laut.de-Kritik

Eine turbulente Zeit in der Retrospektive.

Review von

Tin Machine müssen draußen bleiben. Die Rockband, deren Sänger David Bowie von 1988 bis 1992 war und mit der er versuchte, sich von seinem erdrückendem Erfolg der 1980er zu befreien und wieder Spaß an der Musik zu finden. Das reißt eine große Lücke zwischen "Loving The Alien (1983 – 1988)" und "Brilliant Adventure (1992 – 2001)", zeigt aber auch Konsequenz. Bowie sah die Band immer als eigene Einheit, getrennt von seinen Solo-Werken.

Doch auch so könnte der vom Album "Hours..." stibitzte Titel "Brilliant Adventure" kaum besser gewählt sein. Die 1990er zeigten Bowie so neugierig wie zuletzt in den 1970ern. Eine Ära, an deren Beginn die Entsagung von allen vergangenen Hits und an dessen Ende die Versöhnung mit ihnen stand.

Als Gutsle oben drauf gibt es "Toy". 2001 zwischen "Hours..." und "Heathen" aufgenommen, kam es wegen der Nichtveröffentlichung zum Zerwürfnis zwischen Bowie und EMI. Letztlich endete ein Teil der Songs als Bonus-Tracks späterer Singles. Anfang der 2010er fand das Album dann seinen Weg ins Netz. Eine offizielle Veröffentlichung erfolgt aber erst jetzt.

Bowie blickt auf "Toy" zurück auf seine Mod-Zeiten beim Deram-Label. Auf Baroque Pop-Songs, die Größtenteils vor "Space Oddity" entstanden, den die meisten von seinem Debüt "David Bowie" und unzähligen Compilations wie etwa "Love You till Tuesday" nicht kennen. Ungewöhnliche Lieder, die beim ersten Kontakt regelmäßig für Stirnrunzeln sorgen. Diese entstaubte er und spielte sie mit seiner damaligen Band.

Letztendlich bleibt ein Album, in dem sich ein Künstler selbst covert. Da erscheint EMIs Reaktion durchaus verständlich, da das Album bei einer normalen Veröffentlichung wohl als Special Interest gelaufen und auf eher gespaltene Kritiken gestoßen wäre. "Toy" hat stellenweise etwas von Papas Diavortrag, bei dem er fasziniert von sich selbst durch alte Bilder blättert. Nichtsdestotrotz finden sich mit "Silly Boy Blue" und "Let Me Sleep Beside You" ein paar gelungene Neuinterpretationen. Das Highlight "Shadow Man" stammte jedoch bereits aus "Ziggy Stardust"-Zeiten.

Die Begeisterung für Bowies Comeback als Solo-Künstler hielt sich 1992 in Grenzen. Zu uninspiriert war die Single "Real Cool World", zu unterirdisch der "Dip-Dip-Dip-Dididildedidüp-Dei-Dei"-Refrain. Zu kalkuliert erschien der Griff zu Nile Rodgers als Produzent, mit dem er seinen größten Erfolg "Let's Dance" aufnahm. "Real Cool World" ging ebenso schnell den Weg des Vergessens wie der dazugehörige Film "Cool World".

Was über die nächsten beiden Alben blieb, war der unterkühlte und zu damaligen Grunge-Zeiten schrecklich altbacken klingende Sound. "Black Tie White Noise" stolpert zwischen kitschigem Hochzeitsalbum, Instrumentals und Cover-Versionen hin und her. Gleichzeitig liefert es aber auch grandiose Auftritte des Jazz-Trompeters Lester Bowie ("You've Been Around", "Looking for Lester"), ein letztes Wiedersehen mit Mick Ronson und die für das weitere Jahrzehnt so wichtige Rückkehr Mike Garsons.

Zur großen Spielwiese wird für Bowie der Soundtrack zur BBC-Serie "The Buddha Of Suburbia", auf dem er sich weitestgehend instrumentellen Experimenten hingibt. Wie üblich gelingen nicht alle davon. Sonst wären es ja schließlich auch keine Experimente. Doch gerade diese Passagen zwischen Ambient und Jazz ("South Horizon") legen den Grundstein für Bowies besten Momenten in den nächsten 25 Jahren und führen letztendlich zu "Blackstar". Eher bieder fällt da der Titelsong mit seinen "Space Oddity"- und "All The Madman"-Versatzstücken aus. "Zane, Zane, Zane / Ouvre le chien." Dazu gibt es mit "The Mysteries" eine Rückbesinnung auf den Sound der Berlin-Trilogie, die ohne Eno aber zu sehr Selbstimitation bleibt.

Eben jener kehrte für das wahnwitzige Gothic-Drama "1.Outside" zurück und mit ihm das Leben in Bowies Musik. Das Album stellt ein viel zu langes, gebrochenes, überkandideltes Werk dar. Ein riesiges, schwer zugänglichen Tohuwabohu. Eine über fünf Jahre und fünf Alben angelegte Geschichte des Detektivs Nathan Adler, der den kunst-rituellen Mord an Baby Grace Blue untersucht. Bei Bowies Umtriebigkeit war dieses Projekt von Beginn an zum Scheitern verurteilt. In all dem liegt aber die Schönheit von "1.Outside" und Songs wie "A Small Plot Of Land" und "I'm Deranged". Das zermalmende "The Hearts Filthy Lesson" mit graziösem Garson-Solo und das quecksilbrige "Hallo Spaceboy" zeigten sich deutlich von Nine Inch Nails "The Downward Spiral" inspiriert. Einer der größten "Brilliant Adventure (1992 – 2001)"-Schwachstellen stellt der Verzicht der Veröffentlichung der über siebzig Minuten dauernden "Leon Suites" dar.

Der Drum'n'Bass-Boom brach Detektiv Adler das Genick. Bowie war nie das musikalische Chamäleon, als das man ihn so oft bezeichnet. Viel mehr stellte er eine Lupe für etwas abseitige musikalische Trends und Künstler*innen dar. Diese Einflüsse verschmolz er mit seinem eigenen Ansatz und zog sich dazu etwas Neues an. 1997 hinkte er der Entwicklung jedoch erstmals deutlich hinterher. Was "Earthling" jedoch auch heute noch zu einem starken Album werden lässt, ist die Art, wie er das Genre mit Industrial verbindet, ist die Kompaktheit des Sounds, sind hervorragende Songs wie "Little Wonder", "Telling Lies" und "I'm Afraid Of Americans". Auf der wütenden "I'm Afraid Of Americans"-Single, von Trent Reznor reproduziert, kam es endgültig zu dem seit zwei Jahren heraufbeschworenen Treffen der Generationen. Abseits von "Eartling" zeigte sich Bowie seiner Zeit weit voraus. Der Vorabtrack "Telling Lies" war die erste im Internet herunterladbare Single eines Majoracts.

"Hours..." beendete 1999 ein aufregendes Bowie-Jahrzehnt melancholisch und in sich ruhend. Es stellt den Beginn der Altenteil-Trilogie dar, die "Heathen" und "Reality" weiter führten. Zwar konnte man jederzeit den einstigen Giganten erahnen, doch Bowie begann sich auf hohem Level selbst zu verwalten. Nicht einmal in den oft verpönten 1980ern war Bowie so vorhersehbar. Die interessanten Entwicklungen fanden nun Abseits der Musik statt. Bereits zwei Wochen vor der offiziellen Veröffentlichung konnte man "Hours..." als Download erwerben. Den Text zu "What's Really Happening" ließ er in einem Wettbewerb auf BowieNet von Fans schreiben. Der Gewinner hieß Alex Grant und durfte mit einem Freund auch die Backing Vocals singen. Um das Jahrzehnt passend abzurunden, stellt "Hours..." die letzte Zusammenarbeit mit dem Tin Machine-Gitarristen Reeves Gabrels dar.

Die hier noch erweiterten "BBC Radio Theatre, London, June 27, 2000"-Aufnahmen lagen in gekürzter Version den ersten "Bowie At The Beeb"-Auflagen bei, gehören zu Bowies schönsten Live-Releases und zeigen ihn nach einem Jahrzehnt der Ablehnung mit seiner Vergangenheit versöhnt. Spielfreudig und gut gelaunt zieht er durch die Jahrzehnte, lässt weder Abseitiges, noch die großen Hits aus. Von "The London Boys" über "Always Crashing In The Same Car" zu "Absolute Beginners" und letztendlich "Seven".

Zwischen vielen verzichtbaren Single-Versionen finden sich auf den drei "RE:CALL 5"-CDs viele Perlen. Die bekannteste dürfte die Neuinterpretation von "The Man Who Sold The World" im frostigem "1.Outside"-Gewand sein. Für "Red Hot + Rhapsody: The Gershwin Groove" coverte sich Bowie mit Angelo Badalamenti durch George Gershwins spooky "A Foggy Day In London Town". Im Duett mit seiner Bassistin Gail Ann Dorsey, die live regelmäßig in "Under Pressure" brilierte, entstand "Planet Of Dreams. Das Fehlen von "Truth", einer Zusammenarbeit mit Goldie, stellt einen weitere Schwachstelle von "Brilliant Adventure (1992 – 2001)" dar.

Neben den 1970ern zählten die 1990er zu der spannendsten Zeit Bowies. Die künstlerische Neugierde, die diese Epoche auszeichnete, ging ihm in den Folgejahren verloren. Erst mit seinem letzten Album "Blackstar" kam sie brachial und selbst für Bowie in einem ungeahnten Ausmaß zurück. Trotz einiger Versäumnisse stellt "Brilliant Adventure (1992 – 2001)" diese turbulente Zeit noch einmal gelungen zusammen.

Trackliste

CD1: Black Tie White Noise

CD2: The Buddha Of Suburbia

CD3: 1.Outside

CD4: Earthling

CD5: Hours...

CD6: BBC Radio Theatre, London, June 27th, 2000 CD 1

CD7: BBC Radio Theatre, London, June 27th, 2000 CD 2

CD8: Toy

CD9: RE:CALL 5 CD 1

CD10: RE:CALL 5 CD 2

CD11: RE:CALL 5 CD 3

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4 Kommentare

  • Vor einem Monat

    Hab ich da jetzt einen Verriss gelesen?
    Nein, 4 Sterne?!

    …. Bowie war nie das musikalische Chamäleon, als das man ihn so oft bezeichnet…..

    Mutige Aussage aber keine sehr mutige Bewertung.
    Ich persönlich bekomm ja immer leichte Zahnschmerzen wenn Jahre nach dem Ableben eines Künstlers jeder, noch so kleine, Schluckauf auf 5-10teiligen superdeluxepremium Editionen veröffentlicht wird.
    Aber bei Bowie kann man mal eine Ausnahme machen.

  • Vor einem Monat

    Alles in allem hat Bowie in den 90ern bis auf ganz wenige Ausnahmen einen ziemlichen Scheiß fabriziert. Ist zwar schön, dass er Herumexperimentiert hat, aber dennoch hätte viel mehr hörbares Zeug bei rumkommen dürfen. Das künstliche Hochjubeln dieser Erzeugnisse als diffuse Kunst für selbsternannte Musik-Connaisseure hab ich nie verstanden.

  • Vor einem Monat

    Hab hier ja bereits vor Jahren schon ordentlich Senf mit "70er- und 90er-Bowie lassen 80er-Bowie als ranzigsten und mutlosesten im Kreativste Dekade Wettbewerb hinter sich!"-Geschmacksrichtung (bzw. mittelscharf) verschmiert.

    So großartige wie damals korrekt von Herrn K. angemerkt völlig anachronistisch anmutende Nummern wie z.B. "I'm Deranged" fanden ja dann auch erst losgelöst aus dem "1.Outside"-Komplex - als Quasi-Titelstück im David Lynch-Klassiker "Lost Highway" - ihre späte, aber tatsächliche Berufung. Bis heute auch unter den Einzeltracks eins meiner Allerliebsten aller Zeiten von ihm.

    Entsprechend dünne bleibt's aber auch für Sammler*innen und Langzeitsympathisant*innen vorm "RE:CALL"-Teil der Box. Da befindet sich wohl längst jeder Fitzel Songschnipsel bereits in jedem halbwegs sortierten Plattenschrank, also darf mensch insbesondere nach Ableben des Thin White Duke bis zur garantiert bald erscheinenden nächsten Cashcow-Kompi warten mit der persönlichen "Weil's halt Bowie ist..."-Ausnahme. ;)

    Gäbe es jedoch Pläne, bspw. "RE:CALL 5" als 3CD-Set aus der Brilliant Adventures"-Box zu lösen und als Mini-Box zum Verkauf anzubieten... Könnte ich auch schnell wieder schwach werden, denke ich.

  • Vor einem Monat

    "Tin Machine müssen draußen bleiben." So ists richtig! Einer der wenigen tatsächlichen Reinfälle in Bowies Diskografie. Gut gemeint ist zwar immer schön schön - aber wenn das Resultat so halbgar und unterdurchschnittlich geraten ist, sollte es getrost und mit gutem Gewissen vergessen und ungepriesen bleiben.