laut.de-Kritik

Die besten Jahre unseres Lebens kommen noch.

Review von

Es ist definitiv nicht das Album, das ich hören wollte. Die Vorgänger "Saturation" Teil eins bis drei, gehörten letztes Jahr zum spannendsten, weil coolsten, was Hip Hop von sich gegeben hat. Die Videos spielten in Vorstadtamerika und zeigten einen Haufen Jungs in weißen T-Shirts, die gar nicht erst so taten, als sei ihre Straße in irgend einer Weise "street", sondern einfach machten, worauf sie Bock hatten: Rap wie ein Destillat von Jugend, ungestüm ohne Angst vor Versuchen und Fehlern, vorgetragen auf drückenden, clubtauglichen Bässen zu verspielten Instrumentals, mal Block Party-tauglich, mitunter aggressiv, inklusive traditionsbewusstem Einfluss, aber ohne irgendwelche Ansprüche geistiger Frührentner an good ol' real Hip Hop.

Die schroffsten Ecken und Kanten, über die einer von der alten Schule mit seinen klobigen Airmax stolpern könnte, gewann die Musik von Brockhampton aber durch ihren Mut zur Sanftheit. Ihrer Liebe zur schmalzigen Melodie, zu Justin Timberlake und Harry Styles, den diese selbsternannte Boyband nie verleugnet hat, und bei Tracks wie "Lamb" musste man einfach mitfühlen, auch weil sie im Gesamtkonzept so gut und nahtlos funktionierten.

So mühelos klang der Spagat zwischen zeitgemäß und zeitlos selten. So viel Spaß an der Sache, der aus den Gesichtern glänzte, so wenig Hemmung, einfach drauflos Rapper zu sein wie die Vorbilder vom Wu-Tang Clan oder The Diplomats, bei gleichzeitig ausgeprägtem Desinteresse an einem Image von vor 20 Jahren: Man (= ich) war sich sicher, das muss einfach groß werden, deswegen gab man (= Sony) Brockhampton einen Vorschuss von, wie man munkelt, rund 15 Millionen Dollar in die Hand und nahm die Gang ohne einen Gangster unter Vertrag (also, nicht wirklich meinetwegen, aber der Gedanke war bei mir und Sony derselbe, und das werde ich gegenüber Herrn oder Frau Sony auch ansprechen, wenn ich ihn oder sie das nächste mal, äh, treffe). Jetzt kann die Party losgehen, dachten wir uns alle.

"I never wanted this shit, yeah", beschließt bearface wie mir persönlich zum Trotz gegen Ende des Albums den ersten Verse auf "Tonya". Mit dieser Single traten Brockhampton im Juni bei Jimmy Fallon auf. Besser gesagt saßen die von Kritikerlob überschütteten Newcomer mit Majordeal in der Tasche auf Kunstrasen im Kreis, die Köpfe gesenkt, dahinter die Projektion eines Sommertags am Strand, mehr sich selbst als dem Publikum zugewandt. "I deleted Facebook / I'll trade fame any day / For a quiet Texas place / and a barbecue plate", rappt Kevin Abstract. Ist das jetzt der angekündigte Triumphzug?

"Iridescence" zeigt eine Band im Schockzustand. Kevin Abstract und seine verlorenen Jungs haben die Vertreibung aus Nimmerland mental kaum verkraftet. Die Unschuld ist tot. Beats und Texte sind allesamt so weit von der Unbekümmertheit jüngst vergangener Tage entfernt, dass es einen beim ersten Hören vor den Kopf stößt. Die Gestaltung des Covers und der Videos in Wärmebildern visualisieren das simpel, aber denkbar treffend: Mehr denn je stehen sie unter Strom, glühen, brennen von innen seh-, spür- und hörbar für ihre Musik, mit einem kalten, isolierenden Filter über allem. Sie kamen von "Help" bis zum Tod von John Lennon in gerade mal einem Jahr (die waren schließlich auch irgendwo eine Boyband).

Das verloren gegangene Gründungsmitglied von Brockhampton ist Ameer Vann, seit den ersten Tagen unter dem Namen "AliveSinceForever" dabei. Im Frühjahr machten dann Aussagen die Runde, die den drastischen physischen und psychischen Missbrauch beschrieben, den er in vergangenen Beziehungen verübte. Justiziabel oder nicht, trafen Brockhampton ihre Entscheidung und posteten kurz und knapp, man sei belogen worden und Ameer nicht mehr Teil der Gruppe. Derjenige, der auf den Covern der "Saturation"-Alben buchstäblich das Gesicht der Gruppe war.

Wie tief die Enttäuschung sitzt, merkt man allein daran, dass Brockhampton die Thematik auf "Iridescence" konsequent totschweigen. Bei "I've been in my feelings on an island in the dirt / I feel like brothers lie just so my feelings don't get hurt" meint man einen Unterton im Aufschrei wahrzunehmen, mehr Platz wird dem verlorenen Freund nicht eingeräumt. Denn mehr als über konkrete Ereignisse ist "Iridescence" ein Album über alles andere überlagernde, verstörende Gefühle und Tatsachen: Den eigenen Ruhm, und dass man das alte Leben unwiederbringlich hinter sich gelassen hat, aber nicht den Menschen, der es führte.

Die Major-Millonen, die Abbey Road-Studios, Loopstationen und Mischpulte, an denen schon George, John und Paul herumgefummelt haben, während Ringo gerade versuchte, eine ganze Kartoffel in den Mund zu nehmen plus ein eigenes Streicherensemble, das auf "Iridescence" eine wichtige Rolle spielt, haben Brockhampton nicht glücklich werden lassen. Immerhin haben sie ein fantastisches Album darüber gemacht, ein Angst-essen-Seele-auf-Werk, das auf der nächsten Hausparty garantiert deplatziert wirkt.

Besagte heilige britische Stelle scheint auf den Sound Einfluss genommen zu haben, der in jedem Track Haken schlägt, überrascht, sich selbst erweitert, und gleichzeitig auf ihre tiefsten Wurzeln verweist: Kevin Abstract alias User harry styles (3246 Posts) schrieb im Jahr 2010 die Worte "Anybody wanna make a band? Who's down?" in ein Kanye-West-Fanforum (sie wollten, und sie machten). Diese Liebe zu reinem, auf den Schönklang zielenden, maximal unironischen Pop, ungeniert von Take That bis One Direction inspiriert, zeigt sich immer wieder, am stärksten auf "San Marcos". Ein Track, dem man seine tiefmelancholische, aber ungehemmt begeistert schmalzige Art schlicht sofort abnimmt, gerade wenn er neben fiesen Brechern wie "District" oder "J'Ouvert" stattfindet. Brockhampton meistern den Balanceakt auf dem schmalen Grat zwischen weichgespülter Scheiße und sensibel.

Mr. West war in seiner unerschrockenen Art, Fünfe gerade und althergebrachte Beatstrukturen solche sein zu lassen, ebenfalls ganz sicher Vorbild. Allerdings überflügeln sie den wirren Meister dadurch, dass bei ihnen die unerwarteten, genialen Einfälle wie der plötzlich einsetzende, elektrisierende Stampfbeat auf "Fabric" nie Selbstzweck oder spontaner Affekt sind, sondern immer Teil ausgetüftelter Songstrukturen. Die erinnern wiederum manches mal an britisches Songwriting der cleveren Sorte. Auch die wütenden, lärmenden Momente, in denen Brockhampton alles und vor allem sich selbst attackieren, erinnern mit bratzigen, unmelodischen Synthies wie in "District", eingeleitet durch ein Streicherintro, das eher introspektiven Boom-Bap ankündigt, viel mehr an Grime als an den in ihrer Heimat USA allgegenwärtigen Trap.

Das Album ist in jedem Track vollgestopft mit großartigen Einfällen wie den Aphex Twin-Drums, die "Tape" antreiben, dem plötzlich einsetzenden Drum'n'Bass in "Weight", dem an "Hard Knock Life" gemahnenden Kinderchor in "Thug Life". Plus Live-Streicher und dem ganzen Abbey-Road-Drumherum wirkt der Sound dennoch nie überladen, jeder Track ist klar und knackig ausproduziert und in seinen Elementen ausbalanciert, wie auch das Album als Ganzes in seiner umfassenden Depression dennoch zwischen aggressiv und sensibel sorgfältig austariert ist. Auf der anderen Seite kratzen die Synthies analog, MPC-Snares kloppen roh nach vorn. Dadurch bewahren sie sich die jugendliche Essenz, dass da ein paar Freunde um eine Drummachine zusammensitzen und des Spaßes wegen zusammen Musik machen.

Musikalisch wäre das klar die Höchstwertung. Die Flows der einzelnen Rapper sind ebenfalls energetisch wie eh und je, auch wenn der Reim manches mal etwas holpert. Der Schwachpunkt des Albums sind aber leider dennoch die Texte, deren lyrische Substanz das emotionale Gewicht der Musik oft einfach nicht trägt. Merlyn Wood, der mit seiner kratzigen, überschnappenden Stimme an Meechy Darko von den Flatbush Zombies erinnert, bringt das Thema des Albums in "Tonya" noch am abgeklärtesten auf den Punkt: "So sour / in this light of lime". Mehr von solchen lyrischen Rafinessen würde die Frustration des Hörers mildern, die ensteht, wenn er auf Albumlänge erklärt bekommt, wie schrecklich es ist, mit dem eigenen Traum bekannt und erfolgreich geworden zu sein. Es geht mir nicht darum, dass sich Brockhampton einfach mal zusammenreißen sollen, sie haben jedes Recht, ihre Wut, ihre Enttäuschung, ihre Panik zu artikulieren. Aber bei Zeilen wie "Money walk and money talk / but money no make comfortable / big ass house and big ass car don't add up when you die alone" denkt man sich lediglich, so fies das klingt und ist, danke, Matt Champion. Ist ja ganz was neues.

Und wenn Joba darauf anschließend "Praise God hallelujah / I'm still depressed / At war mith my conscience / paranoid / can't find this shit" herausschreit, fühlt man ihn zwar, ist aber trotzdem enttäuscht. Das ist lyrisch auch nicht mehr als 2000er-Emo auf besserer Musik. Wenn sie dann doch einmal die Brust breit machen klingt das oft wie "Money in the suitcase on my way to the bank" ("J'Ouvert"). Irgendwann möchte man Kevin Abstract ein Flugticket zurück in die texanische Walachei spendieren, nur damit Brockhampton damit aufhören, ihren Status als erfolgreiche Band zu bejammern.

Man hört, dass da gerade einfach zu viel sich widersprechendes Gefühl am Werk ist, als dass Brockhampton es präzise formulieren könnten. Der textlich berührendste Moment des Albums findet sich in Bezug darauf auf "Honey": "50 did it right / 50 did it right / wish I could call every successful rapper for advice / how the fuck do I make this shit last my whole life / what if they don't want to come to the concert tonight".

Obwohl man angetreten ist, um alles anders und ehrlicher zu machen, manchmal will man eben doch nur ein goldbehangener Muskelmann sein. Dann wären die Selbstzweifel vermutlich nicht so schlimm. Oder vielleicht doch? Und wieso hat man überhaupt Selbstzweifel, wenn doch eigentlich gerade alles geil ist, und was soll das alles, und überhaupt. Argh!

"Iridenscence" ist als erster Teil einer Trilogie mit dem Namen "The Best Years Of Our Lives" angelegt. Sehr merkwürdig, dieses Wissen, in der Blüte seiner eigenen Jugend zu stehen, sich aber gar nicht so zu fühlen. Widersprüchlich wie diese Platte, die doch gleichzeitig hundert Prozent stringent und ehrlich ist. Denn ungeachtet aller Verwirrung nehmen Brockhampton trotzig den Kampf auf. Ungeachtet aller Gefühle, die einem das Gegenteil ins Ohr schreien, weiß man, wo man steht. "Iridenscence" ist ein Ausrufezeichen so groß wie das emotionale Chaos, das es hervorgebracht hat. Deswegen geht es damit auch auf ausgedehnte Tour. Brockhampton fühlen sich nicht im mindesten bereit dazu, die Welt zu erobern, werden es aber trotzdem tun. Brockhamptons beste Platten, die besten Jahre unseres Lebens, kommen erst noch.

Trackliste

  1. 1. New Orleans
  2. 2. Thug Life
  3. 3. Berlin
  4. 4. Something About Him
  5. 5. Where The Cash At
  6. 6. Weight
  7. 7. District
  8. 8. Loophole
  9. 9. Tape
  10. 10. J'Ouvert
  11. 11. Honey
  12. 12. Vivid
  13. 13. San Marcos
  14. 14. Tonya
  15. 15. Fabric

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2 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor einem Jahr

    ich gestehe, dass mich die Musik dieser Gruppe stellenweise überfordert... aber ich werde dem Werk noch ein paar Chancen geben - nicht nur weil ich das Solo-Album von Kevin Abstract so überragend finde.

  • Vor einem Jahr

    kommt nicht an saturation 2+3 heran, aber trotzdem ein verdammt gutes album. die saturation reihe ist aber auch ein moderner classic. man kann von brockhampton nicht erwarten, dass sie das nochmal toppen. wenn sie aber weiterhin so tolle alben wie das hier liefern, ist alles gut. weiterhin spannende band mit einem freshen und vitalen sound.

    • Vor 11 Monaten

      hab dem album noch einmal einen kompletten durchlauf gegeben. muss mich korrigieren: reicht zumindest an saturation 3 heran. die beats und generell hyperaktive sound machen verdammt viel spaß. ich tendiere sogar derzeit zu einer 5/5