laut.de-Kritik

Wu-Tang trifft Interpol, gemeinsamer Nenner: New York.

Review von

Man hätte eventuell davon ausgehen können, dass RZA seine Geschwindigkeit und Härte an seinen Albumpartner Paul Banks ein wenig anpassen würde. Schließlich hatte er das damals auf der Xavier Naidoo-Schmonzette "Ich Kenne Nichts" auch getan. Aber: nichts da.

"Giant" beginnt mit einem brettharten, halb gespitteten, halb dahingerotzten Highspeed-Part des Wu-Tang-Masterminds. "Banks & Steelz in the building / Flash the camera / I'ma drop the hammer / Things done changed in hip hop / Since they let Bobby out the slammer / Hip hop started on the east coast / Then it moved west, now down to 'Bama / I'ma bring it back to New York ..." Das Ding lässt dich erst einmal zusammenzucken und drückt dich tief in deinen Ohrensessel. Erst Banks reicht dir in der Hook freundschaftlich die Hand. Alles wird gut.

Dabei fällt zumindest auf dem Opener der Interpol-Frontmann gegenüber seinem partner in crime deutlich ab. Zu glatt poliert, zu eingängig rauschen die Zeilen dahin und offenbaren ihren einzigen Reiz im Zusammenprall mit RZAs verbalen Schellengewitter. Aber genau deshalb gibt es ja diese so seltsam anmutende Kombination. Es geht um das Abarbeiten von Stilgrenzen, um den aktiven Bruch und um das De- und Rekontextualiseren von scheinbar auf ewig festgezurrten Referenzsystemen. Der Versuchsaufbau: Hip Hop kollidiert mit Post-Punk-Pop. Der gemeinsame Nenner: New York.

In der bildenden Kunst spricht man immer dann, wenn verschiedene Medien oder Medienrealitäten aufeinander klatschen, von intermedialen Momenten. Innerhalb dieser Überschneidungen aktivieren und reaktivieren sich die beteiligten Interaktionspartner gegenseitig und eröffnen im Idealfall neue Zwischenräume, die ambivalent genutzt werden können. Auch die Popmusik erscheint seit jeher fasziniert vom Clash der Kulturen und Genres. Vor allem die Kombination von Hip Hop und Rock ist eigentlich ein alter, abgeranzter Hut und kreierte mit Crossover ein ganz neues, nur selten überzeugendes Genre.

Die Liaison von RZA und Paul Banks erscheint uns aber trotzdem exotisch, als so andersartig, dass uns bereits die theoretisch abgesteckten Rahmen faszinierten, bevor wie auch nur einen Song gehört haben. Vielleicht liegt es daran, dass Crossover seit jeher recht brachial wirkte und nur selten feine Klingen schmiedete oder aktiv einsetzte.

Interpols Werk dagegen steht gleichermaßen für Pathos und aufschwingende Balladen, auf Ebene der schieren Musikalität aber in erster Linie für fast zärtlich ausformulierte Brüche. Dem entgegen baut sich Wu-Tang Clan-Member RZA auf, den wir im ersten Gedankenschwenk durchaus mit dieser roughen Rap-Attitüde assoziieren, der über die Jahre aber oftmals über sämtliche Tellerränder blickte. Was aber bietet uns eine solche Zusammenarbeit in Zeiten, in denen Typen wie Kanye West, Kendrick Lamar, Chance The Rapper oder auch Casper die Hip Hop-spezifischen Grenzgebiete längst in alle Richtungen geöffnet haben, überhaupt noch?

Einiges. Obwohl das Projekt vorab auf nur wenig Liebe stieß, kreiert "Anything But Words" wirklich ungewöhnliche Songsequenzen, die das Jahr 2016 vielleicht nur bedingt überleben werden, aber im Hier und Jetzt im Zeitgeist treibend waschechte Ausrufezeichen setzen. Auf das vom schieren Kontrast getragene "Giant" folgt das wirklich strange "Ana Electronic", das ein trashig wabernder Beat einläutet. Auf diesem Pudding-ähnlichen Untergrund verlassen die beiden Protagonisten in der Folge ihre Wohlfühlzonen und nähern sich im aufgebrochenen Lavafeld aneinander an.

Banks etwa legt seinen Go-To-Move, diesen erdrückenden Bariton, konsequent ab und säbelt einen irgendwie entspannten Gesangspart in das zuckende Musikstück. RZA indes rappt ein wenig unsouverän über das Science-Fiction-Setting, das deutliche Spuren aus 80er-Jahre-TV-Soundtracks in sich trägt. Hier packt das Album erstmals wirklich zu, weil an dieser Stelle zumindest für einen kurzen Moment etwas wirklich Neues aufflimmert.

Im weiteren Verlauf der Platte kippt das Gewicht ein wenig in Richtung Hip Hop, das liegt vor allen an drei Songs, auf denen RZA sich weitere Veteranen mit ins Boot geholt hat und Banks als Sänger ein wenig in der Hintergrund tritt, aber alleine durch seine Präsenz das Gesamtkonstrukt spürbar beeinflusst. "Love And War", zusammen mit einem ultrafreshen Ghostface Killah und "Sword In The Stone" inklusive dezent abgedrehten Kool Keith-Part sind recht klassische Hip Hop-Bretter, die das Experiment nur noch dezent zur Schau tragen. Beide gehen auf Songebene total auf, aber angefixt von dem vorab aufgezeigten Potenzial hätte man sich gewünscht, dass RZA die Regler auch einmal in den roten Bereich dreht.

Das abschließende "Point Of View", das das ausufernde MC-Lineup um Masta Ace und Method Man ergänzt, markiert mit seinen dahin plätschernden Jazzsamples, den wechselnden Stimmen und Stimmungen und den kurz angedeuteten Scratches eine wirkliche, aber total unaufdringliche New York-Hymne. Ein wirklich entspannter Abgang, der dich fröhlich pfeifend aus dem Album entlässt.

Einen klaren Höhepunkt der Platte markiert "Wild Season", ein super aufgedrehtes, kunterbuntes, in Loops geschichtetes Indie-Folk-Ding, das auch aus der Feder von Sufjan Stevens stammen könnte und an Songs wie "Better Days" von Edward Sharpe & The Magnetic Zeros erinnert. RZAs Part kratzt sich wie der böse Wolf zwischen die aufgezeigte Harmonie, die am Ende ein sympathischer Auftritt von Florence Welch über die Ziellinie hievt. Banks lässt seine ewige Melancholie effektiv hinter sich und trägt seinen Teil dazu bei, dass "Wild Season" sich als einer der besseren Popsongs des Jahres 2016 manifestiert.

Spaß macht außerdem das Titelstück "Anything But Words", das zwar wie die meisten seiner Song-Brüder einem glasklaren Aufbau folgt (Strophe – Hook – Strophe – dezente Bridge – Hook), aber dabei einen seltsamen Trip Hop-Vibe generiert. Einen ähnlichen Effekt erzielt auch das recht düstere "Can't Hardly Feel".

Das Rad neu erfunden haben Banks & Steelz definitiv nicht. Dafür hat speziell RZA zu sicher gespielt. Auch Paul Banks agiert harmlos, streicht die Ecken und Kanten aus seiner Stimme und dient teilweise als bloßer Hooklieferant. Tatsächlich klingt Banks über weite Strecken der Platten viel zu arg nach Chris Martin. Eventuell waren hier aber die Erwartungen an einen potenziellen Game-Changer einfach zu hoch. Der musikalische Schlag ins Gesicht oder mindestens aufs Trommelfell bleibt aus.

Den Großteil seiner Laufzeit setzt sich "Anything But Words" als überaus angenehme New Yorker Hip Hop-Platte in Szene. Dann gibt es aber immer wieder diese sich kurzzeitig ins Fleisch grabenden Nadelstiche. Die stechen im Rückblick noch schmerzhafter, weil sich die in ihnen angedeutete Durchschlagskraft nie so richtig entfaltet. Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass das Projekt Banks & Steelz mit dieser Scheibe nur an der Oberfläche gekratzt hat. Es bleibt ein Album, das man gleichermaßen Anhängern des Wu-Tang Clans und von Interpol problemlos ans Herz legen kann.

Trackliste

  1. 1. Giant
  2. 2. Ana Electronic
  3. 3. Sword In The Stone
  4. 4. Speedway Sonora
  5. 5. Wild Season
  6. 6. Anything But Words
  7. 7. Conceal
  8. 8. Love And War
  9. 9. Can't Hardly Feel
  10. 10. One By One
  11. 11. Gonna Make It Happen
  12. 12. Point Of View

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8 Kommentare mit 40 Antworten

  • Vor 4 Jahren

    Nach den Vorabtracks ist das ALbum wahrscheinlich nix für Genrefremde, aber wenn ich es mal auf YT finde geb ich noch ein paar Tracks ne Chance.

  • Vor 4 Jahren

    Die Rezi ist ja durchaus gut geschrieben, allerdings möchte ich dem Autor in zwei wesentlichen Standpunkten widersprechen.

    Ich liebe New York Hip-Hop und nahezu alles, was der RZA und die Leute vom Wu-Tang-Clan jemals herausgebracht haben. Ich liebe auch alternative und hier gehören die Werke von Interpol und Julian Plenti/Paul Banks alle zu meinen Lieblingsplatten.

    Von daher habe ich mich entsprechend auf diese Zusammenarbeit gefreut.

    Nun aber zur Rezension. Das Album ist alles andere als eine typische New-York-Hip-Hop-Platte. Sicherlich sind die Raps entsprechend, das ist ja auch der Sinn des Projektes. Allerdings ist der typische Sound doch durch Sample-Beats bzw. Synthie-Beats charakterisiert. Hier kommen ausnahmslos "echte" Instrumente zum Einsatz. Das ist sonst eher selten, da fallen mir spontan nur De La Soul, GangStarr/Jazzmatazz ein.

    Das Album ist außerdem durchaus extrem innovativ. Diese Kombination ist meiner Meinung nach hochinteressant und durchaus neu. Außerdem funktioniert die Kombination auch sehr gut.

    Natürlich gibt es von beiden Künstlern deutlich Besseres aber 4 Sterne würde ich auf jeden Fall geben und einen halben für die Innovation!

  • Vor 4 Jahren

    Die Rezi ist ja durchaus gut geschrieben, allerdings möchte ich dem Autor in zwei wesentlichen Standpunkten widersprechen.

    Ich liebe New York Hip-Hop und nahezu alles, was der RZA und die Leute vom Wu-Tang-Clan jemals herausgebracht haben. Ich liebe auch alternative und hier gehören die Werke von Interpol und Julian Plenti/Paul Banks alle zu meinen Lieblingsplatten.

    Von daher habe ich mich entsprechend auf diese Zusammenarbeit gefreut.

    Nun aber zur Rezension. Das Album ist alles andere als eine typische New-York-Hip-Hop-Platte. Sicherlich sind die Raps entsprechend, das ist ja auch der Sinn des Projektes. Allerdings ist der typische Sound doch durch Sample-Beats bzw. Synthie-Beats charakterisiert. Hier kommen ausnahmslos "echte" Instrumente zum Einsatz. Das ist sonst eher selten, da fallen mir spontan nur De La Soul, GangStarr/Jazzmatazz ein.

    Das Album ist außerdem durchaus extrem innovativ. Diese Kombination ist meiner Meinung nach hochinteressant und durchaus neu. Außerdem funktioniert die Kombination auch sehr gut.

    Natürlich gibt es von beiden Künstlern deutlich Besseres aber 4 Sterne würde ich auf jeden Fall geben und einen halben für die Innovation!