laut.de-Kritik

Zehn Türen hat die Hölle.

Review von

Niemand wollte an diesen Ort, doch nun stehe ich hier. In einer gruseligen Welt, einer Geisterbahn der ehemaligen Trends, deren Leichen zerfleddert von Drähten herabhängen und deren letztes "Buhu!" schon lange verklungen ist. Hier ist es dunkel, modrig, und der Geruch von Buttersäure liegt in der Luft. Nur die Tollkühnsten wagen sich hier her. Hier, wo die vierköpfige Hexe Culchel Candungsel ihr böses Werk an der sich einst so tapfer wehrenden Musik verrichtet. Aber meine Arbeit fängt da an, wo sich andere vor Entsetzen übergeben.

Ich ging durch "Flaträte", meisterte "Unperfekt", doch kein Ort wirkte so trostlos wie dieser. Grüner Nebel nebelt nebelig am Boden herum. Im schummrigen Licht lassen sich die Skelette lange verstorbener Bäume erahnen. Mir fremde Stimmen von Julie Brown, ThatGurlHanna, CE$, Bovann und NIQU spuken durch meinen Kopf. Es liegt nun an mir, die zehn Türen dieser Hölle zu meistern. Mutig schreite ich voran, mir immer dessen bewusst, dass hinter der nächsten Pforte Fußpilz, fieser Brechdurchfall, mein Tod oder – noch schlimmer - Mateo warten könnte.

Vorsichtig öffne ich die erste Tür, auf der mit Blut "Rhythmus Wie Ein Tänzer" geschrieben steht. Ein Eurodance-Zombie mit schmerzverzerrtem Gesicht springt mir entgegen: "Rhythmus wie ein Tänzer ..." Voller Panik schlage ich die Tür wieder zu. Ich wusste, dass es schlimm wird, aber doch nicht SO schlimm. Hätte ich das geahnt, ich hätte mich besser bewaffnet. So bleiben mir nur mein geschickter Umgang mit der Sprache, mein wunderbarer Wortwitz und meine einnehmende Bescheidenheit, um diesen "Rhythm Is A Dancer"-Wiedergänger in die Flucht zu schlagen. Ich schließe die Augen, stecke mir die Finger in die Nase und trete schreiend die Tür ein: "Lalalalala! Ich seh' dich nicht, ich hör' dich nicht! Lalalalalala!" - "... Tattoos wie ein Gangster / Zeig mir alles, was du hast, yeah / Scheiß' auf deinen Benzer, Roli und ein Penthouse / Brauchen wir nicht heute Nacht." Erst jetzt wird mir mein fataler Verschreiber bewusst. Ohren! Nicht Nase. Aber es hilft nichts. Ich muss hier raus, muss die zweite Tür finden. Dort, die Rettung, ein "Ratatang"!

Schnaufend betrete ich den Raum. Die wenigsten Leser*innen werden dieses Wesen kennen: Bei einem "Ratatang" handelt es sich um einen männlichen Knofbold (weiblich Ratatane, divers Ratata). Selbige zeichnet ihre rosa-grüne Tupfung aus, mit der sie die grau gehaltenen Weibchen betören möchten. Diese etwa ein Meter großen Kreaturen kommunizieren über die Absonderung ihres sehr intensiven Knoblauchatems, der manche Menschen schon in den Irrsinn trieb. Doch meine jahrelange Studie der Knofbolde ermöglicht mir, diesen in unsere Sprache zu übersetzen. "Sie sagt: 'Komm, hör auf zu sabbern, Mann', ey / Ich zeig' dir, wie man richtig feiern kann, ja / Du wirst schon sehen, wie die Zeit vergeht / Komm, es ist nie zu spät für ein bisschen Ratatang-tang." Dazu beginnt das possierliche Kerlchen seine sieben Hintern zu einem muffigen lateinamerikanischen Beat zu schwingen. Das ist alles, was ihr habt? Lachend öffne ich die nächste Tür und stehe dem Grauen gegenüber.

Gleich mehrere Gangster-Klone fahren mir an diesem Ort der Verdammnis auf ihren Bobby-Cars gegen das Schienbein und rappen dabei: "Ich mag schnelle Sachen, die fahr'n / Porsche, Ducati, Ferrari, McLaren." Als reichte dies ("SSDF") noch nicht für einen Track, den Fler 2016 als zu gestrig abgelehnt hätte. Selbst Helene Fischer würde man dieses Szenario eher abnehmen. "Drück' durch bis zum Mond, yeah, wir fliegen vorbei / Auf der Flucht vor den Fanboys, von der Polizei", reimen diese Schelme unbeirrt weiter. Dabei dürfte allen gemeinsam sein, dass sie einmal beim Klingelputzen weggelaufen sind, anstatt sich artig für diesen Streich zu entschuldigen. Die fehlende Authentizität treibt mich dazu, meinen Kopf an dem mitten im Raum stehenden Pfosten blutig zu schlagen. Doch keine Schwäche zeigen. Ich muss weiter, zur nächsten Bestie.

Die Räume jagen zunehmend an mir vorbei. Die Fratzen des Wahnsinns verschwimmen zu einer einzigen, jedem Trend hinterher hechelnden Monsta in der Form des coolen Dads, der denkt, immer noch die Sprache der Kids sprechen zu können. Yolo. I bims. Geilomat. Dann steht unerwartet bereits hinter der neunten Tür der Endgegner vor mir: Culchel Candungsel in ihrer irdischen Form als Culcha Candela.

Ich versuche noch auszuweichen, doch sie wirft mir ihren berüchtigen "Randale"-Fluch entgegen. "Randalle, Randalle, Randalle!" Mein meisterlicher, für diese Situation zurückgehaltener Wortwitz prallt ohne Wirkung an ihr ab. ("Wie nennt man eine Zauberin in der Wüste? Sand Witch.") In immer kürzeren Intervallen trifft mich ihr "Randalle, Randalle, Randalle!" Bereits geschwächt, versuche ich es mit einem verzweifelten "Womit backen Schlümpfe? Garga-Mehl." Nach einem weiteren "Randalle, Randalle, Randalle!" breche ich zusammen. Das wars. Mir bleibt nur noch der Wahnsinn. Im letzten Zimmer "Quiereme Ahora" wippe ich bereits grinsend und sabbernd mit meinen linken Fuß. Mein Geist verliert sich im Schattenreich.

"Top Ten" ist das bisher beste Culcha Candela-Album und schon jetzt ein heißer Anwärter auf den Titel des Albums des Jahres. Möglicherweise auch des Jahrzehnts. Absolute Kaufpflicht!

(Anmerkung der Redaktion: Glauben Sie unserem Mitarbeiter nicht. Das Ding ist komplette Grütze. Wir haben Herrn Kabelitz nach diesen traumatisierenden Erfahrungen bis auf weiteres von allen seinen Aufgaben entbunden und in einen längeren Urlaub geschickt.)

Trackliste

  1. 1. Rhythmus Wie Ein Tänzer
  2. 2. Ratatang
  3. 3. SSDF
  4. 4. Real Life
  5. 5. Hope
  6. 6. Für Imma
  7. 7. Leb Jetzt
  8. 8. Erst Der Anfang
  9. 9. Randale
  10. 10. Quiereme Ahora

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