laut.de-Kritik

Das mit Abstand ambitionierteste Werk der Amerikaner.

Review von

Nach dem beinharten Sludge von "Red" und "Blue", sowie den stärker am Mainstream orientierten "Yellow & Green" und "Purple" fügen Baroness ihrem Oeuvre mit "Gold & Grey" eine weitere Facette hinzu. Für die Band wäre es sicherlich ein Leichtes gewesen, musikalisch an den stadiontauglichen, eher rockigen Sound des Grammy-nominierten und mit Lob überhäuften Albums "Purple" anzuknüpfen. Das aber würde der musikalischen Vision der Progressive-Sludger zutiefst widersprechen. Zum Glück, muss man sagen. Denn das neue Werk ist mit Abstand das bisher ambitionierteste und fesselndste der Amerikaner.

Auf "Gold & Grey" spielt der Unfall im englischen Bath während der 2012er-Tour zwar noch eine Rolle. Doch machen Baroness die Not zur Tugend und feiern das Chaos mit einer für ihre Verhältnisse ungewohnt komplexen, raubeinig psychotischen Platte der Extreme. Wenig verwunderlich also, dass das Album mit einer unorthodoxen, experimentellen Bandbreite musikalischer Elemente von Sludge, Progressive Rock, Jazz, Post- und Krautrock, Black Metal und avantgardistischem Minimalismus gespickt ist. Freiheit zu erlangen, bedeutet manchmal eben doch, Grenzen zu überwinden.

Vier Jahre ließ der "Purple"-Nachfolger auf sich warten. 2017 stieg Gitarrist Peter Adams aus. Den vakanten Posten übernahm Gina Gleason, die zuvor unter anderem mit dem Cirque du Soleil in Las Vegas, den Smashing Pumpkins und Carlos Santana zusammenarbeitete.

Im gleichen Jahr beginnen Baroness mit dem Songwriting am neuen Album und arbeiten dafür, wie bereits auf der Vorgängerplatte, wieder mit Produzent Dave Fridmann zusammen. Das Artwork des Albums wurde erneut von Jon Baizley gestaltet, der bereits vor Release via Social Media bekannt gab, dass "Gold & Grey" das Ende der chromatisch benannten Albumreihe der Band darstellt.

"And I'm Not Afraid of Dying / Like I Know I Should Be", singt Baizley im eröffnenden "Front Toward Enemy" gegen die durch den Unfall gemachten Erfahrungen an. Musikalisch geben Baroness zum Einstieg direkt Gas. Der Song ist geprägt von hohem Tempo, harten Sludge-Riffs und einer Rhythmusfraktion, die einen beim Hören mit fettem Bass und wuchtigem Schlagzeug geradezu an die Wand drückt.

Dass Baroness und allen voran John Baizley zu gestandenen und ausdefinierten Songwritern gewachsen sind, zeigt das ebenfalls nach vorne rockende "Seasons". Getragen von einer prägnanten Basslinie und einem sehr Prog-lastigem Schlagzeug, entpuppt sich der Song im Verlauf als schwer verdaulicher Koloss mit dissonanten Gitarrenmelodien, kesselnden Black Metal-Blastbeats und kontrastierend schleppendem Halftime-Abschnitt, der den vertonten Wahnsinn perfekt macht. Die Ausflüge in Richtung Black Metal sind ein Novum und machen den Song zu einem der extremsten und spannendsten der Platte. Baroness liefern hier Kunst gewordene Angst der Extraklasse!

Dem entgegengesetzt kommt "I'd Do Anything" gänzlich ohne Schlagzeug aus. Das balladeske Stück lebt von einer ostinaten, in ganzen Notenwerten gespielten Klaviermelodie der unteren Bassregister und Baizleys hymnenartigem, schwebend-melodiösem Gesang. Die autobiographisch introspektive Auseinandersetzung mit dem Moment des Tourbus-Unfalls, bei dem glücklicherweise niemand ums Leben kam, verstärkt die emotionale Wirkung des Songs: "It was moments ago / I knew exactly what to say". Der Text enthält auch die titelgebenden Farben des Albums. "Spilling On The Ground / The Words Forever Gold And Grey / When I Make My Escape / Will I Get Sucked Up By The Rain?".

"Emmett - Radiating Light" ist mit einer akustischen Gitarre, einem sehr zurückhaltenden, melancholischen Klavier und leisen Glocken ebenfalls ungewöhnlich instrumentiert. Auch hier gibt es kein Schlagzeug. Diese zunächst ungewöhnlich anmutende Entscheidung folgt einem dramaturgischen Prinzip und gibt dem Song und Baizleys Stimme den zur Entfaltung nötigen Raum. "I'd Do Anything" und "Emmett - Radiating Light" stehen nicht von ungefähr in der Mitte des Albums. Die beiden Songs fungieren als Ruhepole zwischen den Extremen.

Mit einem fast schon jazzig umspielten math-artig wirkenden Intro der akustischen Gitarre beginnt "Cold-Blooded Angels". Im enigmatisch, sanft gesungenen Duett ergänzen sich John Baizley und Gina Gleason hervorragend. Hier zeigt sich das stimmlich kontrastierende Potential von Gitarristin und Sängerin Gleason bravurös. Dynamik ist das Stichwort dieses Songs. Nach einer unerwarteten Temposteigerung gipfelt "Cold-Blooded Angels" in tonnenschweren Sludge-Riffs, die wie aus dem Nichts die ätherische, dunkelbunte Schönheit des melodiösen Duetts konterkarieren.

"I'd Do Anything" und "Pale Sun" sind komplett improvisierte Stücke. Das trifft auch auf "Can Oscura" zu, dessen Titel ein überdeutlicher Verweis auf die Kölner Krautrocker Can ist. Ein mehr als treffender Verweis, denn die Kölner machten sich das Prinzip der freien Improvisation zu Eigen und beeinflussten damit die Popularmusik bis heute nachhaltig.

Mit dem neu entdeckten Hang zur Improvisation wächst auch die Bereitschaft zum Experiment mit Klangelementen außerhalb des musikalischen Kontexts, die in die Songs eingeflossen sind. Während der Aufnahmen zu "Gold & Grey" explodierten mehrfach große Transformatoren. Die Sounds der Explosionen sowie die furchterregend schreienden Menschen und Polizisten finden sich in "Borderlines" wieder. Für "Blankets Of Ash" lud John Baizley einige am Schaffensprozess des aktuellen Albums beteiligte Freunde ins Studio und ließ sie jeweils eine ihrer schlimmsten Lebensgeschichten erzählen. Bis zur Unkenntlichkeit manipuliert sind diese im Song enthalten. Derlei Elemente fügen "Gold & Grey" ein auf anderem Wege nicht erreichbares, emotionales und psychologisch wirksames Element hinzu.

Einen Wermutstropfen gibt es am Ende aber dann doch. Dieser betrifft den zum Teil extrem komprimierten Sound des Albums. Bereits der Vorgänger "Purple" wurde heftig für sein Mixing und Mastering kritisiert. Baroness zeigen sich davon aber gänzlich unbeeindruckt. Die Platte und Songs wie "Throw Me An Anchor" mit einem so extremen Sound zu versehen war jedoch, wie Baizley uns im Interview sagte, eine künstlerische Entscheidung. Oftmals wurden Gesangs- und Schlagzeugspuren durch ein Distortion-Pedal gejagt, um dieses Klangideal zu erreichen, es handelt sich also keineswegs um das vielerorts diskutierte Clipping. Da sich der so geschaffene Sound bestens mit der losen, psychotischen Grundidee des Albums deckt, muss das Urteil darüber ein subjektives bleiben. Im Gesamteindruck des kompletten Albums jedenfalls wirkt die Entscheidung stimmig. Entweder man freundet sich damit an oder eben nicht.

Insgesamt lebt das Album zu wesentlichen Teilen von der durchdachten Dramaturgie und dem Spiel mit den Hörerwartungen. Auf "Gold & Grey" haben sich Baroness stark von der improvisatorisch geleiteten Komposition und der experimentellen Befreiung gesetzter musikalischer Formen lenken lassen. Der an vielen Stellen prominente Gebrauch psychedelischer Klangtechniken verstärkt dies zusätzlich. Über allen Kontrasten und allem musikalischem Eklektizismus schwebt jedoch immer eine bittersüße Dunkelheit. Die aufwühlende, psychotische Negativität der Texte und ein sicheres Gespür für lebendige Melodien auf hohem musikalischem Level machen diesen Brocken von einem Album zu einem abenteuerlichen musikalischen Puzzle und Labyrinth zugleich.

Die Komplexität der Platte offenbart sich nur nach mehrmaligem Hören. "Die stärkste Farbe findet ihr Gleichgewicht, aber nur wieder in einer anderen starken Farbe, und nur wer seiner Sache gewiss wäre, wagte sie nebeneinander zu setzen", schreibt Johann Wolfgang von Goethe in seiner Farbenlehre. Im Falle von "Gold & Grey" trifft das voll und ganz zu.

Trackliste

  1. 1. Front Toward Enemy
  2. 2. I'm Already Gone
  3. 3. Seasons
  4. 4. Sevens
  5. 5. Tourniquet
  6. 6. Anchor's Lament
  7. 7. Throw Me An Anchor
  8. 8. I'd Do Anything
  9. 9. Blankets Of Ash
  10. 10. Emmett - Radiating Light
  11. 11. Cold-Blooded Angels
  12. 12. Crooked Mile
  13. 13. Broken Halo
  14. 14. Can Oscura
  15. 15. Borderlines
  16. 16. Assault On East Falls
  17. 17. Pale Sun

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8 Kommentare mit 12 Antworten

  • Vor einem Monat

    Ich würde die Band ja gerne so richtig geil finden. Aber immer, wenn der Sänger in praktisch jedem Song sein melodramatisch-möchtegern-episches Gejaule in laaaaang gezogenen Noten ansetzt, winde ich mich vor Fremdscham. Wenn man schon so wenig Range und Ausdruckskraft mitbringt, warum zum Teufel macht man durchs Songwriting und das Arrangement auch noch darauf aufmerksam?

    Andererseits mag ich alle Instrumentalisten, und daß die Produktion sehr unkonventionell ist, gefällt mir sehr. Man darf ja nicht vergessen, daß es im Stromgitarrengenre sehr wenig Spielraum gibt, irgendwie von den 08/15-Produktionen und -Arrangements abzuweichen. Rockfans und -Musiker reagieren oft ja sehr allergisch auf minimale Veränderungen, und für jede Art von Mut habe ich viel Respekt!

  • Vor einem Monat

    Das neue Album lässt mich total kalt.
    Kanns nicht genau erklären, warum. Kenne einige, die Baroness wirklich mögen und denen es genauso geht.
    Dabei sind die Songs eigentlich richtig gut. Vielleicht liegt es an der gruseligen Produktion, die jegliche Dynamik killt. So ging es mir schon mit dem letzten Album. Irgendwie tut mir die Band leid, aber bei so guten Musikern verstehe ich einfach nicht, wie sie mit so einer Produktion zufrieden sein können.
    Da hör ich mir lieber Demos von Manilla Road an, die mit nur einem Raummikro aufgenommen wurden. Die haben definitiv mehr Charme und verursachen keine Kopfschmerzen.
    Aber Bailey gestaltet immer noch die schönsten Plattencover!

  • Vor 12 Tagen

    Die Songs gefallen mir ganz gut, die Produktion ist tatsächlich eher mau und mit dem Gesang konnte ich mich auch noch nie so ganz anfreunden. Aber die sind schon eine wirklich gute Band, mein Lieblingsalbum von ihnen bleibt "Yellow & Green".