laut.de-Kritik

Durch raue See mit Kurs auf Danzig.

Review von

Das okkult anmutende Artwork deutet es an, die ersten Zeilen des Albums – "Ein schwarzes Kommando jagt den Kurier / Ich rauch' Dynamit, hab die Glut im Visier" – verstärken den Eindruck und die Musik lässt keinen Zweifel mehr: Erik Cohen wirft sich für "III" jede Menge Dreck unter die Räder und zieht die Schraube der Aggression im Vergleich zu den Vorgängeralben deutlich an.

Zwar wandelte Cohen noch nie durch illusorische Traumwelten à la Hollywood (was er auf "Weisses Rauschen" gar im Wortsinne besang), klang aber bislang doch deutlich aufgeräumter als jetzt. Ganz bewusst verlieh der Kieler seiner neuen Platte einen rohen, ungeschliffenen Sound. Die Songs klingen weniger nach einem Soloalbum, bei dem ein einzelner Visionär im Studio bis zur Deadline Feinjustierungen anstellt, sondern nach kernigem Kollektiv, das ohne Sperenzchen die Gitarren einstöpselt, den Amp aufreißt und einfach loslegt.

Man könnte jetzt losziehen und darauf herumreiten, dass Erik Cohen, Jan Späth (Gitarre), Björn Seiz (Bass) und Normen Rehse (Drums) das Rad ganz und gar nicht neu erfinden, während sie das machen. Oder man erkennt einfach an, dass so ein deutschsprachiger Danzig alter Schule vielleicht nicht das Schlechteste ist, was man sich 2018 auf die Ohren packen kann. Zumal Abwechslung im Hause Cohen nach wie vor zum guten Ton gehört.

Der Opener "Mexikanische Lieder" prescht gut nach vorn und clasht NWOBHM mit Stoner Rock. Das nachfolgende "Sonne" kommt mit entspannten Melodien und weckt latente Southern-Vibes. In "Fehmarn" startet Cohen als wäre es ein elektrifiziertes Singer/Songwriter-Stück, fängt passend zum Text, wo er Bezug auf Jimi Hendrix’ letztes Konzert beim Love-and-Peace-Festival nimmt, aber auch Rock'n'Roll-Stimmung ein. Auch die ebenfalls besungenen Ton Steine Scherben haben ihre Spuren hinterlassen. Das Gitarrensolo am Ende klingt jedenfalls mehr nach ihnen als nach Hendrix.

Seine (straßen)punkige Seite kehrt Cohen in "Belphégor" nach außen. Lyrisch bringt er in der düsteren Uptempo-Nummer Fantasy-Romane und Autobahnstau auf einen Nenner. Hier zeigt sich aber auch eine Schwäche von "III": Teilweise lässt sich die Devise "roh" nicht mehr eindeutig von "plump" unterscheiden. Das trifft sowohl auf die ohrenfällig gegrölte Parole "Scheiß Zwerge, scheiß Belphégor" zu, wie auch – noch mehr – auf die Stadionchöre in "Englische Wochen". Sie lenken etwas davon ab, dass "Englische Wochen" freilich mit Suffkopp-Schlager wenig am Hut hat – allein schon deshalb, weil Cohen im Song die Fußball-Leidenschaft nicht zum Ausdruck bringt, indem er von Sieg singt, sondern indem er eine Niederlage skizziert.

Arrangementtechnisch gehen Cohen und Band sehr basisch zu Werke: Gitarre, Bass, Schlagzeug, Gesang – das reicht. Die Songs kommen dementsprechend sofort auf den Punkt, verfügen über klare Melodien und Riffs, für Spielereien ist kein Platz. Der Ansatz spiegelt sich auch in der Laufzeit nieder: nur eine gute, intensive halbe Stunde kriegt "III" auf die Uhr. Unnötigen Ballast lässt man als Kapitän auf rauer See eben lieber zuhause.

Wer Erik Cohen bisher für zu soft oder "nett" befand, könnte mit "III" neue Hoffnung schöpfen. Denn hiermit knallt der Smoke Blow-Fronter ein knackiges Hardrock/Metal-Scheibchen vor den Latz und wildert in den Jagdgründen Monster Magnets, der Misfits und Backyard Babies. Fans der ersten beiden Alben müssen aber keineswegs verzweifeln, denn weder seine vielschichten Texte noch das Hymnenpotenzial hat Cohen über Bord geworfen – er verpackt es nur eben mit ein wenig mehr Haudrauf- und Schweiß-Attitüde.

Trackliste

  1. 1. Mexikanische Lieder
  2. 2. Sonne
  3. 3. Fährwolf
  4. 4. Fehmarn
  5. 5. Englische Wochen
  6. 6. Hart Am Overkill
  7. 7. Spur Der Steine
  8. 8. Belphégor
  9. 9. Altes Feuer
  10. 10. Gladiator

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2 Kommentare mit 4 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Album gefällt mir an sich ganz gut. Allerdings in den ersten malen hören nicht so viel besser als der Vorgänger. Mal schauen, ob horst71 wieder seine 4-5 Satzbausteine raushauen wird, was man durchaus tatsächlich könnte, oder ob es hier uncool ist, weil SB leftist Background haben :whiz:

  • Vor 3 Jahren

    Ich mag den Stil, vor allem beim Gesang. Den Songs hört man natürlich die Punk/Hardcore-Vergangenheit der Musiker an. Teilweise ist es mir zu simpel. Etwas mehr Abwechslung oder öfter mal ein Gitarrensolo wäre nicht schlecht gewesen. Mal schauen wie es mit der Haltbarkeit aussehen wird. Fürs erste Hören knappe 4/5.