laut.de-Kritik

Hieronymus Bosch, in Hardrock gemalt.

Review von

Rainbow. Ein absolut klangvoller Name, wenn es um Melodic Rock und Hardrock geht. Als sich Ritchie Blackmore zum ersten Mal von Deep Purple verabschiedete, hob er zusammen mit Ronnie James Dio diese feine Combo aus der Taufe, die für einige ganz hervorragende Großtaten verantwortlich zeichnet.

Die Formation des Regenbogens ging dabei recht rumpelig vonstatten. Im Münchener Arabella-Haus trafen sich Purple in der Mark-III-Besetzung, um sich auf anstehende Konzerte vorzubereiten. Während der Rehearsals brachte Blackmore ein Cover des Quartermass-Stücks "Black Sheep Of The Family" ins Gespräch, das seine Kollegen jedoch nicht spielen wollten. Beleidigt zog er sich in den Keller zurück.

Da sich dort auch die Musicland Studios befanden, borgte er sich einfach die Dienste von Ronnie James Dios Gruppe Elf aus und muckerte das Teil im Alleingang ohne seine Purples ein. Aus der Nummer erwuchs letztendlich ein ganzes Album, das er unter dem Namen Ritchie Blackmore's Rainbow auf den Markt warf. Die Chose gefiel dem Exzentriker am Sechssaiter so gut, dass er in der Folge Deep Purple den Stinkefinger zeigte und von dannen zog.

Der Grundstein für eine erfolgreiche Karriere mit seinem neuen Projekt war also gelegt. Um seine weiteren musikalischen Vorstellungen konkreter auszuformulieren, schien es dem Gitarrero jedoch angeraten, kräftig am Besetzungs-Karussell zu drehen. So flogen Micky Lee Soule (Keyboard), Bassist Craig Gruber und Schlagzeuger Gary Driscoll kurzerhand raus. An ihrer statt engagierte Blackmore den Keyboarder Tony Carey, Basser Jimmy Bain und Schlagzeug-Tier Cozy Powell.

In dieser Formation machten sich Rainbow an die Aufnahmen zu "Rising", dem in der Retrospektive wohl besten Rainbow-Werk überhaupt. Im Rückblick erscheint fast beängstigend, in welch kurzer Zeit die Herrschaften hier ein Überalbum vor dem Herrn eintrümmerten, das auch Jahrzehnte nach seiner Entstehung noch voll im Saft steht: Während eines einzigen Monats hatten die Musiker die sechs Stücke final im Kasten.

Vom Sound über das Songwriting bis hin zu den technischen Fähigkeiten der Beteiligten gibt es hier rein gar nichts zu bemängeln. Im Gegenteil: Auch wenn Dio später unter seinem eigenen Namen Großes vollbringen sollte, nie klang er so eindrucksvoll auf einem Studio-Album wie auf dem zweiten Rainbow-Output. Blackmores Gitarrenspiel erreichte neue Höhen, da er mehr orientalische Elemente einbezog und sich dem Instrument ohnehin auf eine anderen Weise zu nähern versuchte, indem er sich zusätzlich das Spielen des Cellos beibrachte.

Für den äußerst transparenten Sound von "Rising" zeichnete Martin Birch verantwortlich, der während der Siebziger bis weit in die Neunziger hinein alles produzierte, das im Hartwurst-Bereich Rang und Namen besaß. Neben Purple, Black Sabbath, Fleetwood Mac und Whitesnake waren das vor allem Iron Maiden, die er von "Killers" bis zu "Fear Of The Dark" auf ihrem musikalischen Triumphzug als Knöpfchendreher begleitete.

Den Anfang macht das treibende "Tarot Woman", das Keyboarder Tony Carey mit einem tiefen Grummeln einleitet. Über eine Minute darf er sich solo einen zurecht fudeln, ehe Blackmore sich sanft dazu rifft, bevor Bain und Powell dem Song einen kräftigen Arschtritt verpassen und alle unisono drauflos stampfen. Ein perfekter Opener, der genauso kompakt klingt wie die restliche knappe halbe Stunde von "Rising". Schon hier wird der technische Sprung deutlich, den Rainbow im Vergleich zum Debüt hinlegen.

Ausufernde Keyboard-Passagen wechseln sich mit Blackmores melodielastigen Pfeilspitzen aus der Stratocaster ab. Darunter wummern sich Bain und Drum-Octopus Powell ein Rhythmus-Fundament zurecht, das der Melodie-Abteilung erst den nötigen Freiraum zur Entfaltung gewährt. Über allem thront aber Dios Stimme, die von zartem Einschmeicheln bis aggressiven Shouts alles an Variantenreichtum auffährt, wofür der Sänger Zeit seines Lebens bekannt war. Der Herr hab' ihn selig.

"Starstruck", die Geschichte über ein stalkendes Groupie, mag nicht das Highlight des Albums darstellen, dennoch zeigen Dio und Blackmore mit beeindruckenden Riffs und toller Gesangsleistung, wie Blues-infizierter harter Rock klingen muss, um einen bei den Eiern zu packen. Gleiches gilt mit leichten Abstrichen für "Run With The Wolves" und den straighten "Do You Close Your Eyes".

Wer sich jetzt fragt, wieso das Album dann überhaupt in der Starkstrom-Gemeinde als unverzichtbar gilt, hat noch nie das Meisterwerk par Excellence gehört. Die Rede ist vom genialen "Stargazer", das nicht nur im Rainbow-Backkatalog einen mehr als prominenten Status einnimmt. Cozy Powell leitet das achtminütige Epos mit einem Trommelwirbel ein, ehe Ritchie Blackmore das Zepter mit einem Riff für die Ewigkeit übernimmt.

Leichte Led Zeppelin-Anleihen führen in den orientalisch anmutenden Chorus über, der direkt aus dem Soundtrack für ein Märchen aus 1001 Nacht stammen könnte. Dio singt sich die Seele aus dem Leib, während er die Geschichte eines Zauberers erzählt, der für sein Ziel, einer überirdischen Macht näher zu kommen, seine Anhänger versklavt.

Der Wahnsinn der Story steigert sich im musikalischen Abbild fast bis zur Besinnungslosigkeit, die die Instrumentalfraktion nur für kurze Verschnaufpausen unterbricht. Speziell im Mittelteil treibt Blackmore das Opus noch einmal zu neuen Höhen. Ali Baba, Sindbad und alle Dschinn feiern hier eine feuchtfröhliche Polonaise, dass man sich musikalisch an ein Hieronymus-Bosch-Gemälde erinnert fühlt. In Hardrock gemalt.

Eigentlich sollte dieses Monstrum den Schlusspunkt markieren, denn qualitativ dürfte danach kaum etwas kommen, das dem das Wasser reichen könnte. Dennoch sprintet das ebenfalls überlange "Light In The Black" als superbes Speed-Zäpfchen gen Finale, in dem Tony Carey im instrumentalen Mittelteil zeigen kann, was in ihm steckt, wenn er als Derwisch mit Meister Blackmore im Duell auf Augenhöhe über seine Tasten wirbelt. Stimmig, rund und komplett, alle Elemente fein austariert, das ist "Rising". Wer im Hardrock nach Standard-Werken sucht und nicht über diese Platte stolpert, gehe zurück auf Los und suche noch einmal.

Kleiner Fun-Fact am Rande: Auf der Tour zum Album bestritten damals die Jungspunde von AC/DC das Vorprogramm. Auf ebenjener wurde dann auch das Live-Album "On Stage" mitgeschnitten, das dokumentiert, wie exzellent die Band damals auch live klang.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Tarot Woman
  2. 2. Run With The Wolf
  3. 3. Starstruck
  4. 4. Do You Close Your Eyes
  5. 5. Stargazer
  6. 6. A Light In The Black

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