laut.de-Kritik

Mit Bausa, Bozza und Bourani in den Pop-Mainstream.

Review von

Wer sich von Clueso schon immer Features mit aktuellen Stars der Pop- und Rapszene gewünscht hat, kommt gerade voll auf seine Kosten. Andreas Bourani, Bausa, Bozza, Mathea und Sharaktah heißen die Gäste auf dem neunten Studioalbum des Erfurters. Eine Kollaboration mit Capital Bra und KC Rebell kurbelte letztes Jahr die Promophase an. Der Kritiker würde an dieser Stelle Sellout wittern, der wohlgesonnene Fan sieht darin vielleicht eine nachvollziehbare Weiterentwicklung, nachdem Clueso mit "Handgepäck" vor drei Jahren introvertierte Musik für Liebhaber geliefert hatte. Wie man es auch dreht und wendet, Clueso ist im Pop-Mainstream angekommen.

Wenn Clueso seinen Erfolg an Chartplatzierungen und Radio-Airplay misst, dann kann er mit seinem "Album" dank mehrerer gut laufenden Singles schon jetzt sehr zufrieden sein. Die Anführungsstriche sind übrigens nicht despektierlich gemeint, sein neues Album heißt tatsächlich "Album": klingt zwar ziemlich stumpf und uninspiriert, lässt aber noch keine Rückschlüsse auf den Inhalt zu. Angesichts der Namen seiner ersten beiden Alben "Text und Ton" und "Gute Musik" scheint der ehemalige Rapper noch nie viel Wert auf besonders tiefsinnige Titel gelegt zu haben.

Es fällt aber auch schwer, einen wirklich passenden Überbegriff für die 19 Songs zu finden, die es auf das "Album" geschafft haben. Ein klassisches Konzept wie beim Vorgänger lässt sich nicht mehr erkennen - weder inhaltlich, noch musikalisch. Das liegt unter anderem an der Vielzahl der Produzenten, die für den Pop- und Hip Hop-lastigen Sound verantwortlich sind: darunter die üblichen Verdächtigen wie Beatzarre und Djorkaeff, Alexis Troy (Rin, Kollegah, 257ers) oder Miksu und Macloud (Jamule, Apache 207, Loredana) sowie ausgewiesene Deutschpop-Experten wie Tobias Kuhn (Adel Tawil, Mark Forster, Milky Chance) oder Daniel Flamm (LEA, Jeanette Biedermann). Der einzige gemeinsame Nenner ist Cluesos Stimme.

Statt akustischer DIY-Eigenbrötelei nun also Hochglanz-Produktionen und Kollaborationen mit Namen, bei denen sich Labelbosse die Hände reiben. "Willkommen Zurück" zum Beispiel erweckt Andreas Bourani nach sechs Jahren Musik-Abstinenz zum Leben. Da schreiben sich die Schlagzeilen von selbst. Musikalisch ist diese große Comeback allerdings das Gegenteil von einer Sensation. Bemüht pathetisch zieht Bourani die Silben so lang, bis sie wie klebrige Käsefäden auseinander gehen: "Neue Motoooor'n, neu wie geboooor'n / Schritt für Schritt im Zeitreisen nach voooorn / Kein schiefer Toooon, beste Versioooon / Lass los und stoß Vergangenes vom Throooon". Das Lied erscheint wie gemacht dafür, in sämtlichen Fernsehsendungen auf Vox, RTL, Sat.1 und ProSieben weiter verwertet zu werden, denn emotionale Wiedervereinigungen gibt es immer wieder und müssen natürlich passend untermalt werden. In Anbetracht der Tatsache, dass das Stück im Flow des Albums schon zu Beginn für einen unnötigen Stilbruch sorgt, hätte man es am Besten gleich streichen sollen.

"Flugmodus" hingegen beweist, dass massentauglicher Ohrwurm-Pop überhaupt nicht unangenehm klingen muss. Cluesos Stimme strahlt eine Wärme aus, die wunderbar zum unbeschwerten und lässigen Sound passt, den auch das darauffolgende "37 Grad Im Paradies" mit seinem groovendem Bass ausstrahlt. Clueso holt noch einmal den Spätsommer zurück und liefert den Soundtrack für entspannte Autofahrten bei sonnigem Wetter. Ähnlich unbeschwert und fröhlich klingt die Single "Sag Mir Was Du Willst". Im Interview mit Delta Radio sagte der 41-Jährige, er habe keine Hemmungen mehr, "ne Hook zu machen, die kleben bleibt, richtig eklig". Dieser Ansatz ist dem "Album" deutlich herauszuhören und das nicht nur auf der Spice Girls-Hommage "Sag Mir Was Du Willst". Verdammt eingängig ist auch die Hook von "Leider Berlin" und die Produktion von "Tanzen". Ein gutes Ohr für Melodien hatte Clueso schon immer, aber als Hitlieferant war es bislang nicht bekannt.

Die Hip Hop-Kollaborationen mit Bausa, Bozza und Sharaktah dienen wohl eher dem Selbstzweck. Da hilft es auch nicht, dass Clueso mit "Interlude Bozza" die Sprachnachrichten veröffentlicht, die anscheinend zeigen sollen, wie authentisch und unkompliziert die Zusammenarbeit mit dem Hamburger Rapper gelaufen ist. Bausa orientiert sich auf "Hotel California" am Inhalt des Eagles-Originals und rappt von Zweifeln, Trugschlüssen und Süchten: "Dieser Weg kennt kein Wiederseh'n / Einmal kommen, nie mehr geh'n". Während "Hotel California" durch die Flamenco-Gitarrenbegleitung mit Hip Hop-Drums ins ferne Lateinamerika entführt und dieser Sound zumindest Bausa gut zu Gesicht steht, wirkt Clueso auf dem Trap-Beat "VIP" ziemlich deplatziert. Den Pre-Refrain "Ist es nicht VIP, gibt es kein' Hype / Spielst du nicht mit, heißt es bye-bye" dreht er im Refrain in "Aber ist es VIP, VIP, bist du high, high / Komme nicht mit, immer, immer bye-bye" um, und irgendjemand im Studio hätte dem ohnehin nicht gerade überragenden Texter Clueso sagen sollen, dass das eine seiner schlechteren Ideen ist.

Mit "Alles Zu Seiner Zeit" kommt nur eins der 19 Stücke ohne elektronische Produktion aus. Die hübsche Klavierballade ist eine willkommene Abwechslung, wobei Clueso gerne auf die unsäglichen Deutschpop-typischen "Oh, oh oh"-Chöre hätte verzichten dürfen. Was auf dem nächsten Konzert sicher für Gänsehaut-Momente sorgen wird, wirkt in der Studioversion auf dem Album leider etwas kitschig. Experimente wagt der Musiker, der zu Beginn seiner Karriere noch selbst als Rapper mit Reggae- und Jazz-Einflüssen unterwegs war, auf dem "Album" kaum. "Was Wäre Wenn", das ein wenig an den Deep Cut "Lambadaimlimbo" von Mines letztem Album "Hinüber" erinnert", ist an dieser Stelle hervorzuheben.

"Dieses Werk ist ein Popalbum mit großen Melodien, aber es trieft nicht vor Behäbigkeit und ist auch nicht pathetisch. Nur für die Kunst anzutreten, wie es Radiohead machen, ist nicht meins.", erzählte Clueso der Kronen Zeitung. Das erwartet wohl auch niemand. An vergangene Großtaten wie "Gewinner", "Barfuß" oder "Chicago" erinnert auf "Album" wenig, was aufgrund der persönlichen Weiterentwicklung eines Künstlers ebenfalls wenig verwundert. Mit seinem neunten Werk dringt Clueso tiefer denn je in den Pop-Mainstream ein und liefert zahlreiche Hits fürs Radio. Darunter leidet die Kohärenz des Albums, das insgesamt etwas lang geraten ist und zu viel überflüssiges Material wie beispielsweise die Kollaborationen mit Andreas Bourani, Bozza oder Mathea aufweist. Negativ zu vermerken sind außerdem seine mitunter holprigen Texte. Für das "Album" sprechen die handwerklich gut gemachten Produktionen und Cluesos Händchen für eingängige Melodien.

Trackliste

  1. 1. Take Off
  2. 2. Flugmodus
  3. 3. 37 Grad Im Paradies
  4. 4. Hotel California (feat. Bausa)
  5. 5. Willkommen Zurück (feat. Andreas Bourani)
  6. 6. Sehnsucht...
  7. 7. Was Wäre Wenn
  8. 8. VIP
  9. 9. Der Letzte Song (feat. Mathea)
  10. 10. Alles Zu Seiner Zeit
  11. 11. Aus Dem Weg (feat. Sharaktah)
  12. 12. Sag Mir Was Du Willst
  13. 13. Punkt und Komma
  14. 14. Aber Ohne Dich
  15. 15. Interlude Bozza
  16. 16. Heimatstadt (feat. Bozza)
  17. 17. Leider Berlin
  18. 18. Tanzen
  19. 19. Du Warst Immer Dabei

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15 Kommentare mit 9 Antworten

  • Vor 21 Tagen

    Ach, Leute wie Clueso und Max Mutzke werden halt auch nicht jünger und wollen jetzt die Deutschpop-Welle reiten, solange es sie noch gibt. Wobei mir Clueso aka Cro besser gefällt als Max Mutzke aka Johannes Oerding.

  • Vor 2 Tagen

    kann man ja mal ne kleine meinung hinterherschieben, weil ich grad alle offenen tabs in meinem browser sortiert und geschlossen hab und da fiels mir ja wieder ein: wollte ja was sagen, aber habs dann vergessen. jeder neue tab eine neue tür hinter mir, die ins schloss fällt. naja egal, cluesn, mit dem ich mir ne heimat teile, wird für mich immer ein wichtiger künstler bleiben aber insbesondere wegen den ersten 3 alben, weil ich halt in dem alter war, damals und das alles gut gepasst hat (und besonders das zweite und dritte einfach sehr gute platten sind). deswegen kann der junge im prinzip machen was er will, ich werd den immer respektieren. irgendwer hat oben geschrieben, dass die trennung von der band eventuell was damit zu tun haben könnte, dass die qualität der musik abnimmt. kann schon sein an sich, aber besonders die "Handgepäck" war ne sehr gute platte und die ist eher in einem liedermacher-kontext entstanden. das scheint ihm gut zu stehen so als produktionsidee. finds ganz schön straff, wie ihr ihn alle hatet aber der ist seit 20 Jahren im game, nie negativ aufgefallen, intelligent, und wirklich am boden geblieben. ich attestiere ihm eine lange karriere die noch andauern wird, wenn andere, die ihr vielleicht weniger blöd findet, längst vergessen sein werden. guter mann.