laut.de-Kritik

Ein begnadeter Geschichtenerzähler.

Review von

Eigentlich ist es unfair, jemanden nach seinem Bart zu beurteilen. Aber Donnerwetter! Ben Caplan besteht ja fast nur aus Bart! Wie soll man da kein Wort darüber verlieren? Außerdem: Fast hat man das Gefühl, Ben Caplan habe seine großartige Stimme, ihr Volumen und seine Kratzbürstigkeit vor allem diesem opulenten Haarwuchs im Gesicht zu verdanken. Sozusagen der Simson der Musikindustrie.

Ein biblischer Vergleich gleich zu Beginn? Geht ja gut los. Ist aber in seinem Falle gerechtfertigt: Denn Ben Caplan verarbeitet biblische Themen, Worte und Geschichten. Schon im ersten Song spielt er auf die abgebrochene Kindsopferung von Isaak an, später zieht er sich für 40 Tage und Nächte in die Wüste zurück. Über den Himmel und den Teufel singt er ebenfalls.

Caplan ist ein begnadeter Geschichtenerzähler, ein Poet, der bei Kerzenschein mit verschwörerischen Blick Geheimnisse raunt. Ein Charmeur, der seine Zuhörer mit schönen Worten umschmeichelt, ein Entertainer, der das Publikum fest im Griff hat. Ein Wirrkopf mit tausend Ideen, ein wandelbarer Tausendsassa.

Es macht Spaß zuzuhören, weil man nie weiß, was er im nächsten Takt anstellt. Mal schwillt die Stimme mächtig und hell an, dann zieht sie sich wieder in dunkle Tiefen zurück, ohne dabei an Präsenz zu verlieren. Caplan kann brüllen und säuseln, summen und trällern, flüstern und knarzen. Und das macht er mit einer Leichtigkeit, als hätte er nie etwas anderes getan als singen.

Auf seiner zweiten Platte "Birds With Broken Wings" setzt Caplan aber nicht nur auf seine Stimme. Er nutzt ein ganzes Sammelsurium an Instrumenten: Querflöte, Geige, Kontrabass, Trompete, Posaune, Saxofon, verschiedenstes Schlagwerk, Banjo oder Gitarre – mehr als 30 Musiker sind beteiligt. Im Opener "Birds With Broken Wings" flirtet er intensiv mit Klezmermusik, inklusive glucksendem Klarinettensolo.

"Belly Of The Worm" wiederum klingt wie ein Country-Song, mit lautem Saloonpiano und Slide-Gitarre. Im großartigen "Under Control" macht Caplan einen auf Jack Skellington aus "Nightmare Before Christmas". Da steht dann das ganze Orchester mit auf die Bühne, an jeder Ecke klimpert und klappert es.

Caplan fühlt sich als durchgedrehter Musicaldarsteller hörbar wohl und zelebriert seine Rolle mit Genuss. Im langsam schunkelnden "Dusk" fährt er endgültig zur Hochform auf. Über schwelgenden Geigen entfaltet er das ganze Stimmvolumen, gibt seinem Orchester aber erstaunlich viel Raum, was den Song zum intensivsten der Platte macht.

"I Got Me A Women", "Ride On", "40 Days & 40 Nights" und "Night Like Tonight" klingen dagegen fast normal. Ein bisschen Soul, ein bisschen Swing, ein bisschen Folk und viel Gespür für eingängigem Pop und Ohrwurmmelodien. Ben Caplan hat dabei deutlich hörbare Vorbilder: Tom Waits, Tim Burton, Johnny Cash oder Frank Sinatra. Man meint sie an allen Ecken und Enden zu spüren, aber nie so, dass Caplans Songs zu einem bloßen Abklatsch verkommen.

Er macht sein eigenes Ding draus und zwinkert seinen Idolen mehr zu, als dass er sie kopieren würde. So ähnlich wie das Caspar David Friedrich-Coverbild, in das sich Ben Caplan ganz frech selbst eingefügt hat. Ohne seinen Bart würde das aber bestimmt nur halb so gut wirken.

Trackliste

  1. 1. Birds With Broken Wings
  2. 2. I Got Me A Woman
  3. 3. Belly Of The Worm
  4. 4. Ride On
  5. 5. Under Control
  6. 6. Deliver Me
  7. 7. 40 Days & 40 Nights
  8. 8. Dusk
  9. 9. Night Like Tonight
  10. 10. Devil Town
  11. 11. Lovers' Waltz

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