7. Februar 2014

"Punk haste im Herzen"

Interview geführt von

Wir sprachen mit Krupps-Chef Jürgen Engler über brandneue Krautrockprojekte, wie es einst zur "Stahlwerksinfonie" kam und warum Trent Reznor Andrew Eldritch von den Sisters Of Mercy nicht mal erkennt, wenn der direkt vor ihm sitzt.

Jürgen Engler gilt in der Medienbranche gemeinhin als recht schwierig, schnell verstimmt und oft eher einsilbig. Alles Quatsch. Wir erleben einen geradezu sprudelnden Krupps-Chef, dem nicht einmal Kritik an seiner aktuellen Platte "The Machinists Of Joy" die Laune vermiesen kann.

Du lehnst dich mit dem Cover deiner aktuellen Platte bewusst an Lou Reed an. Etwas makaber, dass er ausgerechnet in diesem Moment gestorben ist. Sind der NYC Man und Velvet Underground wichtige Einflüsse?

Jürgen Engler: Schockierend und völlig unerwartet für mich. Ich weiß gar nicht recht, was ich zu seinem Tod sagen soll, weil ich es noch immer nicht fassen kann. Ich wusste auch nichts von seiner Lebertransplantation im März. Deshalb bin ich wohl noch etwas schockierter als manch anderer. Lou Reed war für die Krupps generell und für mich im Besonderen ein Rieseneinfluss. Sein Album "Metal Machine Music" von 1975 war für mich ein Wegbereiter der "Stahlwerksinfonie".

Hast du es wirklich geschafft, "Metal Machine Music" an einem Stück durch zu hören?

Och, mehr als einmal. Wir haben das sogar recht oft gehört (lacht) Wir haben uns den Lärm immer gegeben. In den 70ern hab ich ja noch Punkrock mit Male gemacht. Und dann gab es eben diesen krassen Schnitt. Neben Lou auch durch die ganzen Postpunk-Nebenströmungen. Vor allem Amerika war damals ein großer Einfluss für mich, mehr als England. Das Drei-Akkordschema wurde irgendwann langweilig. Pere Ubu, Suicide usw. - das waren Sachen, die allesamt mit in die "Stahlwerksinfonie" reinspielten.

Und Velvet Underground? So ein knackiger "Black Angels Death Song" oder "Sister Ray"?

Habe ich trotz der Zuneigung zu Reed nie richtig gehört. Ich hatte zwar die "Velvet Underground & Nico" als LP. Aber die lief bei mir nicht rund. Lou solo war für mich super. Ich habe 72/73 die "Transformer"-Platte rauf und runter gehört. Das ist noch immer eine meiner ewigen Lieblings-LPs. Aber für die eigenen Sachen ging mir auch später, nach der ersten Krupps-Platte, die "Metal Machine Music" nicht aus dem Kopf. Genau so kam ich Ende der 80er darauf: Man muss einfach mal den Metal mit der Maschine verbinden. Genau daraus ist all das entstanden, was wir in den 90ern gemacht haben. Alles was bei uns auf der "I" bis "IV" stattfand, wäre ohne Lou Reed gar nicht passiert. Ich hab hier an der Wand auch noch ein schönes Foto mit seinem Autogramm.

Im Grunde bist du für Deutschland doch eine ähnliche Pionierfigur, wenn man es genau nimmt. Mittagspause, KFC mit Tommi Stumpff, Kraftwerk etc. Ihr seid da doch zur selben Zeit in der Ursuppe von Punk und Elektro herum gerannt.

Eigentlich waren wir mit Male sogar schon zugange, als der Tommi noch gar nicht in Düsseldorf herumgelaufen ist. Ich kann mich noch sehr gut an daran erinnern, als Tommi 1978 zum ersten Mal in den Ratinger Hof kam. Es war noch nicht einmal Abend, wir standen draußen mit einem Freund und Tommi hat erst mal direkt ne Schlägerei mit jemandem angefangen. Stumpff war ja bekannt dafür, so was gern zu machen. Das war einfach ... wie sag ich es am besten ... ja: asozial! Das ist keine Übertreibung. Muss man echt miterlebt haben.

Wenn die da ankamen, Stumpff und seine Saufkumpanen, ging das los. Die sind reingekommen und zack! Das gab es vorher nicht. Die ganze Düsseldorfer Punkszene bestand aus Kunststudenten und Gymnasiasten, Peter Hein und wir. Alle! Das war keine Prollszene. Und dann kam auf einmal Stumpff daher. Ich will ihn gar nicht schlecht machen, sondern erzählen, wie es war. Er hat ja auch verheimlicht, dass er Rechtsanwaltssöhnchen aus gutem Hause ist. Das haben wir erst nach Jahren raus gekriegt. Das Ritual war immer gleich: Sich erstmal ein Tablett mit Bier kommen lassen und dann schnell eins nach dem anderen kippen. Gegenseitig auch Bier über den Kopf gießen und sich die ganz fetten Sicherheitsnadeln schön durch die Haut – meist die Brustwarzen – gesteckt. Sauerei mit Bier und Blut. Das fanden die gut. Echt assig. Da fällt mir echt nichts mehr zu ein, auch heute nicht. So war das Ende 1978.

Du warst ja noch blutjung, als du mit Male angefangen hast. Nicht schlecht für einen 17-Jährigen.

Bei unserem ersten Konzert im März 1977 war Peter Hein auch dabei. Es gab noch keine Charley's Girls oder Mittagspause; erst recht nicht Fehlfarben. Ich war da sogar erst 16.

Lass uns kurz auf die "Stahlwerksinfonie" kommen. Das ist für viele Leute die Bibel der Krupps und des Industrial. Woher kommen denn da die doch sehr weit von Male und den anderen Einflüssen entfernte Freejazz-Attacken her? Da liegen doch musikalische Welten dazwischen.

Eigentlich ja. Aber irgendwie auch wieder nicht. Es war eine Zeit, in der sich alles aus Punk entstehende breiter fächerte. Nun ist Pere Ubu alles andere als Freejazz. Aber das freie Performen, wie etwa eine Flex auf der Bühne zu nutzen oder mit einem Hammer auf einen Amboss zu knüppeln, das habe ich mitgenommen und mit mir herumgetragen. Und ich dachte mir: Punk haste im Herzen. Dafür muss man nicht sein Leben lang vier Akkorde herunter schrammeln. Ich will was ganz anderes machen und das Rad neu erfinden. Das war mit Punk in etwa so wie mit der Metalphase der Krupps in den 90ern. Irgendwann hat man sich alles gesagt.

Wir wollten nicht den alten Stiefel weiter reiten, bis alle nur noch das Kotzen kriegen. Und was bleibt, wenn man Pere Ubus "Modern Times" von den Punkriffs reinigt? Der Amboss und der Sex! Peter Hein, Gabi Delgado und ich haben das unter uns Industriemusik genannt. Lange vor dem Genre-Ettikett. Also war meine Idee: Weg mit dem Punkriffing, stattdessen etwas von Lous "Metal Machine Music", Pere Ubu ohne Gitarren und noch ganz eigene Ideen. Dann ab in einen Bunker als Proberaum. Mitten im grauen Industriegebiet. So ist das alles entstanden. Und deswegen knüpft auch die aktuelle LP nicht an Metal an, sondern viel früher, bei der Essenz.

Das einzig Blöde ist: Ich habe hier von Anfang bis Ende nahezu jede Scheibe von dir im Regal. Alles geil. Die einzige Platte, mit der ich null klar komme, ist die aktuelle Scheibe.

(entsetzt) Was?

Ja, tatsächlich. Ich sage dir auch gerne warum, und dann kannst du mir sagen, wie schwachsinnig du das findest. Der elektronische Teil macht instrumental und für sich genommen total Spaß. Da hört man auch, du bist einer der alten Haudegen, die die ganze Soße mit erfunden haben. Aber mir kommt der Gesang so künstlich evil vor. Alles was man seit 1985 von Laibach und Co. kennt. Und die Texte auch wieder derselbe Blut & Boden & Stahl-Kram, wenn auch ironisiert. Da dachte ich auch nach achtmaligem Hören: Ach nee, lass mal stecken.

Da muss ich dir aber widersprechen.

Ich bitte darum.

Ich habe eigentlich noch nie – ich betone es nochmal: noch nie! - so relaxt und entspannt gesungen. Mal ganz im Ernst: Wenn du das über die Metal-Sachen der Krupps sagen würdest, könnte ich das ja verstehen. Da habe ich nämlich wirklich künstlich gesungen. Alles, was du bisher von mir gehört hast, vielleicht außer "Wahre Arbeit, Wahrer Lohn" war nie so natürlich gesungen wie diese LP. Tu mir bitte einen Gefallen und höre dir im Vergleich noch einmal "Paradise Now" oder "Odyssey Of The Mind" an. Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Was du auf dieser Platte hörst, das kann ich dir garantieren, ist meine natürliche Stimme.

Wo siehst du denn den entscheidenden Unterschied zwischen Krupps und Kollegen wie DAF, Frontline Assembly, Nitzer Ebb, Front 242?

Unsere Songs sind wirklich Songs. Die anderen haben im Prinzip eine Sequenz, auf der sie von A bis Z herum reiten. Bei uns gibt es einen echten Aufbau mit Intro, Verse, Bridge, Chorus und so weiter. Das ist ein ganz anderes Strickmuster.

Das stimmt. Deshalb funktionieren deine Songs auch auf der Akustischen am Lagerfeuer.

Klar. Ich kann dir "To The Hills" oder "Fatherland" auch zu jedem gewünschten Anlass Klampfen.

Wo du gerade "Fatherland" erwähnst: Ich erinnere mich an den Sisters Of Mercy-Remix. Hast du den herrlich verrückten Andrew auch mal persönlich kennengelernt?

Ja, ich kenne den sogar recht gut. Ehrlich gesagt ist der gar nicht so schräg, wenn man ihn näher kennt. Der kommt mehr aus sich heraus, wenn man ihn nicht auf das Goth-Ding reduziert. Damit hat er echt ein Problem. Wenn man den nicht als Paten des Goth behandelt, hat er im Grunde keine Berührungsängste. Der ist immer zu unseren Shows gekommen, wenn wir in Hamburg gespielt haben. Dann aber komplett inkognito. Ganz im Jeansanzug und so.

Als wir mit Nine Inch Nails da spielten, kam Andrew backstage und hing mit uns allen stundenlang quatschend rum. Als er weg war, kam Trent hinterher zu mir und fragte: "Who was that guy?" Ey Trent, das war Andrew Eldritch. Trent schrie nur: "Whaaaat? Oh my god ....!" Er konnte es nicht fassen. Andrew kam bewusst immer in einem Style, der ihn nicht gleich als Mr. Sisters ausgewiesen hat. Das hat gut geklappt. Sogar bei Trent, wie man sieht.

Neben dem Maschinellen gibt es bei dir auch die ganz und gar freie und auf Improvisation basiernde Krautmucke. Auf diese Sachen stehe ich ja persönlich sehr.

Ja klar. Das ist die andere Seite des Mondes. Da kommt jetzt auch die Tage was heraus als Rerelease und neues Ding. Das ist das Projekt mit Mani Neumeier von Guru Guru und dem Möbius von Cluster. Ganz frei, ganz versponnen. Bin ja mit dem Mani Neumeier befreundet. Der hat mich hier in L.A. besucht. Da haben wir quasi den aktuellen Nachfolger der damaligen zwei Alben eingespielt. Möbius hat jetzt seine Keyboards addiert. Das kommt bald. Extrem krachig auch. Das ist bestimmt was für dich.

"Man macht ein Album namens 'Stahlwerksinfonie' draußen laufen die Hühner vorbei"

Wie war denn dein Verhältnis zu Conny Plank? Ihr hättet doch künstlerisch und philosophisch auf derselben Musikwelle liegen müssen?

Den Conny kannte ich noch persönlich. Wir haben "Stahlwerksinfonie" im Can-Studio von Holger Czukaj aufgenommen. Jaki Liebezeit war auch dabei und Rene Tinner hat das Ganze inszeniert. Und danach sind wir dann ab zu Conny Plank zum Abmischen.

Hatte er da schon diesen Bauernhof, wo er Bowie aus der Küche warf und Annie Lennox Kartoffeln schälend in selbiger saß?

Ja, genau. Das war der Wahnsinn. Ich habe mich da zuerst recht fremd gefühlt. Das muss man verstehen: Man macht ein Industrialalbum namens "Stahlwerksinfonie" und am Fenster laufen die Hühner gackernd vorbei. Devo ging es ähnlich. Die haben auch erstmal einen Schock bekommen, als die dort ihre erste LP gemacht haben. Im Nachhinein ist das natürlich toll. Aber damals, ganz jung, war mir noch nicht ganz im Detail klar, wie groß Conny Plank eigentlich war. Conny war wirklich eine Seele von Mensch. Supernett. Auch seine Frau. Der ganze Vibe dort war einfach eine Parallelwelt.

Erzähl doch bitte mal, was es mit dem legendären Insiderspruch der Hosen auf sich hat: "Jürgen Engler macht ne Party und wir kommen nicht rein". Du hast das dann ja später noch einmal mit vertauschten Rollen gekontert.

ZK, die Urform der Toten Hosen, waren ja früher immer mit uns unterwegs. Mit Male als Hauptband und ZK als Support. Campi war der größte Male-Fan. Kam auch gern am Schluss des Sets auf die Bühne und hat mitgesungen. Das Ding ist folgendes: Ich war damals mit einer Frau zusammen, die er extrem scharf fand. Er wollte sie unbedingt haben. Irgendwann bei einer Party war er richtig knatschig, dass er mir die Frau nicht ausspannen konnte. Dann haben wir uns vom Punk verabschiedet, und die "Stahlwerksinfonie" erstmal als Kunstscheiße galt.

Die Punkszene war da schon ziemlich verwahrlost durch Leute, die erst durch Sid Vicious' Tod darauf aufmerksam wurden. Die ganzen Urleute wie wir haben sich da dann rausgezogen. Ich auch. Das wurde mir von den damaligen Leuten aus der Punkszene dann schon übel genommen. Auch von Campi. Ey, Verräter! Und sowas bekam ich da zu hören. Und als er mir dann die Frau nicht abspenstig machen konnte, haben die als Seitenhieb diese Nummer gemacht.

Und wie ist der Kontakt heute? Oder gibt es keinen?

Klar, wir mailen uns ständig und sind gut befreundet. Die problematische Phase war schon so 1986/87 wieder behoben. In dem Text dazu ging es ja auch um musikalische Prostitution um des kommerziellen Erfolgs willen. Aber als Campino dann auch mit den Hosen alles tat, um extrem erfolgreich zu werden, hat er wohl eingesehen, was das für ein Quatsch war. Die haben ja auch irgendwann gemerkt, dass sie nicht ein Leben lang vor 100 Leuten in kleinsten Clubs spielen wollen. Und sind wir mal ehrlich: "Stahlwerksinfonie" oder "Wahre Arbeit" sind weit davon entfernt, kommerziell ausgerichtet zu sein.

Und dann kam – auch von dir beeinflusst – die Kommerzwelle mit den ganzen NDW-Schranzen à la Nena. Die haben dann ja wirklich echtes Geld damit gemacht, ohne diesselbe Kreativität zu zeigen. Mehr kalkuliert als innovativ. Hat dich das dann stolz gemacht, etwas angestoßen zu haben? Oder dachtest du: Diese Torfnasen versauen die gute Musik zugunsten von Radiohits?

Das kommt drauf an, wen du da im speziellen meinst. Das war im Prinzip eine zweigeteilte Geschichte. Zum einen gab es diese Bands wie Nena, Trio oder Hubert Kah, die ehemals gute Musik einfach nur kompatibel für die Massen machten. Parallel und schon etwas vorher gab es aber auch die spannenden Indiebands wie Palais Schaumburg, Wirtschaftswunder oder Der Plan. Von den schlechten Medien wurden Die Krupps dann einfach dafür vereinnahmt und als NDW bezeichnet. Einfach nur weil wir auf deutsch sangen. Das war zum Teil auch Schuld der Majors. Die haben alles abgegriffen, was deutsch klang und es dann mit dem Label NDW beklebt.

Und wir waren mit dabei, weil unser Indielabel versagt hatte und wir von den verkauften Platten nichts sahen und uns betrogen fühlten. Wir haben beim Majorlabel aber zum Glück nur eine Platte gemacht. Spätestens als wir neben Hubert Kah und Nena auf dem BRAVO-Cover waren, sagten wir uns: Jetzt Reißleine ziehen. Es wird gefährlich. Also ab nach England. Da waren wir auch gut dabei. Die haben uns den Rücken gestärkt und uns besser verstanden als Deutschland.

Alles was deutsch und Kraut war, war auf der Insel besser angesehen als in der Heimat. Die verstehen es ja teilweise bis heute nicht. Ein Musiker wie Neumeier wurde hier gnadenlos verrissen. In Tokio steht der neben Jimi Hendrix im Wachsfigurenkabinett. Auch Kraftwerk haben doch in den 70ern nicht wirklich was gerissen. Die wurden den meisten erst bei der Neuen Deutschen Welle ein Begriff, als "The Model" nochmal zum Hit wurde.

Waren die eigentlich auch ein Einfluss?

Nein, weil ich ja eher vom Rock komme. Die Verbindung zu Kraftwerk ist eher eine persönliche. Wir haben uns kennengelernt, waren auch oft gemeinsam im Ratinger Hof. Mit Ralf Hütter haben wir viel gequatscht und mit Karl Bartos bin ich bis heute befreundet. In den 70ern waren mir die aber zu schick. Suicide war für mich Elektro. Aus heutiger Sicht sind Kraftwerk sensationell, aber damals war es nicht meins.

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2 Kommentare

  • Vor 6 Jahren

    Dieser Kommentar wurde vor 6 Jahren durch den Autor entfernt.

  • Vor 6 Jahren

    Vielen Dank für das ausführliche Interview. Das Warten hat sich gelohnt! Hat mir sehr gut gefallen. Wobei Herr Engler ja schon sehr stark von sich eingenommen ist... ;-) Mich hätte jetzt noch interessiert, wie das Gerücht aufgekommen ist, dass Hartmut sein Bruder ist... :D