laut.de-Kritik

Ein nervenaufreibendes, hypnotisches Monstrum.

Review von

Meshuggah haben dieser Tage "nur" ein Live-Package ("The Ophidian Trek") und die Wiederveröffentlichung der fast schon legendären "I"-EP zu bieten. Für Freunde harter, vertrackter Klänge eigentlich trotzdem schon mehr als genug Grund zur Freude. Wenn allerdings zeitgleich die polnische Tech Death-Institution Decapitated mit brandneuem Material aufwartet, ist die End-Of-Summer-Party eines jeden Taktnerds perfekt.

"Blood Mantra" nennen die mittlerweile seit fast zwanzig Jahren aktiven und trotzdem gerade mal um die dreißig Lenze alten Musiker ihr sechstes Studiowerk. Gemäß diesem Titel baut das einzig verbliebene Gründungsmitglied Vogg seine Kompositionen auf.

Hypnotisch zwirbeln sich die gehackten Gitarrenriffs um die Hirnwindungen. Einerseits verlangen sie dem Hörer auf diese Weise Einiges ab, andererseits verliert man sich auch schnell in den oft repetitiv eingesetzten Knatterattacken.

Über den Verlust seines Bruders und Drumpartners Vitek scheint Vogg ohnehin gut hinweggekommen zu sein. Schon auf dem Vorgänger "Carnival Is Forever" war von etwaiger Schwäche nichts zu hören. "Blood Mantra" baut auf dem gelegten Fundament eindrucksvoll auf.

Kesselneuzugang Michal Lysejko bearbeitet sein Fußpedal unermüdlich und trägt nicht selten entscheidend zum Gelingen eines Riffs bei. Sänger Rafal "Rasta" Piotrowski wirkt hörbar besser in die Band integriert. Insgesamt gesehen könnten seine Vocals vielleicht etwas mehr Farbe vertragen, doch mit seinem brutalen Organ stabilisiert er das fette Instrumentalgerüst zusätzlich.

Im Opener "Exiled In Flesh" geht es noch recht züchtig zu. Zählschwierigkeiten bekommt hier noch keiner. Dafür prescht das polnische Enthauptungskommando mit wahnwitziger Geschwindigkeit voran. Doublebass und Tremolopicking fliegen einem entgegen, und ehe man sichs versieht, ist es auch schon wieder vorbei.

Das nachfolgende "The Blasphemous Psalm To The Dummy God Creation" (schöner Name, oder?) geht da schon etwas frickeliger zur Sache. Perfide Gitarren wechseln sich mit herrlichen Bassläufen ab und eskalieren in einem kranken Solo. Lysejko mörtelt einfach volle Kanne durch.

Dann zeigen sich Decapitated von ihrer Schokoladenseite in Sachen Groove. Insbesondere der Titelsong zeigt, dass technisch anspruchsvoll nicht unbedingt verkopft heißen muss. Haargummi raus, Kidman-Face on, Corpsegrinder-Nacken trainieren, los!

A propos Jens Kidman: Auch Decapitated können einem Vergleich mit Meshuggah nicht entfliehen. Das ist in diesen musikalischen Gefilden aber wohl schlicht unmöglich. Man höre sich nur einmal "Nest" an. Die Schweden vom Thron stoßen Vogg und seine Mannen zwar nicht, dürfen dafür aber durchaus als legitime Konkurrenz gehandelt werden. Zumal Decapitated selbstverständlich nicht nur das polnische Pendant zu Thordendal und Co. sind. Dafür treten allein schon die vielen traditionellen Death Metal-Einflüsse zu häufig hervor. Vader finden sich sicherlich in Voggs Playlist. Auch gelegentliche Parallelen zu Gojira und den Ägyptologen von Nile fördert "Blood Mantra" zutage.

"Blindness" erweist sich als nervenaufreibendes Monstrum, bei dem man sich nicht wirklich entscheiden kann, ob es nun ein verstörendes Intermezzo oder doch eher das Kernstück des Albums darstellt. Über ganze siebeneinhalb Minuten manövriert Vogg ein einziges, sich ständig wiederholendes Riff und lässt seinem Shouter reichlich Platz. Dieser taucht gleich auf mehreren Ebenen auf und veredelt den Hintergrund mit nahezu endlos anhaltenden Schreien.

Flüssig reiht sich daran "Red Sun", das den offiziellen Schlusspunkt setzt und "Blood Mantra" ruhig und hypnotisierend ausklingen lässt. Den Bonustrack "Moth Defect" nimmt man im Anschluss aber trotzdem gerne mit. Schließlich hält dieser das phänomenale Niveau der vorangegangenen Tracks ohne Einschränkungen. Der drückende, klare Sound gibt "Blood Mantra" den letzten Schliff und macht es im Gesamtpaket zu einem der stärksten Metalalben des Jahres. Punkt.

Trackliste

  1. 1. Exiled In Flesh
  2. 2. The Blasphemous Psalm To The Dummy God Creation
  3. 3. Veins
  4. 4. Blood Mantra
  5. 5. Nest
  6. 6. Instinct
  7. 7. Blindness
  8. 8. Red Sun
  9. 9. Moth Defect

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