laut.de-Kritik

Pop nach Checklist und Blaupause.

Review von

Es gibt diese eine Billie Eilish-Zeile: "If we were supposed to be, we would have been by now", an die man während der Laufzeit von "Better Mistakes" denken könnte. Wenn Bebe Rexha ein großer Popstar hätte sein sollen, dann wäre sie inzwischen einer. Dass sie keiner ist, spürt man in der Laufzeit ihres zweiten Albums glasklar. Das ist komisch, weil objektiv hat sie alles: Die Fähigkeit, die Looks, die Hits, zwei Songs auf Spotify zählen über eine Milliarde Views. Aber mal ehrlich: Gibt es eine signifikante Gruppe Menschen, die sich als Bebe Rexha-Hardliner bezeichnen würden? Und wenn ja: Warum?

"Better Mistakes" klingt einerseits absolut fehlerfrei nach Popmusik im Jahre unseres Herrens 2021. Die 13 Titel lassen wirklich kein Detail und keinen Trend aus, der gerade irgendwo passiert – und werden auch jedem ein wenig gerecht. Bebe Rexha singt objektiv gut, schreibt objektiv starke Refrains, alles tadellos. Aber sie hat absolut keine Persönlichkeit. So sehr diese Platte auch den Eindruck erwecken möchte, persönlich und intim zu sein, landet sie doch nur um so mehr im Uncanny Valley der künstlichen Authentizität. Wie soll man Tiefgang und Einblick abkaufen, wenn alles an diesem Album wirkt, als wäre es sorgsam nach Checklist und Blaupause konstruiert worden?

Es hilft halt nicht, dass man bei absolut jedem Song nach dreißig Sekunden verlässlich die Vorbilder benennen kann. "Sacrifice" wäre gerne ein Dua Lipa-Song, der Titeltrack will nach Billie Eilish klingen, "My Dear Love" sucht die langweiligste Form von H.E.R.-R'n'B, und "On The Go" springt schamlos auf den Latin-Hype. Zwischendurch hört man die Low-Key-Sounds von einem Lauv, ein Augenzwinkern in Richtung Pop-Punk-Revival mit kaum hörbaren Travis Barker-Feature und Melodrama wie bei Ariana Grande. Gegenfrage: Wie klingt eigentlich ein Bebe Rexha-Song?

Das kann niemand beantworten - und nach Ende der Laufzeit schon zwei mal nicht. Es wäre an sich ja völlig in Ordnung, sich im Laufe eines Albums verschiedener Konzepte zu bedienen, aber "Better Mistakes" lässt so völlig jeden Kern vermissen, die Sounds schlängeln sich wie ein Rhizom um das Zentrum des bestmöglichen Radio-Appeals. Musik nach Checklist, nur mit zwei Problemen: Das eine ist, dass sie zwischendurch doch darauf pocht, hier gerade ehrliche Einblicke in ihr Seelenleben zu geben. Aber es ist so schwer, für "Better Mistakes" den Zynismus abzulegen. Ach was, will man sich fragen, Bebe Rexha hat nicht nur die Sounds des Tages für sich entdeckt, sondern zufällig auch noch genau das Gleiche zu sagen wie die großen Figuren der Zeit?

Dabei ist das falsch und gemein, man sieht den Leuten die psychischen Probleme ja nicht an. Aber wenn Bebe so manisch und depressiv ist, dann macht sie keinen guten Job, diese Zustände in einschlägige Lyrics zu übersetzen. Songs wie "Break My Heart Myself" kommen nicht über Phrasen und oberflächliche Referenzen hinaus. Und entweder performt sie diese Lyrics dann mit absoluter Beiläufigkeit oder komplett überzeichnetem Drama wie auf dem völlig überspielten Closer "Mama". Für ein Thema, das komplett von Authentizität lebt, spielt sie es einfach sehr Plastik. Allem hier, den Texten, den Beats, den Songstrukturen heftet der fabrikneue Geruch von präzise konstruiertem Handwerk an. Und daran wäre nichts Falsches, wäre Bebe nicht so überzeugt davon, real und authentisch zu sein.

Es ist aberwitzig, ein Album aufzunehmen, das gleichzeitig so quintessentiell für die Zeit und dabei für diese doch so völlig irrelevant klingt. Dabei klingt kein Song schlecht, manche klingen sogar richtig gut, das Doja Cat-Duett "Baby, I'm Jealous" etwa groovt sorglos und teuflisch eingängig vor sich hin. Aber im Gegensatz zu einem "Future Nostalgia", das im Grunde auch nur Pop-Extravaganz ohne große Persönlichkeit lieferte, leistet das Songwriting auf "Better Mistakes" nicht die Bärenarbeit.

Die überwiegende Mehrheit von Bebe Rexhas zweitem Album besteht aus derivativem, unoriginellem Material, das selten über das Gefühl kompetenter Durchschnittlichkeit herausragt. Irgendwie zeigt die Platte dadurch, dass Songwriting ein Handwerk sein mag – und gute Hooks schreiben zu einem gewissen Grat auch – aber dass es für fantastische Popsongs doch ein bisschen mehr bedarf.

Trackliste

  1. 1. Break My Heart Myself (feat. Travis Barker)
  2. 2. Sabotage
  3. 3. Trust Fall
  4. 4. Better Mistakes
  5. 5. Sacrifice
  6. 6. My Dear Love (feat. Ty Dolla $ign & Trevor Daniel)
  7. 7. Die For A Man (feat. Lil Uzi Vert)
  8. 8. Baby, I'm Jealous (feat. Doja Cat)
  9. 9. On The Go (feat. Pink Sweat$ & Lunay)
  10. 10. Death Row
  11. 11. Empty
  12. 12. Amore (feat. Rick Ross)
  13. 13. Mama

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