laut.de-Kritik

Pommesgabel hoch für eins der besten Heavyrock-Alben.

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Die Spuren, die Ronnie James Dio im Laufe seiner Karriere hinterlassen hat, sind wahrlich respekteinflößend. Von 1975 an trat der Sänger mit dem beeindruckenden Organ ins Rampenlicht. Ein gewisser Ritchie Blackmore wollte mit ihm ein paar Songs aufnehmen, die er mit Deep Purple nicht umsetzen konnte. Aus diesen Aufnahmen gingen letztendlich Rainbow hervor. Diesen kehrte Dio 1979 den Rücken, um kurze Zeit später bei den Ozzy-losen Black Sabbath anzuheuern. Diese führte er zu neuen Höhen. Mit Iommi und Co. zerstritt er sich aber 1982 wegen des Mixes zur Sabbath Live-Scheibe "Live Evil".

Dio heulte ob des Splits aber keineswegs alleine und traurig in sein Kissen. Vielmehr verfolgte er seine alten Pläne, eine eigene Band zu gründen. Dieses Vorhaben hatte er für seinen Einstieg bei Black Sabbath auf Eis gelegt. Jetzt schien jedoch der ideale Zeitpunkt gekommen, um Nägel mit Köpfen zu machen. Zu diesem Behufe schnappte er sich den damaligen Sabbath-Drummer Vinnie Appice. Am Bass rekrutierte Ronnie Jimmy Bain, der auf Rainbows "Rising" die Stahltrossen zupfte.

Der vakante Posten an der Gitarre war zuerst für Jake E. Lee reserviert. Der machte jedoch kurz nach seinem Einstieg wieder die Biege, um ausgerechnet bei Ozzy Osbourne den verstorbenen Randy Rhoads zu ersetzen. Der Job blieb aber nicht lange verwaist. Dio bewies nicht zum letzten Mal einen guten Riecher für aufstrebende Gitarristen und verpflichtete den damals gerade einmal 20-jährigen Vivian Campbell. Jener spielte nach seiner Zeit bei Dio noch bei Whitesnake, ehe er bei Def Leppard ein dauerhaftes Engagement finden sollte.

Außer Campell hatten alle Bandmitglieder bereits ihre 15 Minuten Ruhm im Rampenlicht gehabt. Dennoch kennzeichnete die Aufnahmesessions eine überaus große Produktivität. In kürzester Zeit stampfte das Quartett neun Songs aus dem Boden, die im Longplay-Format ein Hardrock-Album ergeben, das zum besten der Hartwurst-Geschichte zählt.

Gründe hierfür gibt es einige. Die Musiker zogen alle an einem Strang. Das hört man dem Songwriting zu jeder Zeit an. Die Produktion verzichtet auf ausufernden Firlefanz, sondern kommt knochentrocken auf den Punkt. Schneidende Riffs, Hämmernde Beats, wummernde Basslines, und über allem thront diese unfassbare Stimme.

Ronnie James Dio war der anerkannte König der Rock-Shouter. Die Dynamik des Organs, das er auf der Pfanne hatte, beinhaltete einfach alles, das ein Könner seines Faches draufhaben musste. Von Säuseln über Knurren bis hin zu melodieseligen Harmonien beherrschte er alle Spielarten des vokalen Ausdrucks bis zur Perfektion.

Den entsprechend prominenten Rang bekamen die Vocals im Mix des Albums zugedacht, was der Atmosphäre der Tracks zugute kam. Dio nutzt die neue Selbständigkeit als Bandchef und drückt dem Album seinen unverkennbaren Stempel auf. Schon der Anfang mit dem noch recht generischen Uptemporocker "Stand Up And Shout" präsentiert die Band im vollen Saft. In etwas mehr als drei Minuten wird hier alles abgefrühstückt, das einen dynamischen Opener ausmacht. Arschtritt-Riffs, Tempo und, man kann es nur wiederholen: eine göttliche Gesangsdarbietung.

Dies markiert aber nur das Aufwärmprogramm für das, was noch folgen soll. Mit dem Titeltrack der Scheibe setzt sich Ronnie James Dio ein bis heute unerreichtes Denkmal. Mystische Keyboardklänge begleiten Windrauschen und Donner, im Hintergrund heult irgendetwas mit langen spitzen Zähnen, und dann setzt dieses Gitarrenriff ein! Campel schleudert die Sechzehntel raus. und der Rhythmus hoppelt von dannen.

Was Dio mit dem Text sagen wollte, wird für immer sein Geheimnis bleiben. Verklausuliert wie eh und je, mit (biblischen) Symbolen und Gleichnissen nur so um sich werfend, entsteht hier ein Bild vor Augen des Hörers, das in Richtung Apokalypse tendiert. Man muss aber nicht wirklich wissen, was es mit dem ins Wasser Getunkten auf sich hat oder wohin der Tiger nun abzischt oder warum die Diamanten leuchten, der Song bleibt ein Monument des Heavyrocks. Look out!

Wer mit "Gypsy" gemeint ist, bleibt ebenfalls im Dunkeln. In diesem Midtempo-Stampfer kreischt sich Dio einen von der Palme und bedient sich sogar bei Procol Harum, wenn er vom "paler shade of white" fabuliert. Danach wirds etwas verwirrend. Das Riff zu "Caught In The Middle" stammt ursprünglich aus dem Song "Straight Through The Heart" Von Vivian Campbells Ex-Band Sweet Savage. Moment mal. Jaha, ganz genau! In der Tracklist von "Holy Diver" findet sich ein Song gleichen Namens, der aber mit dem von Sweet Savage nichts zu tun hat. Alles klar?

"Don't Talk To Strangers" setzt dann ein weiteres Highlight und verdeutlicht, wie breit die stimmliche Palette des Sängers aufgestellt war. Über ein hübsches Akustik-Intro hauchsingt Dio seine Noten. Doch die liebliche Stimmung ist nur von recht kurzer Dauer. Nach etwas mehr als einer Minute bricht mit der Zeile "'cause they only bring you down" der Wirbelwind los. Wie Ronnie im weiteren Verlauf die Silben ausspuckt, sucht Seinesgleichen.

Ein weiterer Song, den man prominent erwähnen sollte, heißt "Rainbow In The Dark". Hier hört man zum ersten Mal Keyboards etwas prominenter. Der durchscheinende Pop-Appeal gründet sich aber nicht auf der Verwendung des Tasteninstruments. Die Melodie machts. Aus der zweiten Single-Auskopplung erwuchs aber keine zahme Radionummer. Von Anfang bis Ende kann der Headbanger hier die Pommesgabel auspacken, Feuerzeug-Romantik gibts woanders.

Apropos Pommesgabel. Das Cover-Artwork mit dem Herrn Dämon auf dem Cover dürfte bei religiösen Hardlinern 1983 für dezente Schnappatmung gesorgt haben. Auch die Verantwortlichen beim Label Mercury mussten schlucken. Die Idee zum Gemälde basiert zum größten Teil auf den Ideen von Dios Gattin Wendy. Die vordergründig einfach zu interpretierende Abbildung zeigt ein Monster, das einen Priester ertränkt. In einem Interview aus dem Jahr 2010 schiebt Dio selbst jedoch eine völlige Umkehr der Deutung nach: "Woher weißt du, ob auf dem Bild nicht ein Priester ein Monster ertränkt? Diese Sichtweise hat sich doch bewahrheitet, mit all den Problemen, die die katholische Kirche in den vergangenen Jahren hatte."

Die Tragik dieses Albums liegt einzig in seiner Großartigkeit begründet. Mit dem Debüt seiner eigenen Band erreicht Ronnie James Dio nämlich zugleich auch den Zenit. Mit keinem anderen Werk danach sollte ihm wieder ein so großartiger Wurf gelingen. Er schrieb auch weiterhin Songperlen. Auf dem Nachfolger "The Last In Line" glänzen der Titeltrack und das famose "Egypt (The Chains Are On)", das dritte Album "Sacred Heart" wartet mit dem gleichnamigen Lied und "Hungry For Heaven" auf. In der Summe erreicht aber nichts davon mehr die Klasse von "Holy Diver".

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Stand Up And Shout
  2. 2. Holy Diver
  3. 3. Gypsy
  4. 4. Caught In The Middle
  5. 5. Don't Talk To Strangers
  6. 6. Straight Through The Heart
  7. 7. Invisible
  8. 8. Rainbow In The Dark
  9. 9. Shame On The Night

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