laut.de-Kritik

Neue Wege geht das schwarze Land.

Review von

So wie das flirrende "Intro" schlägt auch das Leben gerne Haken: Erst nimmt mir Corona die Möglichkeit Black Country, New Road live zu sehen, dann steigt Sänger und Gitarrist Isaac Wood aus, da ihm der psychische Zoll, die Stimme einer erfolgreichen Band zu sein, zu hoch wird. "Ants From Up There" wirkt da fast schon prophetisch. Nur wer sind die Ameisen? Die Belastungsprobleme eines erfolgreichen Musikers, die Pandemie und alles drumherum? Und wer schaut eigentlich nach unten?

"Chaos Space Marine" gibt die Antworten nicht, etwas dahinplätschernder, konstruierter Folk-Pop, der an den Karrieretiefpunkt eines anderen hervorragenden Londoners erinnert. "Concorde" könnte, nicht nur wegen seiner Mandoline, auch von Beirut stammen und das ist selten eine schlechte Sache. Ein schöner Song, der aber sehr bewusst auf sein Finale zusteuert und dadurch stark an Haltbarkeit beim mehrfachen Durchhören verliert. Bei diesen beiden Singles drängt sich ein Stück weit die Frage auf, ob das erklärte Interesse der Band, mehr für den "Mainstream" zu schreiben, zu Songs führte, die auf dem Erstling der Band noch in einen größeren Kontext eingebettet worden wären.

Die Schroffheit von "For The First Time" ist passé, der Klezmer, der Math-Rock, alle weichen einem im Detail komplexen, zusammen aber eingängigen Folk-Indie-Pop-Rock-Amalgam. Einfaches ist bekanntlich am schwersten und schon "Bread Song" zeigt, wie hervorragend das Septett diese für sie neue Spielart beherrscht. Der tieftraurige Brotsong schlängelt und mäandert vielstimmig und melodisch um den verbitterten und schlicht großartigen Gesang herum, dem jederzeit die Hauptbühne gehört. Isaac Wood, dessen neu gefundene, melodischere Singstimme angenehm an Paul Smith erinnert, trägt nicht nur diesen Song, sondern ist das Rückgrat des ganzen Albums. "Ants From Up There" fühlt sich wesentlich weniger demokratisch an als der frühere Output der Band, Wood gibt des Öfteren den Will Butler zu "Funeral"-Zeiten. Diese Verbschiebung gerät der Band nicht unbedingt zum Nachteil, der Art-Anteil schwindet etwas gegen eine unmittelbarere, greifbarere Form von Musik.

Auf "Good Will Hunting" fließt Woods zitterndes Organ ein in traurige, sehnsüchtige Gedankenströme über Wegzug, Verlust und Wiedergewinnung, die das ganze Album prägen: "Moving to Berlin for a little while/ trying to find something to hold on to". Spätestens hier wird auch das Songschema klar erkennbar: Ein komplexes Heranrobben an einen mal mehr, mal weniger zaghaften Ausbruch, wobei die Engländer aufgrund der Aufgabe des Sängers, den Song voranzubringen, an Protomartyr erinnern. Wenn sie auch an deren Songwriting nicht heranreichen, haben Black Country, New Road dafür eine ungleich größere Variation in den Mitteln. So duellieren sich in "Haldern" Geigen und Saxophon, bevor sie im Abspann des Lieds in einen grandiosen Trilog mit dem Piano einsteigen.

Quantitativ hat "Ants From Up There" ein Ungleichgewicht wie eine Kardashian; die letzten drei Songs umspannen knapp 30 Minuten. Und wie bei den US-armenischen Powerfrauen sind die auch der beste Teil des Ganzen und der Grund, warum das Album richtig interessant wird. Im kürzesten der drei, "The Place Where He Inserted The Blade", gibt Wood höchst überzeugend den Gescheiterten, Verlassenen, Eifersüchtigen, Manischen in einer offenkundig nicht ganz sauberen Beziehung, in der Woods seinen Band-Weggang vorwegnimmt mit den Worten "Show Me The Fifth Or The Cadence You Want Me To Play". Das wie warmer Regen trickelnde Piano, das anstürmende Saxofon, die Backgroundstimmen, sie alle werden locker von Woods eingesteckt.

Wenn "Ants From Up There" das musikalische Vermächtnis von Isaac Woods sein sollte, dann hat er ein ausgesprochen gelungenes hinterlassen. Es wäre eine Schande, ihn nicht solo oder in kleinerer Besetzung erneut zu erleben. Mit "Snow Globes" folgt das zweite, nun fast neunminütige Highlight, das in der ersten Hälfte den dem Jazz huldigenden und zum ersten Mal prominent auftretenden Drums gehört, in der zweiten den Geigern, bevor das Saxofon einen sanft nach draußen begleitet. Dazwischen geht es - wiederum - um eine gescheiterte Beziehung, von der Woods herzzerreißend fabuliert, auf diesem Album voller Köche, das sich doch so wahnsinnig persönlich anfühlt. Der letzte Song "Basketball Shoes" war von Live-Shows schon lange bekannt und erinnert in der Wall of Sound seiner zweiten Hälfte vielmehr an Black Country, New Road, wie wir sie bisher kannten. Die neuen gefallen mir noch besser. Schade, dass es sie schon nicht mehr gibt.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Chaos Space Marine
  3. 3. Concorde
  4. 4. Bread Song
  5. 5. Good Will Hunting
  6. 6. Haldern
  7. 7. Mark’s Theme
  8. 8. The Place Where He Inserted the Blade
  9. 9. Snow Globes
  10. 10. Basketball Shoes

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