laut.de-Kritik

So bieder wie ein katholischer Kirchentag.

Review von

Mit seiner Mixtur aus Pop, Klassik und Jazz eroberte der in Kanada geborene Pianist Chilly Gonzales die größten Konzerthallen. Dort spielt er seine Entertainerqualitäten aus. Erst kürzlich brachte er in seinem Buch "Chilly Gonzales über Enya" seine Faszination für die irische Chanteuse zum Ausdruck. Den Enthusiasmus, den er für ihre Musik aufbringt, hört man seiner Weihnachtsplatte "A Very Chilly Christmas" leider nicht an.

Neben traditionellen Liedern widmet sich Gonzales auch Welthits wie "Last Christmas" von Wham! oder "All I Want For Christmas Is You" von Mariah Carey. Zudem ist mit "The Banister Bough" ein neu komponiertes Stück dabei.

Den Kitsch der Originale bewahrt der 48-jährige, wenn er sich zu lieblichen, hellen Klängen an den Tasten hinreißen lässt. Darunter offenbart er jedoch mit dunklen Rhythmen einen gewissen Hang zur Melancholie, so dass die Platte etwas Sehnsüchtiges ausstrahlt. Dazu trägt auch das wehmütige, kammermusikalische Cello von Stella Le Page in "Silent Night" oder "In The Bleak Midwinter" bei. So weit, so nett.

Nur hätte man, anstatt den nachdenklich besinnlichen Charakter der einzelnen Songs zu betonen, das Werk mit etwas mehr individuellem Eigenleben füllen können. Manchmal streut Chilly Gonzales zwar wie in "Silver Bells" ein paar jazzige Akkorde ein. Wenn er sich aber andererseits größtenteils musterknabenhaft an die Melodik der Originale hält, lässt sich das kaum als genreübergreifend bezeichnen. Eher klingt dieses Album so bieder wie ein katholischer Kirchentag.

Trotz einiger Gäste gewinnt er den Originalen eher wenig Neues ab. So darf Jarvis Cocker in "In The Bleak Midwinter" in bester Märchenonkelmanier ein paar Spoken Words zum Besten geben, nur damit im Anschluss Feist besinnlich die Hauptmelodie vor sich hin brummt. Mitreißend geht anders. Wie viel Emotionalität sich diesem traditionellen Gedicht, das unzählige Male vertont wurde, noch abringen lässt, bewies Rebekka Bakken wiederum erst kürzlich auf "Winter Nights".

Etwas besser fügen sich die Gäste dagegen im folgenden "Snow Is Falling In Manhattan" ein, das im Original von Purple Mountains stammt. Hier schmachtet Jarvis Cocker so sehnsuchtsvoll vor sich hin, wie man es von ihm gewöhnt ist. Zwischenzeitlich zieht er sich aber auch mal kurz zurück, während Chilly am Piano dramatische Kontraste setzt. Am Ende bäumt sich der Song mit der süßlichen Stimme von Feist zu einem herzerwärmenden Finale auf. Originell lässt sich das zwar nicht nennen. Trotzdem bleibt eine schöne Würdigung an David Berman, dem Kopf hinter Purple Mountains, der sich im letzten Jahr das Leben nahm.

In "The Banister Bough" säuselt Feist einmal mehr zu Chillys Nat King Cole-artiger Begleitung süßlich vor sich, was jedoch keinen bleibenden Eindruck hinterlässt. Für ein neu komponiertes Weihnachtsstück erhofft man sich ein wenig mehr als das Aufwärmen musikalischer 50er-Jahre-Weihnachtsklischees.

Jazziges Feeling versprüht auch "O Tannenbaum", aber wenn Chilly anschließend mit "Maria Durch Ein Dornwald Ging" um die Ecke kommt, das beim alljährlichen Weihnachtssingen in der Kirche zur Flucht zwingt, war es das schon wieder mit den leichtfüßigen Tönen, zumal er das Lied sehr humorlos interpretiert. Auch auf die barocken Anklänge in "Last Christmas", die so hölzern wie die Fernsehgottesdienste in den Öffentlich-Rechtlichen daherkommen, hätte man gut und gerne verzichtet.

Am Ende funktioniert der Endvierziger die Jahresendhymne "Auld Lang Syne" gar zum Mundharmonika-Trauermarsch ohne Netz und doppelten Boden um, der hier "Auld Lang Mynor" heißt. Ja, das fehlte noch. Von weihnachtlicher Chilligkeit ist "A Very Chilly Christmas" leider sehr weit entfernt.

Trackliste

  1. 1. Silent Night
  2. 2. Good King Wenceslas
  3. 3. Silver Bells
  4. 4. God Rest Ye Merry Gentlemen
  5. 5. Last Christmas
  6. 6. The Banister Bough
  7. 7. Jingle Bells
  8. 8. All I Want For Christmas Is You
  9. 9. In The Bleak Midwinter
  10. 10. Snow Is Falling In Manhattan
  11. 11. O Tannenbaum
  12. 12. Maria Durch Ein Dornwald Ging
  13. 13. O Come, All Ye Faithful
  14. 14. We Three Kings
  15. 15. Auld Lang Mynor

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4 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor 6 Monaten

    Das sehe ich anders als der Rezensent. Ich glaube und finde gerade gut, dass Chilly Gonzales mit dem Album keine wilden, hochemotionalen Neuinterpretationen zum Ziel hatte, sondern es tatsächlich um Besinnlichkeit ohne künstlichen Pomp ging. Das merkt man aus meiner Sicht daran, dass er es schafft, selbst einem Kitsch-Monster wie "Last Christmas" sogar eine etwas melancholische Note zu geben. Daher ist das Album für mich die perfekte Einstimmung auf diese besonderen, abgespeckten Weihnachten.

    • Vor 6 Monaten

      Dem kann ich mich nur anschließen, ich finde es ebenfalls klasse, dass primär die Besinnlichkeit sowie der etwas schwermütige Touch auf dem Album hervorgehoben wird.

      Auch das Duett mit Feist ist über jedem Zweifel erhaben. Endlich mal wieder ein Weihnachtsalbum, dass auch mehrfach gut hörbar ist.

      Sicherlich ist es kein Must-Have-Album dieser Dekade geworden, aber ich denke das ist durch das Konzept des Künstlers auch gar nicht gewollt. Ich hätte dem Album mindestens solide 3 von 5 Punkten gegeben.

      Aber Reviews und Meinungen sind nunmal auch subjektiv. Ich hoffe nur, dass mehrere Personen trotz der relativ niedrigen Bewertung dem Album zumindest eine Chance geben werden.

      Und ja, bezüglich "White Christmas" war ich ebenfalls positiv überrascht. Ich hätte nie gedacht, das man dem Song diese gewisse Tiefe geben kann.

      Chilly, du bist ein Guter ;)

    • Vor 6 Monaten

      Das sehe ich ganz genau so.

  • Vor 6 Monaten

    Arg unterbewertet. Die Platte hat schon ein paar Durchläufe hinter sich und sich locker 4 Sterne verdient - dabei bin ich ausdrücklich kein Freund von Weihnachtsalben. „A Very Chilly Cristmas“ ist wie ein Adventskranz, der reduziert, stylisch und zurückgenommen daherkommt. Das gefällt nicht jedem, aber sicher vielen, denen die reichlich penetrante Zuckrigkeit vieler Weihnachtsalben auf die Nerven geht.

  • Vor 6 Monaten

    Stimme auch ein. Nichts was einen umwirft oder Musik revolutioniert, aber ne solide, gute Gonzales Platte, 3/5 hätte es schon geben dürfen.

  • Vor 6 Monaten

    Wenn man sich das heute (16.12) auf ARTE prämierte Konzert samt der Performance anschaut, begreift man mehr, worum es dem Künstler geht. Eigentlich ein Ausnahmekünstler, der von der Rezension hier völlig verkannt wurde....