laut.de-Kritik

Eine Heilsbringerin auf Abwegen?

Review von

Nachdem in den hiesigen Feuilletons, Kulturmagazinen und sogar Fernsehzeitschriften wirklich alles über Chan Marshalls a.k.a. Cat Powers Neuling "Sun" gesagt wurde, und sogar der Albumstream vorab zugänglich war, eine grobe Kurzzusammenfassung der Beobachtungen: Chan Marshall (die Privatperson) trägt die Haare nur mehr kurz. Nicht mehr schön - dieser Radikalschnitt macht sich in ihrem zweiten Ich Cat Power (der Musikerin) bemerkbar. Außerdem benebelt Cat die Sinne nicht mehr mit leidenschaftlicher Qual, sondern erquickt uns ab sofort mit ungekannter Labsal.

Natürlich braucht es wieder ein paar Extrarunden, bevor man sich den ein oder anderen vermeintlich übersehenen Ohrwurm aus dem Gehörgang puhlt. Und weil die Verklärung kein Ende nimmt, ist "Sun" kein Meisterwerk wie das 2006er "The Greatest". Trotzdem wird eifrig Flüsterpost gespielt und über "Sun" als Vorbote eines neuen Bravourstücks getuschelt. Ist Cat Power also eine Heilsbringerin auf Abwegen?

Sie kam einst von Atlanta direkt in den New Yorker Untergrund. Dann kam das Himmelfahrtskommando und mit ihm das Alkoholproblem, die zerschundene Seele, die ellenlangen Auszeiten. Für manche ist das ein Schuss ins Genick, auch Chan Marshall setzte das zu. Aber in den schwersten Stunden konnte sie ihre dunkelsten Gegenden ausleuchten, sie just verwandeln in Trotz ("Human Being", "Peace and Love") und Hoffnungsstrahlen. Andere beließ sie im Zustand purer Verzweiflung.

Die elf Kompositionen spielte sie in Malibu, Silver Lake, Miami und Paris fast ausnahmslos alleine ein und produzierte im Anschluss auch konsequent in Eigenregie. Eine eiserne Lady. Der Electro-Guru Philippe Zdar, der Phoenix' "Wolfgang Amadeus Phoenix" abmischte und selbst Teil des House-Duos "Cassius" ist, half dann im Mastering so nach, dass Cat Power jetzt nicht mehr nach Cat Power klingt. Das heißt: keine Geigen am Himmel, keine Trompeten am Horizont, nur die Whiskeystimme und Du.

Doch irgendwas ist da, das dich in deinen Grundfesten und Gewohnheiten erschüttert. Vielleicht ist es der Zickzackbeat aus dem Hip Hop ("Sun") oder ein auf Latin-Loops getrimmtes Klavier ("Ruin"), dass gar nicht mehr aufhören will, sich zu wiederholen? Als ob es sagen möchte: Seht her, alles dreht sich nur um mich!

An anderer Stelle erhebt sich eine Hydra an Auto-Tune-Spuren ("3, 6, 9"), der man nach langer Zeit - seit Chers digitaler Schönheitsoperation "Believe" vielleicht - nicht einen einzigen dieser vielen mechanischen Quadratschädel abschlagen möchte. Was daran liegt, dass aus diesem Tonverbesserungsstrauß mindestens so viele menschliche Funken hervorlugen und nicht ausgelöscht wurden.

Früher, da ist Cat Power aus dem Rahmen der Zeit gefallen, jetzt ist sie mitten drin im Bild, in dieser hippen Soundscape. Und wie sie da so steht, ein bisschen abseits des Goldenen Schnitts, macht ihr das nichts aus. Das weiß keiner besser als der neuerdings überaus beliebte Sidekick im Geschäft, der wettergegerbte Iggy Pop, der sie in elf Minuten und ganzen zwei Akkorden (was beides kaum auffällt!) bei "Nothing But Time" begleitet. Im Hintergrund herumknödelt er: "You ain't got nothing else but time / And they ain't got nothing on you / Your world is just beginning / It's up to you to be a superhero / It's up to you to be like nobody."

Es gab mal eine Zeit, da wollte Cat Power hoch hinaus, nur für einen Moment die Größte sein. Die Ärmel sind hochgekrempelt, die Arbeit hat gerade erst begonnen.

Trackliste

  1. 1. Cherokee
  2. 2. Sun
  3. 3. Ruin
  4. 4. 3, 6, 9
  5. 5. Always On My Own
  6. 6. Real Life
  7. 7. Human Being
  8. 8. Manhattan
  9. 9. Silent Machine
  10. 10. Nothin But Time
  11. 11. Peace And Love

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4 Kommentare

  • Vor 9 Jahren

    Ja, so richtig begeistern will mich das Album nicht. Drei Punkte finde ich angemessen, vor allem verglichen mit ihren bisherigen Werken.
    Cat Power war ja noch nie die beste Songwriterin, aber bisher haben mich ihre Stimme und die meist minimalistischen Arrangements immer völlig mitgerissen und in eine andere Welt versetzt. Bei "Sun" ist dies leider nicht der Fall.

  • Vor 9 Jahren

    Ich finds gut, kann mich in die songs reinfühlen!

  • Vor 9 Jahren

    Ich verstehe die kritik nciht. Dies ist ein komplett anderes Cat Power album, als je dagewesen. Die Songs sind meines erachtens wesentlcih eingängiger. Zugleich aber durchsetzt von unregelmäß wirkenden Beats. Ihre weiche Stimme stellt sich in den Contrast mit der schnellen, zum Teil schrammelnden Musik (Silent Machine).
    Iggy Pop ist drauf, weil sie ihrer Ziehtochter eine Freude machen wollte.
    Ich mag die abgeklärte, Stringenz dieses Albums und denke es ist zusammen mit The Greatest, ihr bestes Album.

  • Vor 9 Jahren

    Großartiges sehr grooviges und auch melancholisches und vor allem sehr verspieltes Album. irgendwie hat sie es geschafft alle hippen Zutaten des Pops der letzten 4 Jahre in die neuen Tracks einfließen zu lassen ohne dabei eine andere als sie selbst sein zu wollen. Ob das wirklich nur an Philippe Zdar liegt, darf bezweifelt werden, Chan Marshall hat es schon immer geschafft selbst tiefste Melancholie lässig klingen zu lassen. Und endlich hören wir einmal, dass man mit einem Vocoder auch großes machen kann.