20. April 2018

"Wir müssen gar nichts mehr"

Interview geführt von

Karrierehöhepunkt statt Trennung: Die Nerven im Interview über ihr neues Studioalbum "Fake".

Die beste deutschsprachige Band besteht noch immer aus Max Rieger, Julian Knoth und Kevin Kuhn. Denn neben den gewohnten melancholischen und entrückten Hymnen auf und gegen die Orientierungslosigkeit hat das neue Nerven-Album "Fake" nun auch echte Ohrwürmer im Programm.

Das klingt beinahe verwunderlich, war die Ausgangssituation für das Album doch eher bedrückend: Zwei der Nerven wohnen inzwischen in Leipzig respektive Berlin, die alten Methoden des Songwritings funktionierten nicht mehr, eine Auflösung der Band stand im Raum. Wie die Band dennoch zu einer neuen Leichtigkeit in Form ihrer Leidenschaft für Popsongs fand, haben sie uns erzählt.

Über euer neues Album "Fake" habt ihr gesagt, dass es euch so viel abverlangt hat wie keines davor. Worin lag denn die Schwierigkeit beim Schreiben und Aufnehmen der neuen Songs?

Max: Zum ersten Mal konnten wir nicht mehr auf die Routine zurückgreifen, die wir uns in den vergangenen Jahren erarbeitet hatten. Das lag daran, dass wir inzwischen alle in unterschiedlichen Städten wohnen. Zwischenzeitlich waren wir dann nicht mehr auf Tour und haben somit keine längere Zeit mehr zusammen verbracht. Deshalb mussten die neuen Songs alle in irgendwelchen Zwischenräumen, sozusagen zwischen den Stühlen entstehen.

Gleichzeitig hatten wir jedoch den Anspruch, dass die Songs dieses Mal viel ausdifferenzierter sind. Jeder Song sollte einzeln, also unabhängig vom Albumkontext funktionieren. Diese Idee zu verwirklichen, wenn man in unterschiedlichen Städten lebt, war aufreibend: Wenn wir zu dritt irgendwo sind, dann kommt es oft zu Spannungen, die sich dann in unseren Ideen entladen. Entsprechend schwierig war es nun, dieses Gefühl zu erzeugen.

Würdet ihr im Nachhinein sagen, dass sich eure Art des Songwritings im Vergleich zu "FUN" oder "Out" verändert hat?

Max: Ich kann jetzt nur über den Prozess als solchen sprechen. Und der hat sich verändert. Zu "Out" sind wir damals auf einen Bauernhof mitten in Bayern gefahren und haben dort eine Woche rumgejammt und mitgeschnitten. Diese Jams haben wir anschließend mit ins Studio genommen und sie dort aufbereitet. Dieses Mal hatten wir eigentlich das ganze Album schon fertig, als wir in die Aufnahmesituation gegangen sind. Wir hatten uns auch schon mit den ganzen Details beschäftigt. Gerade weil das Schreiben viel aufwändiger war als davor und wir uns vorgenommen hatten, dass die Songstrukturen schon fertig sein sollten. Unser Vorhaben war dieses Mal viel größer, und dazu mussten wir besser vorbereitet sein.

Julian: Der größte Unterschied zu unserer bisherigen Arbeitsweise ist wahrscheinlich die intensive Arbeit an den Songs und deren Arrangements.

Wie habt ihr diese Herausforderungen im Endeffekt gelöst und das Songwriting koordiniert?

Max: Wir haben oft in Blocks gearbeitet und uns wie für ein Bootcamp getroffen. Es ging darum, alle Gedankenflüsse auf die Band zu konzentrieren. Dann haben wir unsere Ideen ausgewertet und anschließend den Rest vergessen. (lacht) Danach ging alles wieder von vorne los. Wir haben uns also gezielt die Möglichkeit offen gelassen, Dinge wieder rauszuwerfen und zu überarbeiten. Auch mal komplette Songs.

Das stelle ich mir durchaus komplex vor. Man muss ja sicherstellen, dass man genau die Dinge verlernt, die einem beim letzten Mal nicht so zugesagt haben - und die anderen konserviert. Hat sich das automatisch ergeben?

Julian: Natürlich haben wir uns darüber sehr viele Gedanken gemacht. Am Ende halte ich diesen Prozess aber für so komplex, dass man ihn gar nicht komplett auseinandernehmen kann. Diesen Entstehungsprozess kann nicht komplett entschlüsseln.

Max: Die Kunst liegt vielleicht auch darin, sich mit bestimmten Dingen bewusst auseinanderzusetzen oder bewusst nicht auseinanderzusetzen. In den letzten Jahren habe ich an sehr viel unterschiedlicher Musik gearbeitet und dabei immer wieder festgestellt, dass es wichtig ist, Projekte irgendwann links liegen zu lassen und an etwas anderem zu arbeiten. Dadurch gesammelte Einflüsse kann man dann wieder verwenden, wenn man auf das ursprüngliche Projekt zurückkommt. Sie vermitteln einem einen neuen Blickwinkel. Ich habe den Eindruck, dass dadurch die Qualität von allen Seiten steigt. Die Nerven sind dadurch für mich auch nicht mehr dieses unantastbare, freischwebende Konstrukt, sondern es musste sich dieses Mal auch an anderen Dingen messen lassen.

Julian: Ich glaube auch, dass es wichtig war, unsere bisherige Routine zu durchbrechen. Wir waren ja eigentlich von 2012 bis Anfang 2017 durchgehend zusammen unterwegs. Das ist nun zwischenzeitlich weggefallen. Bestimmte Gewohnheiten sind dadurch außen vor geblieben.

Ihr habt euch also dieses Mal unterm Strich viel länger mit eurem Material auseinandergesetzt. Hattet ihr an keinem Punkt Angst, dass ihr euch zu viele Gedanken machen könntet? Denn mit eurem dritten Album ist ja auch eine bestimmte Erwartungshaltung verknüpft, die man ja erst einmal ausblenden muss.

Max: Ich habe das tatsächlich nicht so wahrgenommen. Der Druck, den wir uns selbst gemacht haben, war bei "Out" viel größer. Bei "Fake" stand hingegen schon vorher die Frage im Raum, ob wir überhaupt noch mal ein Album machen müssen. Wir haben das ganz grundsätzlich überdacht. Bei "Out" hatten wir das Gefühl, dass wir nach unserem ersten Album unbedingt nachlegen müssen. Inzwischen müssen wir gar nichts mehr: Wir könnten jetzt auch einfach aufhören und in zehn Jahren würden einem immer noch alle auf die Schulter klopfen und sagen: "Du hast doch damals bei Die Nerven gespielt". Und dann würde man sagen: "Ja Man, ich habe früher da gespielt". So könnte man es ja machen. (lacht)

Am Ende wollten wir glaube ich nur uns selbst beweisen, dass wir mehr sind als eine Live-Band, die auch Platten macht. Und es hat sich dann doch alles relativ organisch von selbst gefügt. Es ist gar nicht so kompliziert, wie das jetzt alles klingt. So, wie wir das organisiert haben, hat es meiner Meinung nach gut funktioniert.

Es gibt wohl nur wenige Begriffe, die derzeit so omnipräsent sind wie 'Fake'. Man sieht sich eigentlich beinahe jeden Tag damit konfrontiert, und meistens kennzeichnet es eine Dichotomie: Es gibt auf der einen Seite den Fakt, das Wahre, und auf der anderen Seite das Unwahre, den Fake. Worum ging es euch bei der Wahl dieses Titels?

Julian: Spannend finde ich, dass dieses Wort eigentlich dann einfach irgendwann da war, von einem Tag auf den anderen, überall.

Max: "Fake" haben wir aber nicht deshalb als Titel gewählt, weil es plötzlich überall war. Das Wort beinhaltet eine bestimmte, subjektive Ungewissheit: Man weiß es nicht so genau, es ist nicht ganz klar. Es gibt keine objektive Wahrheit. Der erste Song des Albums fängt ja auch mit der Formulierung an: "Eine Lüge". Ich finde Lügen und Halbwahrheiten sehr interessant. Und darum ging es in manchen unserer Texte schon immer. Jetzt ist es irgendwie salonfähig geworden, einfach so seine Aussagen zu drehen, wie man es möchte. Es prüft auch niemand mehr, aus dem simplen Grund, dass sämtliche Informationen, die man heutzutage bekommt, sehr instabil sind.

Ich habe zum Beispiel in der Schule noch gelernt, dass Wikipedia keine Quelle ist. Aber heute benutzen ja selbst Journalisten der ZEIT oder der FAZ Wikipedia als Quelle. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich damals irgendwas bei Wikipedia geändert habe, was aber völliger Quatsch war. Jahre später bin ich dann noch mal auf den Artikel und meine Änderungen standen dort immer noch. Es ist also relativ interessant, wie man heute mit Fakten - oder das, was man dafür hält - umgeht.

Julian: Da gibt es ja noch viel mehr Ebenen. Beispielsweise diese ganzen Selbstinszenierungen der Menschen auf Instagram bilden ja nicht das echte Leben ab. Es ist eine anstrengende Inszenierung.

Pure Arbeit.

Max: Genau, es ist absolute Arbeit. Die wenigsten haben so ein interessantes Leben, wie es ihre Inszenierung auf Instagram uns glauben lässt.

"Popsongs sind kein Verbrechen!"

Ist "Fake" also ein Konzeptalbum über diese Entwicklung der letzten Jahre, die dazu führt, dass jeder von uns an vielen Stellen des täglichen Lebens inszeniert?

Julian: Der Begriff Konzeptalbum ist zu weit gegriffen.

Max: Es kommt immer darauf an. Jedes gute Album ist bis zu einem gewissen Grad auch ein Konzeptalbum. Was auch immer das für ein Konzept sein mag. Der Begriff kommt ja eigentlich aus dem Kontext, dass eine Geschichte über die Länge eines Albums erzählt wurde. Für mich ist ein Konzeptalbum heute etwas anderes. Einfach eine schlüssige Ansammlung von Songs, die sich auf eine bestimmte Art aufeinander beziehen und zusammen zu etwas Größerem werden.

Julian: Eben keine Ansammlung von Singles, die alle für sich allein stehen. Ich glaube, das hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Weil ein Album heute einfach ein Album ist, sonst könnte man ja Single um Single veröffentlichen. Ein Album braucht aber etwas, das die Songs zusammenhält, und dann hat es ja schon ein Konzept, das manchmal mehr oder weniger ausgeprägt ist. Bei uns war es auf jeden Fall so, dass der Titel schon stand, bevor wir es aufgenommen haben. Das führt natürlich auch dazu, dass sich bestimmte Dinge gegenseitig beeinflussen.

Es war also eure Absicht, diesen roten Faden in den Songs zu haben? Ihr beschreibt für mich sehr gut einen gesellschaftlichen Ist-Zustand und greift dabei so ganz viele, kleine Facetten des Alltags auf. So lese ich das Album zumindest.

Julian: Das lässt sich da natürlich finden. Wir wollten das Album bewusst vielschichtig halten. Aber dieses Subtile, das du da erkennst, hat sich einfach irgendwie ergeben. Es gab keine Prämisse, ein Album über 'Fake' und 'Realness' zu machen. Dann hätten wir ja einen Song über die US-Wahl machen können. Aber so ist es ja nicht. Das Album ist vielmehr ein Zeitdokument, das unsere Stimmung festhält, während wir, wie jeder andere Mensch auch, jeden Tag mit solchen Themen in Berührung kommen.

Apropos Stimmung: Das berühmte und oft strapazierte ZEIT-Zitat, dass ihr die schlechtgelaunteste Band des Landes seid, habt ihr mit "Fake" nun relativiert.

Max: Es ging ja nie um die schlechte Laune an sich. Wir wollten unseren Platz in der Musiklandschaft haben und das ist immer schwierig, weil die ganzen Medien einen natürlich kategorisieren wollen. Wir wollten aber unsere eigene Nische besetzen. Am Anfang wurde uns das tatsächlich vorgehalten und wir wurden als arrogant abgestempelt. Einfach nur, weil wir gesagt haben, dass wir etwas Eigenes machen möchten. Solche Situationen gab es tatsächlich.

Julian: Furchtbar!

Max: Ich musste zwar gestern auch ein Interview verlassen, weil ich den Eindruck hatte, dass der Interviewer überhaupt nicht verstanden hatte, worum es uns geht. Aber früher war das tatsächlich schlimmer, es gab viel öfter diese frustrierenden Momente, in denen wir gemerkt haben, dass es nicht wirklich ankommt, was wir meinen. Inzwischen relativiert sich das tatsächlich ein bisschen, weil ich das Gefühl habe, dass es jetzt einen Platz für das gibt, was wir machen.

Julian: Man könnte sagen, dass wir uns vielleicht ein eigenes Label erspielt haben und unser eigenes Image geworden sind.

Max: Wir können inzwischen auch unabhängig von oder parallel zu dem ganzen sonstigen Geschehen existieren und als eigenes Ding wahrgenommen werden. Deshalb gibt es jetzt auch keinen Grund mehr, so schlecht gelaunt zu sein. (lacht)

Ist die Abkehr von eurem ursprünglichen Sound aus diesen Erfahrungen erwachsen, die in euch den Wunsch nach einer Art Neuprofilierung weckten? Damit euch nicht die zwölfte Journalistin als Punkband labelt oder euch mit Sonic Youth vergleicht - was euch ja immer schon etwas genervt hat.

Julian: Ja, das mit dem Punk ist immer so einfach zu sagen.

Max: Ich glaube, in den letzten Tagen hat aber auch niemand mehr Punk gesagt. Einmal ist noch das Wort Post-Punk gefallen. Das war gestern, als ich rausgegangen bin. (lacht)

Julian: Gut ist zumindest, dass seit Jahren schon niemand mehr Deutschpunk gesagt hat. (lacht) Das war wirklich etwas, wogegen wir uns immer immens gewehrt haben und wehren mussten. In dieser Schublade wollten wir nie sein.

Max: Das lag damals auch daran, dass wir für Turbostaat Support gespielt haben.

Die klangliche Neuausrichtung ist also nicht bewusst passiert?

Max: Man geht an das Songwriting mit einer bestimmten Intention heran. Wir haben uns gefragt: Wie schafft man es, eine Idee mit einem anderen Background für die Hörer nachvollziehbar darzustellen? Mich hat es in der Vergangenheit sehr frustriert, immer mit denselben Referenzen verknüpft zu werden. Als könnte man unsere Musik nicht verstehen, wenn man bestimmte Musik aus den 80ern nicht kennt. Ich weiß, dass Julian und Kevin beide für die 80er zu haben sind, aber ich selbst hatte damit nie etwas zu tun. Trotzdem machen wir diese Musik – und mir gibt sie etwas. Ich bin deshalb der Meinung, dass sie ohne diesen Unterbau funktioniert.

Julian: Und das tut sie auch!

Max: Deswegen werde ich auch nicht müde, mich darüber zu ärgern, wenn die Leute behaupten, dass es nur funktioniert, weil das durch diesen oder jenen Künstler bedingt wurde. Das war einfach ein Faktor, der in die neuen Songs eingeflossen ist. Sie sollen einfach so in jedem Kontext funktionieren. Wenn ein 14-jähriges Mädchen uns in irgendeiner Spotify-Playlist entdeckt, dann soll ihr der Song einfach gefallen - oder eben nicht. Aber niemand soll uns nur deshalb gut finden, weil wir klingen wie Sonic Youth. Weil: Wer zum Geier ist Sonic Youth? (lacht)

Julian: Vielleicht ist es sogar umgekehrt: Menschen würden uns entdecken, weil wir gerade nicht mehr mit Sonic Youth und so weiter in Verbindung gebracht werden. Es ist auch okay, wenn sie einfach nur uns gut finden - oder eben nicht. Dieses menschliche Ding, alles in Schubladen einzusortieren. Kategorisierungen wie "Das gab es schon!" oder "Das klingt doch wie ..." sehe ich sehr kritisch. Genres überhaupt - was ist das eigentlich für ein Blödsinn? Musik ist halt Musik.

Es gibt meines Erachtens zwei Songs auf der Platte, denen man eure neue Herangehensweise besonders anhört: "Niemals" und "Explosionen".

Max: Ich wusste, dass das kommt! Klar, wir wollten halt einfach mal Popsongs machen. Das ist ja kein Verbrechen.

Und trotzdem stelle ich mir das schwierig vor. Wir haben vorhin schon über Erwartungen gesprochen, die euer Publikum inzwischen mit euch verknüpft. Haben die es nicht eher schwerer gemacht, sich mit der Idee solcher Popsongs auseinanderzusetzen?

Max: Nein, unser Songwriting findet vollkommen unabhängig von unserem Hintergrund statt. Für uns steht immer der Gedanke im Mittelpunkt, dass wir als Band bestimmte Facetten von uns zeigen wollen. Das waren dieses Mal einfach Popsongs. Denn jeder von uns dreien mag Popsongs und trotzdem haben wir uns immer geweigert, welche zu schreiben. Aber warum?

Julian: Wir hatten das schon auch immer drin, aber haben diese Seite nicht in den Vordergrund gestellt. Dabei muss man einfach deutlich machen, was man will.

Max: Ich kann mich noch erinnern, als wir damals "Angst" geschrieben haben. Das hat sich für uns auch wie ein Popsong angefühlt. Der Song ist dann in der Studioversion viel trashiger geworden und klingt ganz anders. Beispielsweise der brachiale Beginn des Songs, der im späteren Verlauf auch noch mal wiederholt wird, war für uns damals einzig und allein dazu da, diesen Song bloß nicht so zugänglich klingen zu lassen.

Julian: Gegenbeispiele gibt es aber auch. "Irgendwann Geht's Zurück", einer unserer frühen Songs vom Album "Fluidum", ist auch ziemlich poppig.

Max: Wobei das für mich kein Popsong ist, er hat maximal einige Elemente davon.

Julian: Pop hat sehr viel mit Songstrukturen zu tun. Damit haben wir uns früher gar nicht so auseinandergesetzt. Nun aber schon, was man bei Stücken wie "Niemals" und "Explosionen" merkt. Ganz simpel mit A-, B-, C-Teil und so weiter. Dafür haben wir natürlich mit Kevin auch einen absoluten Experten in der Band. (lacht)

Max: Inzwischen interessiere ich mich sogar dafür. Früher habe ich fast ausschließlich Musik mit langen Instrumentalpassagen und seltsamer Struktur gehört. Jetzt merke ich, dass sich nicht nur meine eigenen Interessen total verschoben haben. Vielleicht liegt das daran, wie heute Musik konsumiert wird und wie sich dadurch die Aufmerksamkeitsspanne verändert. Deshalb finde ich es gar nicht mehr richtig, Musik zu machen, die keinen Spaß macht oder die man nicht anhören will. Das ist dann nur noch Masturbation, wenn man irgendetwas schlicht dazu macht, um gegen etwas zu sein.

"Manche Ablehnung hat kein Fundament"

"Fake" wirkt auch eingängiger, weil ihr beide stellenweise zu richtigem Gesang greift – wo früher eher gesprochen oder geschrien wurde. Wie schwierig war es, euch an dieser Art von Pop-Gesang auszuprobieren?

Julian: Für diese Art von Gesang habe ich mich eigentlich schon lange vor diesem Album interessiert. Als ich dann bei den Album-Aufnahmen in der Toskana vor dem Mikro stand und loslegen sollte, hat das bei mir aber erst mal überhaupt nicht geklappt. Das hörte sich nicht nach mir an, was mir Max und Ralv [Millberg; Produzent der Band] glücklicherweise direkt gesagt haben. (lacht) Zurück in Stuttgart habe ich mich mit Ralv noch einmal drangesetzt und mich wirklich intensiv damit befasst, wie ich es schaffen kann, bei "Niemals" natürlich zu klingen. Da musste ich mich dann Take um Take hineinarbeiten, denn es ging ja wirklich darum, den richtigen Ton zu treffen und gleichzeitig Ich zu bleiben, also mit einem gewissen Rest Imperfektion.

Klingt ja ironisch, dass du gerade ins Natürlichsein Arbeit stecken musstest.

Julian: Wenn man wirklich Töne treffen will, dann ist das halt erst mal Arbeit. (lacht)

Wie war es für dich, Max?

Max: Ich hatte da eigentlich auch nie Berührungsängste. Ich versuche halt, dieses Arrogante, Dogmatische hinter mir zu lassen. Denn sonst komme ich zwangsläufig an einen Punkt, an dem es komisch wird: Man hat sich dazu entschieden, Musiker zu sein, aber ist sich zu cool dazu, zu singen? Wie geht das zusammen? Das ist eine Ablehnungshaltung, die kein Fundament hat. Deswegen hatte ich überhaupt kein Problem damit, zu singen.

Julian: Wir haben ja eigentlich auch schon immer gesungen, uns dabei aber auf wenige Pop-Momente beschränkt. Es war spannend, das jetzt mal von Anfang bis Ende durchzuziehen. Natürlich kann dann auch mal ein Twist kommen, an dem geschrien wird. Das braucht es dann vielleicht, um packend zu bleiben. Bei "Niemals" kommt an einer Stelle dieser fast plakative Moment, an dem ich vom Singen ins Schreien übergehe: "Aber manchmal denke ich laut!" Das ist aber nur diese kurze Stelle, bevor ich dann wieder singe.

Der Sound des Albums wirkt auf mich ausdifferenzierter, eure Energie dosierter. Zusammen mit dieser offensichtlichen Lust auf Pop und versöhnlich klingenden Texten wirkt ihr für mich weit weniger dystopisch als auf den letzten Alben. Auch Tocotronic, die selbst jahrelang passionierte Hasser waren, haben im Zuge ihres aktuellen Albums gesagt, dem momentanen Weltklima nicht mit Hass begegnen zu wollen. Das sei unangemessen. Seht ihr das ähnlich?

Julian: Wir sind einfach nicht mehr diese junge Band, die das einfach so rausbrüllt.

Max: Für mich haben Tocotronic hier tatsächlich einen richtigen Punkt angesprochen. Das war für mich vor allen Dingen eine Frage, als es um die grundsätzliche Legitimation der Platte ging. Wir sind eine weiße, männliche Band aus dem Elfenbeinturm, dem Neckartal - dürfen wir überhaupt öffentlich hassen? Ich habe nicht das Gefühl, dass Hass auf dieser Platte dabei ist. Es ist mehr ein Umwandeln von Irritationen, die einem jeden Tag über den Weg laufen. Auf der anderen Seite fände ich es nicht richtig, jetzt eine Platte zu machen, die überhaupt keinen Bezug darauf nimmt, was gerade überall drunter und drüber geht. Das verfehlt für mich komplett das Thema. Dieser Bezug muss da sein.

Denn ich will jetzt auch keine Flowerpower-Platte mehr hören, deren einzige Botschaft ist: Lasst das doch mal mit dem Krieg. Mich reizt es schon, wenn Kunst diese momentane Brutalität in irgendeiner Art aufgreift, weil das ja schließlich etwas ist, das mich beschäftigt und schockiert.

In dieser Hinsicht gibt es einige schöne Momente auf dem Album, in denen Musik und Text in einem Spannungsverhältnis stehen. Beispielsweise im Titeltrack, als ihr zu Glockenspiel und Akustikgitarre singt "Her mit euren Lügen / Her mit eurem Neid".

Julian: In diesen Momenten kommt dann eigentlich genau das Unbehagen zum Vorschein, das uns füttert und uns diese Songs schreiben lässt. Es ist ja nicht so, dass wir uns das auf die Flagge schreiben wollen. Im Endeffekt spiegeln wir als Künstler nur unsere Umwelt. Wir leben und agieren ja nicht im luftleeren Raum.

Erstaunlich finde ich auch euren Umgang auf Social Media. Max Gruber alias Drangsal kostet es richtig aus, auf Social Media unterwegs zu sein. Immer wenn ich online bin, läuft mir irgendwas von ihm über die Timeline. Eure Instagram- und Facebook-Profile scheinen mir hingegen eher sporadisch gepflegt zu werden. Wie ist euer Verhältnis zum Präsentsein auf Social Media?

Max: Ich bin seit 2009 auf Facebook, es sind also bald zehn Jahre.

Julian: Und damit auch unser Kennenlernen, weil wir uns eigentlich erst über Facebook so richtig getraut haben, miteinander zu schreiben. (lacht)

Max: Am Anfang war Facebook etwas anderes. Ein soziales Medium, durch das man mit Leuten zu tun hatte, die man kennt. Heute ist das bei Facebook immer seltener der Fall. Ich benutze zwar den Messenger, um zu kommunizieren. Trotzdem habe ich relativ selten das Bedürfnis, jemandem etwas aus meinem Leben mitzuteilen. Denn als Ventil dafür dient mir schon die Musik. Lustigerweise denke ich immer wenn es mir schlecht geht daran, etwas auf Instagram hochzuladen, um mich durch die Likes, die ich dann bekomme, besser zu fühlen. (lacht) Aber das ist eine eklige Art, damit umzugehen und meistens mache ich das dann eher nicht.

Julian: Mir geht es ähnlich. Außerdem habe ich die MySpace-Zeit noch vor Augen, die für mich musikalisch sehr spannend war. Plötzlich gab es ein Netzwerk, durch das Künstler und Nutzer auf einer Ebene waren. Heute treffe ich dann teilweise Leute im realen Leben wieder, mit denen ich damals auf MySpace befreundet war. Beispielsweise Nils von der Band Oracles, der früher dort ein paar Solo-Sachen hochgeladen hat. Ich traf ihn mit Oracles vor ein paar Jahren beim Immergut-Festival und dachte: Den kenne ich doch! Diese Liste könnte ich noch weiterführen. Das Interessante daran ist, dass diese Menschen heute alle in der deutschen Musikszene aktiv sind. Mit dieser Designänderung von MySpace ist das damals alles weggebrochen und Facebook konnte es nicht auffangen.

Max: Facebook ist ja nur ein leerer Marktplatz. Und Instagram die Perversion dessen, da es noch einmal fragmentierter ist: Dort geht es nur noch um ganz niedere, visuelle Reize. Man kann da ja nicht mal einen Link posten. Oft denke ich mir: Was schaust du dir da eigentlich gerade an? Wozu hast du dich da schon wieder verleiten lassen? Das alles wird immer roher, immer inhaltsloser. Ich trage dazu gerne mein bisschen Bullshit bei, aber eigentlich möchte ich der Welt mehr von mir geben als solche Dinge, die in weniger als 24 Stunden gelöscht sein können. Ich mache Instagram-Stories zum Spaß, sie sind kein künstlerischer Output. Für viele ist das aber genau umgekehrt. Zur Selbstdarstellung, was ja auch vollkommen okay ist. Ich brauche diese Bestätigung aber nicht täglich.

Habt ihr als Band nie das Bedürfnis, einen gut gepflegten Instagram-Account zu besitzen, um im gleichen Rahmen wie andere Künstler medial stattzufinden?

Max: Was ist denn ein guter Instagram-Account? Meinst du damit, dass ich sehen kann, wie die mittags vegan Essen gehen? Um ehrlich zu sein hat das für mich immer etwas Entmystifizierendes und mag es dann viel lieber, wenn es so richtig inszeniert ist, wie beispielsweise bei Beyoncé, die ein ganzes Team dahinter hat. Du siehst absolut nichts aus ihrem privaten Alltag und erfährst nichts über sie als Person, aber es ist trotzdem die ganze Zeit Content da. Oder du machst es wie Frank Ocean, der nirgends vertreten, aber trotzdem einer der größten Stars ist. Bei Kanye West rastet die ganze Welt aus, wenn er mal wieder sein Instagram-Profil freischaltet, um dann 80 Bilder gleichzeitig zu posten. Aber auch hier erfährst du nichts über ihn als Privatperson. Das macht für mich Künstler interessant. Wenn ich aber sehe, was für ein Frühstück sich die Leute reinfahren, dann interessiert mich die Kunst auch nicht mehr. Das ist totale Banalisierung.

Julian: Musik findet ja eigentlich woanders statt. Social Media ist trotz allem nur Mittel zum Zweck. Als Band haben wir am Anfang über Facebook viel Zuspruch bekommen, aber die Zeiten, in denen wir das für uns nutzen, sind vorbei.

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LAUT.DE-PORTRÄT Die Nerven

Ob man Die Nerven nun als Teil einer Bewegung oder einfach als eindrucksvolle Punkband plus x betrachtet, hat auf den Hörgenuss zwar keinen Einfluss.

1 Kommentar mit einer Antwort

  • Vor 2 Jahren

    Fake war irgendwann da?? Ja, Hip Hop Slang halt since ever. Und wikipedia englisch ist als Quelle sehr gut.

    • Vor 2 Jahren

      Ich glaube er meint das durch die Trump-Wahl erst in den Mainstream gelangte Wort und dessen auf Social Media ausgerichtete Bedeutung (analog zu Begriffen wie postfaktisches Zeitalter). Dass das englische Wort schon davor existiert hat, musst du nicht mit Hip Hop begründen ;) Wikipedia als Quelle um weiter zu recherchieren, aber nicht um zu zitieren.