laut.de-Kritik

Hut ab, wer dazu entspannt.

Review von

Wie so oft führt uns auch "Resonance" an die Schwelle zwischen Kunst und Handwerk, zwischen Genuss und Gebrauch. Boris Blank, die für die Tasten zuständige Hälfte von Yello, wurde nämlich beauftragt, für den Bereich "Kosmos" des bei Zürich gelegenen Thermalbads FORTYSEVEN, das wohl so teuer ist, wie es klingt, einen Soundtrack zu schreiben. Den wiederum haben Mitarbeiter des Labels IAN mit Hilfe des SpatialSound Wave- Systems der TU München zu 3D-Landschaften verarbeitet. Also wie der Windows Media Player damals, aber halt in besser. Vermutlich.

Bevor ihr jetzt die Badehose packt und den Jet ins Schweizer Mittelland bestellt, hören wir uns "Resonance" mal an - denn wenn böse Geister sagen: Wofür brauche ich Wellnessmusik ohne Thermallandschaft? Dann möchten Optimisten entgegnen: Aber könnte es nicht sein, dass "Resonance" sich als (deutlich) kostengünstigere Alternative zum Edelschwimmbadbesuch entpuppt, gar eine typisch eidgenössische Demokratisierung dieser wonnigen Erfahrung?

Und wer wäre dafür besser prädestiniert als Blank, dessen sehr übersichtliches Solowerk noch keinen nachhaltigen künstlerischen Fußabdruck hinterlassen konnte, und damit seinem Schaffen bei Yello mit Großtaten wie "Desire" und "Oh Yeah" hintansteht. Natürlich wird ein für Solebäder und Ruheräume gestaltetes Album zwangsläufig eine Raumkomponente haben und genau diese betonte Boris, als er im Vorfeld der Veröffentlichung von Tälern, Tiefgaragen und dem Weltraum als Inspirationsfeld für das Album sprach. Das passt zwar, jedoch ist ein Stück weit zusätzlich verwirrend, dass Blank selbst als Regisseur drei teilanimierte Musikvideos aufnahm, die also nichts zu tun haben mit der Visualisierung, die für das Bad geschaffen wurde.

Zumindest das Video zu "Defying Gravity" zeigt, dass der Schweizer diesem Geschäft noch weiter nachgehen sollte, denn seine urbanen Perspektivspielereien, die die Realität fast schon in Escher-Ausmaßen biegen, passen zum Track und dessen Versuch an Auslotung von Fläche. Der Sound neigt eher Richtung Videospiel als Wellness, denn ein treibendes und exploratives Element ist sehr präsent. Wer zu "Vertigo Heroes (Part I)" mit seinen langgezogenen Bläsern, angespannten Synthies, jazzigen Verspieltheit und rülpsenden Vocals entspannen kann, der arbeitet wohl als Kriegsberichterstatter. Sollte Cowboy Bebop mal eine gescheite Videospieladaption gegönnt sein, die beiden Songs fänden darin Platz.

Für den Titeltrack dürfte es dann eher "Outer Wilds" sein, es fehlt das jazzige. Allerdings reicht es selbst dort wohl nur für den Ladebildschirm, denn der ebenfalls sehr spacige Track gibt seine Dynamik erst zu spät preis und besteht fast nur aus angespanntem Aufbau. Dass der Song angefragt wurde als offizieller Themesong der NASA für den Trailer des James-Webb-Teleskops passt wie die Faust aufs Auge. Das teilt es mit "Time Bridges", das ebenfalls kein Ambient ist, sondern gut in ein neues Mass Effect passen würde. Auf "Ninive" ist tatsächlich ein Schuss Assyrien zu hören, gleichwohl bleibt alles kühl und mechanisch - und wenig entspannt. Damit bereitet es den Boden für "Vertigo Heroes (Part II)", zu dem Assurbanipals Truppen tanzend nach Theben gezogen wären, so orientalisch und treibend gibt sich der Sound.

"Angel Base" flirtet mit Dead Can Dance und deren wenig relaxter Sphärigkeit. Nicht nur die Engelbasis, auch "Elements Of Live" zeigt beeindruckend die Tiefe, die der nur scheinbare ewige Dilettant Blank seiner Musik gibt. Nebenbei ist es der einzige Song, der wirklich an ein Bad erinnert, nicht zuletzt aufgrund seiner zahlreichen Stufen denkt man ans Hineingleiten. Weniger subtil macht das "Respiro Di Mare", dessen Möwengeschrei wie auch das Spaßbadunterlegte und sonst schwachbrüstige "Najade" etwas superschwellig gerät. In dieselbe Falle tappt "North Of Eden", schöpft das Lied doch seine neun Minuten kaum aus und gibt sich zum Schluss hin fast schon verzweifelt Vögel und Plätschern hin.

"Resonance" ist vieles - vor allem ist es ein Weltraum-Videospiel-Score, und zwar ein recht guter. Wellnessmusik ist es nicht und in der Konsumtion ist es durch seine Tiefe zwar beeindruckend, in seiner steten Zittrigkeit aber nicht leicht zu genießen. Nur der Closer "Mirage" hört sich so an, wie man es angesichts der Entstehungsgeschichte des Albums hätte erwarten können. Einen Wellnessaufenthalt ersetzt es jedenfalls nur für alleinerziehende Eltern und ähnliche Berufsgruppen mit schwerstem Bedarf.

Trackliste

  1. 1. Vertigo Heroes (Part I)
  2. 2. Resonance
  3. 3. Ninive
  4. 4. Time Bridges
  5. 5. Defying Gravity
  6. 6. Angel Base
  7. 7. Elements of Life
  8. 8. Respiro di Mare
  9. 9. Najade
  10. 10. North of Eden
  11. 11. Vertigo Heroes (Part II)
  12. 12. Mirage

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