laut.de-Kritik

Eine Jahrhundertsymbiose.

Review von

Manche Bands konstruieren die Atombombe. Manche Bands lassen sie über Nacht vollkommen unerwartet hochgehen. Und manche Bands, die brauchen einfach drei bis vier Versuche, um die maximale Zündkraft zu erreichen. Und so spendierte dereinst das schwedische Oktett Cult Of Luna den Funken, der den Post-Metal endgültig in einem tief melancholischen Feuerwerk aufgehen ließ.

Stach die der Hardcore-Szene Umeås entwachsene Band schon Anfang der 2000er aus einem gigantischen Pool von Neurosis- und Isis-Kopien hervor, so übertrumpften sie die überlebensgroßen Vorbilder mit "Somewhere Along The Highway" im Jahr 2006 in Sachen Emotionalität um ein Vielfaches.

Denkt man an Post-Hardcore, so denkt man an weinerliche Vocals, stumpfe Breakdowns und reichlich Knöchel preisgebende Röhrenjeans. Sicherlich wandern die Gedanken aber nicht gleich zu vertrackt-analogen Trip-Hop-Drums, fragilen E-Bow-Klängen, catchigen Rhythmusbreaks und flirrenden Synthesizern. Alles Elemente, die nicht einfach das Album per se, sondern bereits "Finland", der zweite Song des Albums, in sich vereint. Nein, das ist wahrlich eine ganz andere Form von Post-Hardcore.

Was auf Anhieb nach Wall-Of-Sound-Effekthascherei klingt, ist über weite Strecken ganz schön bodenständig. Das Gros der Songs fußt in Wirklichkeit auf der ursprünglichen, rohen und kantigen Spielform des Hardcore, wie man sie in der Untergrund-Szene Umeås öfter zu hören bekommt. "Back To Chapel Town" rollt nach langem Intro in schleppender Converge-Manier voran, in der ersten Hälfte von "Dark City, Dead Man" erklingen rhythmisch entrückte Mid-Tempo-Riffings.

Für die wirklich unwiderstehliche Gesamtwürze greift das Gitarren-Trio Cult Of Lunas dann aber auf für damalige Verhältnisse noch ziemlich schottische Post-Rock-Delay-Motive zurück. Doch statt ausufernder Ambient-Kaskaden nutzen die Sechssaiter den Mut zur Lücke – und schrauben in den richtigen Momenten Melodien ein, die ganz eigene Geschichten erzählen.

"Further down the steps get steeper / You haunt me in my dreams / I let go and fall deeper / This will be the end of me." Nur wenige andere Gruppen rutschen angesichts derartiger Emocore-Zeilen nicht gleich ins egozentrische Selbstzweck-Pathos ab. "Somewhere Along The Highway" erzählt von Einsamkeit, glaubt man den Pronomina, gar von männlicher Einsamkeit und legt dabei fast schon tabuisierte Wunden offen. Stücke wie das Depressive-Country-Interludium "And With Her Came The Birds" verweben tiefe Depression mit landschaftlicher Isolation. Cult Of Luna bedienen sich eines Natur-Vokabulars, das sich den märchenhaften Funkel-Szenarien Sigur Rós' auf drastischste Weise entgegenstellt. Kein Baum spendet hier Trost, kein Hoffnungsschimmer zieht über dem Fjord auf. Hier, an diesem Ort, gibt es nur dich. Dich und die gnadenlose Natur.

Dabei sind die Kompetenzen in musikalischer Hinsicht bereits Jahre vor Erscheinen dieses Monstrums klar abgesteckt: Hardcore kann Emotion, Post-Rock kann Atmosphäre. Und Cult Of Luna? Können beides. Können Katharsis. Neurosis trifft Mogwai. Eine Jahrhundert-Symbiose.

Zugleich aber eine plakative Vereinfachung, die den endlosen Verflechtungen nicht einmal im Ansatz gerecht wird. Überhaupt dürfen Wörter wie "Hardcore" und "Metal" in Bezug auf "Somewhere Along The Highway" allenfalls als grobe Kategorisierungsrahmen herhalten. Phoenix-Drummer Thomas Hedlund etwa, der hier sein Hobby auslebt, zieht seine Einflüsse in den durch und durch unkonventionellen Drumbeats mehr als einmal direkt aus frühem Hip-Hop, zieht dabei hektische Fills über ganze Takte, ohne dabei – im Gegensatz zu mancher Metalgröße – unbeholfen und allzu klinisch zu wirken.

"Dim" ist so eine Glanzstunde. Und das, obwohl der ausgefeilte Paartanz der beiden Drummer nur das Fundament für das eigentliche, an 18-Saiten kreierte Spektakel bildet. Mit seinen unfassbar stimmigen Akkord-Verschiebungen steht der weitgehend instrumental gehaltene Zwölfminüter Pate für nicht in Worte zu fassenden inneren Aufruhr – und katapultiert den Hörer zurück in ganz andere Natur-Szenarien: Nacht. Wald. Irrweg. Bäume. Verzweiflung. Paranoia. Panik. Assoziationsketten, die sich ewig weiterspinnen, sich zu immer neuen Aphorismen verarbeiten lassen. Die aber jeder für sich erspinnen wird.

Denn wenn Cult Of Luna explosiv-treibenden Ausbrüchen verphaserten Klargesang voranstellen, wenn seichte Banjo-Klänge die dualen Schlagzeugläufe unterbrechen, oder wenn sich flimmernde Synthesizer-Rotationen in die perkussiven Spielereien der Rhythmusfraktion mischen – dann wird in erster Linie eines klar: "Somewhere Along The Highway" ist ein Album der Gegensätze.

In einer öffentlichen Fragerunde sagte Band-Sprachrohr Johannes Persson einst: "Ich liebe Radiohead. Aber niemals werden wir etwas so Großes erschaffen wie sie." In der Folge kam es zu ziemlich energisch-empörten Zwischenrufen aus dem Plenum: "Das habt ihr."

Wenn Cult Of Luna mit ihrer Musik also einen Kult kreieren, dann dürfte "Somewhere Along The Highway" das eine Artefakt sein, das alle Zeiten überdauert. Denn wenn das Album mit abschließendem Tapping-Loop und qualvollen Schreien im Soundtrack zur Apokalypse konkludiert, glaubt man schließlich, die Stimmen klar und deutlich zu hören. "Ihr habt Großes erschaffen."

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Marching To The Heartbeats
  2. 2. Finland
  3. 3. Back To Chapel Town
  4. 4. And With Her Came The Birds
  5. 5. Thirtyfour
  6. 6. Dim
  7. 7. Dark City, Dead Man

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LAUT.DE-PORTRÄT Cult Of Luna

Eine kleine Stadt in Schweden namens Umeå ist der Geburtsort manch einer großartigen Band wie The (International) Noise Conspiracy, Meshuggah, Naglfar …

6 Kommentare mit 6 Antworten

  • Vor 2 Monaten

    Ist 2006 nicht etwas zu nahe dran am hier und jetzt? Das Album ist schon geil, nur eventuell passt 1987 oder sowas besser, zu Steinen. Die haben teils Jahrtausende auf dem Buckel. ;)

  • Vor 2 Monaten

    Ich bin sehr glücklich darüber "Dark City, Dead Man" zumindest einmal live erleben zu dürfen.
    Platte ist über jeden Zweifel erhaben. Fand aber auch "Eternal Kingdom" und "Vertikal" richtig stark.

  • Vor 2 Monaten

    Isis > Cult of Luna,

    und da sie zwei (respektive vier) Jahre früher mit diesem elaborierten Kontrastspiel des PostMetal-Stils daher kamen, hätten sie mE auch zuerst den Meilenstein in diesem Genre bekommen sollen. Wobei mir schon bewusst ist, dass die in der Gunst der Hörerschaft meist ziemlich gleichauf liegen, bzw. wie bei mir die Vorliebe zu einer von beiden nur minimal zu überwiegen scheint, wofür auch spricht, dass ich manche CoL-Alben insgesamt besser finde als manch andere Isis-Alben.

    Aber mal was Anderes: Wenn nach 12 Jahren ein Album im kollektiven Gedächtnis nicht als Klassiker wahrgenommen wird, dann erfahrungsgemäß auch nicht oder nur sehr selten nach 24 oder 36. Und für solche Fälle hat die Red. ja noch den "Platte spielte zumindest eine bedeutende Rolle im Leben des Autors!"-Zusatz in den Meilenstein-Disclaimer gepackt.

    • Vor 2 Monaten

      Sehe ich eigentlich auch so. Der Kluk scheint den Einwand antizipiert zu haben, Recht gebe ich ihm hinsichtlich des zweiten Absatzes der Kritk indes definitiv nicht.

      Gerade Panopticon ist für mich im Hinblick auf Originalität, aber auch emotionale Tiefe vielleicht das unsterbliche Genrealbum schlechthin.

  • Vor 2 Monaten

    ich HASSE diese Band seit anfang an :mad: was neben so triggerworten wie "post", "radiohead", "progressive", "Mathcore", "ambient", "sigur ros", "mogwai" uvm überwiegend an dem HURENSOHN videodrone liegt :mad:

    Das schlimme ist, der musik ist eigentlich giel.. räudiger produziert, weniger effekte und dafür mehr substanz-abhängige und/oder sexuell entartete Bandmember... ich glaube, ich hätte eine erektion beim hören :o

  • Vor 2 Monaten

    danke für diese verdiente würdigung und die nachfühlbare begründung. cult of luna waren für mich mit "somewhere along the highway" diejenige band, die mich aus den relativ sicheren gefilden des post-rock in ungeahnte untiefen gerissen haben. das war noch die zeit, in der heutzutage etablierte post-rock-bands wie 65daysofstatic, god is an astronaut oder caspian alben veröffentlichten, die damals noch unter dem radar liefen, die aber entscheidend zu ihrer Bekanntheit beitrugen und heutzutage zurecht zum kanon gehören. cult of luna gingen einfach tiefer, waren sperriger, malten größere bilder, drangen eventuell tiefer ein als alles bisherige. erinnere mich, wie ich in meinem dreckigen kleinen kabuff lag und einschlafen wollte, cult of luna's "somewhere along the highway" gehört habe, und plötzlich war ich in irgend nem finnischen wald und fand, obwohl mich alles so abgefuckt hat, endlich ruhe. und auf dem weg hin zur und dem weg zurück von den nachhilfe-blagen damals malte ich mir aus, dass all das, was ich "unterrichte", einfach lächerlich ist im gegensatz zur universalität dessen, was cult of luna ausdrücken. und so kam es, dass ich dann nach und nach, über die jahre hinweg "salvation", "eternal kingdom", "vertikal" und "mariner" hörte und verinnerlichte, immer in wechselwirkung mit meinen andernen musikalischen vorlieben. für mich sind "somewhere along the highway", "salvation" und "vertikal" ihre besten alben.
    bzgl. des vergleichs mit isis: ich kann isis nicht würdigen hinsichtlich ihrer größe, obwohl ich z.b. "panopticon" sehr gerne höre, weil ich mit cult of luna einfach, wenn man so will, groß geworden bin..