und La-la-la, ich pass' da nicht ins Bild."

Der auch als Hauptproduzent auftretende Phil mimt für "Keine Chance" den raubeinigen Schlagersänger à la Ben Zucker. EstA gleicht den altmodisch wirkenden Song über die Verflossene durch das thematisch ähnliche, weitaus gelungenere Stück "Dein Herz" aus. Als ruhig reflektierender Erzähler gibt der frühere Battle-Rapper noch immer gütige, private Einblicke über Anfang und Ende einer Liebesbeziehung. Als Schwachpunkt sticht leider erneut der Radio-Refrain von All Things Eve heraus, der die Wahrhaftigkeit der Strophen mit künstlicher Sentimentalität attackiert.

"Nur für mich, egal, was all die ander'n erwarten." Mit dem genügsamen "Mehr Als OK" erreicht er die letzte biografische Wegmarke seines dritten Soloalbums. Auch wenn sich der Saarländer an der einen oder anderen Stelle den musikalischen Forderungen des Marktes unterwirft, stellt "Nur Für Mich" einen grundsympathischen Rückblick mit einem lachenden und einem weinenden Auge dar. Die nun anstehende Zukunft bleibt dagegen ungewiss. EstA nimmt sie furchtlos in Angriff: "Vielleicht das allerletzte Album, das ich schreibe. Oder wieder mal der Anfang einer Reise."

Trackliste

  1. 1. Nur Für Mich
  2. 2. Auf Meine Weise (mit Ruiny)
  3. 3. Ein Bewegtes Leben
  4. 4. Zeit (mit Eric Philippi)
  5. 5. Verbrannte Erde
  6. 6. Deadlines
  7. 7. Allein Gegen Alle Pt. 2
  8. 8. Jetzt Erst Recht
  9. 9. Keine Chance (mit Eric Philippi)
  10. 10. Dazwischen
  11. 11. Dein Herz (mit All Things Eve)
  12. 12. Augen
  13. 13. Irgendwo Da Oben (mit Jona)
  14. 14. SorryfürdasAlbum
  15. 15. Für Den Moment
  16. 16. Mehr Als OK

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