laut.de-Kritik

Kickdrums fürs Fahrgeschäft.

Review von

Boris Brejcha, seines Zeichens einer der erfolgreichsten elektronischen Musiker und DJs der Gegenwart, hat ein neues Album: Das Cover von "Space Diver" zeigt den Pfälzer mit seinem Markenzeichen, einer Joker-Maske (nicht der aus dem Film), in einem Sportwagen. Schon das mag nicht wirklich zum Titel passen. Eine weitere Diskrepanz: Die Namen der Tracks gaukeln eine Art Konzept vor, dabei rattern sie schlichtweg nacheinander weg.

Vermeintlich erzählerische Tiefe erreicht Brejcha gleich zu Beginn mit einem beliebigen Vocalbreak, das von Tabletten scheinemotionalisierte Shuffler auf dem Tomorrowland vermutlich in Tränen ausbrechen lässt ("Gravity" feat. Laura Korinth). Danach folgt die obligatorische, viel skandierte Abfahrt. Zwölf dieser generischen Tech-House-Konfetti-Beats fährt Brejcha auf – verdammt schweres Geschütz, wenn man bedenkt, dass die Platte über 90 Minuten in Anspruch nimmt.

"Happinezz" – man beachte die zwei Zs – mit Exzessverwalterin und Vokalistin Ginger will eine Hymne vom großen Techno-Glück sein, verkommt mit lahmen Spannungsbögen und tumben Wechseln im Beatkonstrukt aber zum Kirmestechno. Es wäre beileibe keine Überraschung, drehten sich im Frühling die notorischen Fahrgeschäfte zu exakt diesem Track.

Auch "Never Look Back" – der erste Titel mit bedeutungsvollem Namen – sägt ab Sekunde eins mit Verve an den Nerven. Brejcha wählt konstant das potenziell spaßbefreiteste Tempo und Beatschema; für House ist das zu zappelig und zu steril, aber auch als Technotrack geht keine der zwölf Nummern durch. Irgendwo dazwischen, in den gott- und maschinenverlassenen Einöden der prolligen Samples und RTL II-Melodien findet "Space Diver" statt.

"Lieblingsmensch" ist als Trackname ein Skandal und wohl für Pärchen gedacht, die sich gegenseitig Kommentare wie 'Vermissung' in die Insta-Feeds klatschen. Klar, das hat mit der Musik erst mal nichts zu tun. Dieses Album lässt aber nur oberflächliche Kritik zu, weil sich zwar nicht jeder Track exakt gleich anhört, er allerdings aus den exakt selben Versatzstücken konstruiert ist. Nagende Synthesizer, bummelige Beats mit meist sanften, manchmal überhaupt nicht sanften, dafür aber immer trashigen Trance-Infusionen – Cap nach hinten, Sonnenbrille auf, Muskelshirt an, abgeshufflet!

Brejcha zelebriert diesen Geist mit einer diabolischen Freude, anders sind diese Odysseen von Tracks nicht zu erklären. Die dritte Nummer mit Featuregast (wieder Ginger), "To The Moon And Back", greift dann erneut aufs Weltraum-Narrativ zurück. Der "Space Diver" verkommt endgültig zum Weltraumtourist. Fair allerdings, dass man Ginger für dieses Mini-Sprechstück überhaupt ein Feature einräumt.

"Space Diver" erscheint auf Ultra Music, wo sich vornehmlich die großen Cash Cows, etwa Steve Aoki tummeln. Nicht falsch verstehen: Mit Musik Geld verdienen, ist alles andere als ein Verbrechen. Boris Brejcha spielt Sets vor Tausenden von Leuten, die sich an vornehmlich möglichst exotischen Orten einfinden, um ihrem anfangs maskierten, später natürlich ohne Maske ins Publikum grinsenden Star zu huldigen. Diesen Status hat er sich erarbeitet, die musikalische Extravaganz bleibt dabei aber vollkommen auf der Strecke.

Klar, die Kickdrums sind stark und raumgreifend produziert, die Tracks klingen geschliffen und poliert. Doch selbst die größten musikalischen Wunderkinder dürften selbst nach mehreren Durchgängen kaum in der Lage sein, einen der zwölf Tracks vom anderen zu unterscheiden.

Trackliste

  1. 1. Gravity feat. Laura Korinth
  2. 2. Happinezz feat. Ginger
  3. 3. Never Look Back
  4. 4. Lieblingsmensch
  5. 5. Space Diver
  6. 6. To The Moon And Back feat. Ginger
  7. 7. Blue Lake
  8. 8. Take It Smart
  9. 9. Future
  10. 10. The Troublemakerz
  11. 11. Kittys Journey
  12. 12. Game Over

Videos

Video Video wird geladen ...

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Boris Brejcha

Mit dem griffigen Slogan "High-Tech Minimal / The intelligent music of tomorrow" umreißt Boris Brejcha auf seiner eigenen Homepage seinen Output als …

3 Kommentare