laut.de-Kritik

Das, was Katja Krasavice gerne wäre.

Review von

Lasst uns nicht lange um den heißen Brei herumreden. Egal ob Name, Tracklist oder Albumcover: Brooke Candy präsentiert die Thematik ihres Debüt-Albums ähnlich subtil wie Clemens Tönnies seinen "unabsichtlichen" Rassismus. Alles dreht sich um Sex, ums Pimpern, Ficken, Knödeln, um Snu-Snu: Tausend Synonyme, alle meinen sie das gleiche. Nur mit dem romantischen "Liebe machen" hat der Akt, dem die amerikanische Rapperin huldigt, relativ wenig zu tun. Es ist die Antithese zu "Sex Sells" - der Geschlechtsakt als etwas so Hemmungsloses, Vulgäres und Geiles, dass rotweinschlürfende Biedermänner (bei denen das Licht gefälligst an bleibt!) am besten gleich die Anlage ausschalten, bevor sie sich noch an ihrem viel zu teuren Tropfen verschlucken.

Schon das Cover lässt wortwörtlich tief blicken. Es zeigt die fast nackte Brooke als sechs-brüstigen Dämon, als "Priestess of sluts", wie sie sich später selbst bezeichnet. Es ist eine abstrakte Fetischisierung des weiblichen Körpers, so over the top und selbstbewusst, dass sich zahlreiche Männer geekelt abwenden werden. Für sie ist der folgende Inhalt aber ohnehin nicht gedacht. Die regenbogene Plattform, die "Sexorcism" ist, gebührt nämlich in aller erster Linie all den Weirdos, Queers und natürlich Frauen dieser Welt.

Es ist ein Manifest der weiblichen Selbstbestimmung, das nichts mit der oberflächlichen Provokation einer Katja Krasavice oder einer Nicki Minaj gemein hat. Für Brooke ist ihre Sexualität mehr als ein reines Fashion Statement. Ihre Videos grenzen an Arthouse-Pornografie, ihre Live-Shows an Fetisch-Perfomances (einziger Deutschland-Stop ihrer Europa-Tour ist folgerichtig im Berghain).

Ein Song, der die Diskrepanz zwischen insgeheim eigentlich ziemlich prüden Nackedeis wie Micaela Schäfer oder eben Katja Krasavice und dem Feminismus einer Brooke Candy schön veranschaulicht, ist "Boss Bitch" (ironischerweise auch der Titel von Katjas Debüt-Album). Während die erstgenannten im Rahmen ihrer ausgelebten Sexualität letzten Endes nur weiterhin männliche Pornofantasien bedienen, bricht Brooke mit eben genau diesen Vorstellungen und stößt mit dem überspitzten Verdrehen von Geschlechterrollen das Patriarchat vor den Kopf: "I steal a fuckboy take him hostage / Break his back make him eat his own sausage / I'm a boss bitch / And he's never gonna kiss me where my lipgloss is."

Auch die eher klassischen Sex-Jams wie "XXXTC" oder "Cum" beschreiben den Geschlechtsakt aus unüblicher Perspektive. Man ist es gewohnt, wenn sich Rapper explizit über ihre hundert Prozent genau so passierten Bettgeschichten auslassen, doch wenn der Male Gaze umgekehrt wird und eine Frau die Schlagrichtung angibt, fühlen sich jene Prollos unwohl und in ihrer Männlichkeit verletzt: "When I ride the D I make it wet / Ecstasy Triple X, cum so hard I break the bed / I'm a sex witch fat pussy hex." Das ist aggressiv vorgetragen, keine Frage, aber eben auch nichts anderes als King Orgasmus' Porno-Rap, der seit Jahren von spätpubertierenden Bengeln gefeiert wird. Genauso wenig wie er sich um die "Fotzen" kümmert die er fickt, interessiert sich Candy für die Befriedigung ihres Gegenübers. In ihren Worten: "Suck the clit and get lost."

"Rim" (urban dictionary is your friend) ist ein Höhepunkt (haha) des Albums, der sogar so weit geht und die Musik der erotischen Ästhetik unterordnet. Das klingt wie Porno-ASMR, unterbrochen von regelmäßigen Synth-Drops und ist wohl der ultimative Beweis, dass man sich zweimal überlegen sollte, in welchem Umfeld man diese Platte auflegt. Andererseits steht der Song auch für das größte Problem des Albums. So sehr man Brooke für ihren rücksichtslosen und radikalen Feminismus feiert, so sehr muss man sie stellenweise für die musikalische Umsetzung kritisieren. Denn das Image der 30-Jährigen spiegelt sich nur bedingt im Klangbild von "Sexorcism" wieder. Viel zu oft geraten die Instrumentals furchtbar zahnlos, allen voran "Freak Like Me" und "Encore", und Brookes Präsenz zu harmlos. Konträr zur ihren Lyrics gibt sich die Rapperin nur selten so out there, wie zum Beispiel auf der punk-inspirierten Single "War", die es leider nicht auf das Album schaffte.

Auch die scheinbar endlose Gästeliste bringt ihre Probleme mit sich. Obwohl die Auftritte von Newcomerin Ashnikko, Charli XCX oder Rico Nasty zu den Hightlights der LP gehören, fallen andere Features gar nicht erst auf oder ruinieren sogar vielversprechende Songs komplett wie zum Beispiel Iggy Azalea mit ihrem grauenhaften Verse auf "Cum".

Doch trotz all dem muss man betonen, dass die großartigen Momente von "Sexorcism" fast schon unvergleichlich in ihrer Symbiose aus Sex und Sound sind. Gerade der von Boys Noize produzierte Closer "FMU" konterkariert eine poppige Ohrwurm-Hook mit giftigen BDSM One-Linern ("Tell me where it hurts and I make it hurt better") zu einem erstaunlich runden Gesamtpaket: Zuckerbrot und Peitsche eben.

Auch "R.I.P" und "Drip" sind weitere Paradebeispiele dafür, wie "Sexorcism" den Finger in die Wunden des von männlichem Chauvinismus geprägten Mainstreams legt. "Sexorcism" ist ein Album, das viele aufgrund seiner fehlenden textlichen Tiefe als nicht beachtenswert oder vielleicht sogar als lächerlich abstempeln werden, das aber trotzdem eine Existenzberechtigung hat, veranschaulicht durch die Entrüstung, die es auslöst. Egal ob als Soundtrack für die nächste Gay-Party, als Stinkefinger gen Intoleranz oder als Kampfansage an die Prüderie: Brooke Candys Debüt ist größer als sein Inhalt, da es stellvertretend für die (sexuelle) Befreiung einer Künstlerin steht, die, nachdem sie alle Stationen der Musikindustrie durchlief, zu sich selbst fand und es ohne Rücksicht in die Welt hinausschreit. Würde die musikalische Seite diese Radikalität widerspiegeln, wäre ich geneigt, das Wort revolutionär in den Mund zu nehmen.

Trackliste

  1. 1. Nymph
  2. 2. XXXTC (feat. Maliibu Mitch, Charli XCX)
  3. 3. R.I.P. (feat. Ashnikko)
  4. 4. Cum (feat. Iggy Azalea)
  5. 5. Rim (feat. Violet Chachki, Aquaria)
  6. 6. Swing (feat. Bree Runway)
  7. 7. Encore (feat. La Goony Chonga)
  8. 8. Freak Like Me (feat. TOOPOOR)
  9. 9. Boss Bitch (feat. Ashnikko)
  10. 10. Drip (feat. Erika Jayne)
  11. 11. Honey Pussy
  12. 12. FMU (feat. Rico Nasty, Boys Noize)

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