laut.de-Kritik

"You can call me artist. You can call me IDOL."

Review von

Nein, es ist kein Best-Of. Es ist eine BTS-Anthologie. Diese Differenzierung wird man zu hören bekommen, denn "Proof" setzt sich insgesamt aus drei CDs zusammen, einer Best-Of-CD mit den meisten Titeltracks ihrer Karriere, einer zweiten mit persönlichen B-Seiten-Favoriten der einzelnen Mitglieder und einer dritten mit Demos und Raritäten, auf jeder Seite jeweils mit einem neuen Song dargeboten. Um ein bisschen zu orientieren: Vermutlich wird niemand die monströsen 48 Songs am Stück hören. CD 1 liefert alle Hits am Stück. Die Fans kennen die eh schon, aber für Neueinsteiger könnte das ein guter Abriss des Phänomens BTS sein. CD 2 gibt einen persönlichen Eindruck darüber, wo die Mitglieder der Gruppe selbst ihre Stärke sehen; die Auswahl ist unterschwelliger und Rap-lastiger und ein schönes Kleinod für Fans der Gruppe. Die Demo-Halde auf CD 3 schließt das ganze Projekt dann mit einer Einladung zur Archäologie für die Hardliner ab. Es gibt also mehr Sinn, "Proof" als drei verschiedene Auswahl-Methoden zu behandeln als als ein monströses Projekt.

Fangen wir mit der ersten CD an, denn abseits der Army dürfte sich hier für die breite Öffentlichkeit die wesentliche Abhandlung über das BTS-Phänomen befinden. Chronologisch touren wir mit nur wenigen Auslassungen durch ihre Titeltracks, ergänzt durch den einführenden J. Cole-Remix "Born Singer". Und dazu können wir doch gleich zwei Fragen stellen: Warum überhaupt K-Pop? Und wenn K-Pop, warum gerade BTS? Es ist ja nicht so, als gäbe es da eine universell akzeptierte Antwort. Sind sie einfach nur so gut? Oder waren sie einfach zur rechten Zeit am rechten Ort? Auf der Reise durch ihr letztes Jahrzehnt zeichnen sich Faktoren wie musikalische Wandlungsfähigkeit und Ambition ab. Und wie so oft liegt die Antwort dementsprechend irgendwo dazwischen.

Schaut man zum Beispiel auf die Anfänge von BTS, sieht das alles gar nicht so glamurös aus. Songs wie "No More Dream", "N.O" oder "Danger" stammen aus der ersten Hälfte der 2010er und klingen auch entsprechend, wie Südkorea zu der Zeit Amirap gehört hat. BTS waren noch die kugelsicheren Pfadfinder, ein Haufen ein bisschen alberner Teenager mit Rap-Fokus, deren Konzepte ästhetisch nicht fantastisch gealtert sind. Um es ganz unverblümt zu sagen: Alte BTS-Sachen können ziemlicher Trash sein. Man nimmt ihnen zwar voll und ganz ab, dass sie Rap supergeil finden, aber die Formel für richtig geilen Pop-Rap-Crossover war damals ja schon in den Staaten kaum richtig ausgefriemelt, da fällt das diesen sieben Jungs nicht unbedingt leichter, vor allem, wenn das Label dann noch einfordert, gleichzeitig cool, süß, edgy und badass auszusehen. Die chronologische Anordnung sorgt also nicht gerade für einen umwerfenden Start.

Aber irgendwann ist der Schalter umgelegt. Wir können es sogar auf diesem Tape datieren: Track sieben, "RUN". "I Need You" zeigt schon ein bisschen eine Trendwende, aber mit "RUN" zeigt auf einmal, wozu BTS wirklich in der Lage sein werden. Und es ist bis heute einer der besten K-Pop-Songs aller Zeiten, ein zeitloser, energetischer Upbeat-Pop-Song, der gleichermaßen euphorisch wie melancholisch klingt. Perfekte Musik, um zu rennen, wie das Video zeigt – und der Grund, warum BTS noch sehr oft wahllos durch ihre Musikvideos rennen werden. Und auf einmal tut sich da eine goldene Ära auf. Die folgenden zehn Songs zeigen BTS in ihrer imperialen Ära und liefern Überhit nach Überhit nach Überhit.

Seien es Upturner wie "Fire", meisterhaft gebaute Pop-Songs wie "DNA", ihre Fashionista-Hymne "Blood, Sweat & Tears" oder "Spring Day", eine der unterschwelligsten und geschmackvollsten Balladen, die der K-Pop hervorgebracht hat. Für eine ganze Weile bewegt die Sammlung sich auf stabilem 5/5-Level und dürfte auch Nicht-Fans hinreichend erklären, was diese Gruppe bis heute so groß gemacht hat.

Das Interessante ist ja, dass sich auch hier kaum ein kohärenter musikalischer Stil beschreiben lässt. BTS war wie die größten K-Pop-Boygroups immer als ganzes musikalisches Universum konzipiert. Will heißen: Innerhalb der Gruppe gibt es ganze Mikro-Genres, die haufenweise Sound-Ideen und Stimmungen abdecken. Man merkt zwar, dass die Synthesizer-Arbeit ein bisschen wertiger wird und die generellen Grooves auf Songs wie "DNA", "Fake Love" und "ON" sich ein bisschen an die Tempi und Streamingtauglichkeit der Trap-Ära orientieren, aber grundsätzlich gilt: Es gibt nicht einen BTS-Sound, es gibt viele. Wer einmal ins BTS-Rabbithole absinkt, der sollte bestenfalls in der Lage sein, auf absehbare Zeit nichts anderes zu hören. Entsprechend wird auch diese CD so überhaupt nicht monoton, Stimmung, Energie und Pop-Spielart wechseln sich dynamisch ab. Es fühlt sich doch an, wie ein Pop-Best-Of sich anfühlen sollte.

Schleichend wechseln wir an diesem Punkt auch in die aktuelle Inkarnation von BTS: Wahrscheinlich könnte man den Finger auf "Boy With Luv" mit Halsey legen, die die zunehmende Fokussierung auf den westlichen Markt beginnt, die ihren Höhepunkt im Dreierpack von "Dynamite", "Butter" und "Permission To Dance" (hier klugerweise nicht enthalten) findet. Das klingt alles immer noch einwandfrei, aber man spürt, dass die ästhetische Dichte und klare künstlerische Identität hier ein bisschen abgeflacht ist. Habe ich vorhin noch von BTS-Mikrogenres gesprochen, geht das langsam doch ein bisschen mehr in Bruno Mars-isms über. Denn über Songs wie "Dynamite" oder "Butter" könnte man sagen, was man sonst über keine Songs auf diesem Album sagen kann: Die hätte auch sonst wer machen können.

Zwei neue Songs leiten in die tieferen Gefilde über: Das nostalgische "Yet To Come" klingt ein bisschen, wie ein Abschieds-Song ohne Abschied, bringt geschmackvolle Produktion und Fan-Service mit, macht aber sonst nichts Atemberaubendes. Es ist eher ein Beharren auf dem eigenen Mythos und damit auch ein passender Übergang, den von nun an klettern wir tiefer in die Welt des BTS-Mikrokosmos, das Big Hit-Extended Universe. "Run BTS" nimmt eine scheppernde Gitarren-Linie und gibt den einzigen Mitgliedern Raum, individuellen Swagger darzubieten. Es macht Spaß. CD 2 setzt nun mit einer Mitglieder-Selektion an B-Seiten und alten Songs ein, die bisher weniger direkte Aufmerksamkeit abbekommen haben. Und es wird wesentlich weniger direkt und laut, viel mehr gibt es einen Eindruck von BTS als Rappern (sogar eine ihrer Cyphers ist hier zu finden), als Mood-Artists und als Balladiers.

Logischerweise gibt es hier Schätze zu entdecken und ein paar Songs, die man vermutlich gut und gerne vernachlässigen kann. Die Rap-Parts auf "Intro: Persona" zum Beispiel gehören zu den fresheren Bars, die die Bangtan Boys bisher gerappt haben, "Jamais Vu" und "Singularity" zeigen interessantes Sound-Design. Es entsteht eine musikalisch vielseitigere Klangpalette, als K-Pop-B-Seiten es im Schnitt aufbringen können. Trotzdem zerfließen ein paar der Songs gerade für weniger involvierte Ohren doch ein bisschen ineinander. "Moon", "Her", "Dimple" zum Beispiel, die zwar alle für sich betrachtet solide funktionieren, je nach Geschmack aber irgendwann auch ein bisschen zu lowkey wirken können.

Auf CD 3 findet sich dann zwischen einer ganze Menge Demo-Aufnahmen und raren Recordings noch ein letzter neuer Song, der mit einer Aufnahme eines großen Fan-Chorus beginnt. "For Youth" heißt dieses in seiner Klangtiefe doch irgendwie bewegende Stück, das uns am Fuß von bereits über zwei Stunden BTS-Oeuvre abfängt. Und hier könnte man zwischen-resümieren: Was macht BTS nun schlussendlich so erfolgreich? Natürlich waren sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Sie hatten unter anderem auch die richtige Strategie, die richtige Fandom und haben in den richtigen Momenten außerhalb der Box gedacht.

Aber was die Höhen angeht, haben sie doch auch gerade zwischen 2015 und 2018 eine der stärksten imperialen Äras der Pop-Geschichte vorzuweisen. In vielen Sachen waren sie wegweisend, und das auch über den K-Pop hinaus. Anfangs mit ihrer ehrlichen Begeisterung für Hip Hop, für Cyphers und das Rappen an sich, später mit ihrem Willen zum Künstlerischen, den anspruchsvolleren Konzepten und ästhetisch interessanten Querverweisen, sei es zu Jung oder zu Hermann Hesse. Schließlich auch mit ihrem radikaleren Schritt in Richtung Westen. Dadurch, dass BTS nicht von den damals drei großen Labels der K-Pop-Industrie stammten, entwickelten sie früh eine Graswurzel-Fan-Szene, die sich so extrem verselbstständigt, dass neue Armys binnen kürzester Zeit ihren ganzen Tag in der Community totschlagen können. BTS veröffentlicht viel Content, die umgeben von einem Ozean an Fan-Content für eine rege Szene sorgen. Sie haben das schnell begriffen und ihre Musik so angepasst, dass sie gleichzeitig zu geradezu perfekten parasozialen Bezugspersonen werden und gleichermaßen musikalisch so viele Genres und Stimmungen abdecken können, dass man wochenlang nichts anderes sehen und hören müsste.

Ich weiß nicht, ob BTS so eindeutig die beste K-Pop-Gruppe da draußen ist. Aber es gibt wahrscheinlich keine vergleichbare Struktur. Die Vielseitigkeit der Musik, die Zugänglichkeit und Nahbarkeit der Mitglieder, die Offenheit der Army. "Proof" beweist zwei Dinge: Dass sie locker mit den besten Pop-Acts in Korea und auf der Welt mitspielen. Und dass sie der Szene immer eine kreative Nasenlänge voraus waren. Es wäre aberwitzig zu glauben, dass die hier abgebildete Karriere nicht noch für sehr lange Zeit Nachbeben durch die Pop-Geschichte senden wird.

Trackliste

CD 1

  1. 1. Born Singer
  2. 2. No More Dream
  3. 3. N.O
  4. 4. Boy In Luv
  5. 5. Danger
  6. 6. I Need U
  7. 7. RUN
  8. 8. Burning Up (Fire)
  9. 9. Blood Sweat & Tears
  10. 10. Spring Day
  11. 11. DNA
  12. 12. FAKE LOVE
  13. 13. Idol
  14. 14. Boy With Luv (feat. Halsey)
  15. 15. ON
  16. 16. Dynamite
  17. 17. Life Goes On
  18. 18. Butter
  19. 19. Yet To Come

CD 2

  1. 1. RUN BTS
  2. 2. Intro: Persona
  3. 3. Stay
  4. 4. Moon
  5. 5. Jamais Vu
  6. 6. Trivia: Seesaw
  7. 7. BTS Cypher, Pt 3: KILLER (feat. Supreme Boy)
  8. 8. Outro: Ego
  9. 9. Her
  10. 10. Filter
  11. 11. Friends
  12. 12. Singularity
  13. 13. 00:00 (Zero O'Clock)
  14. 14. Euphoria
  15. 15. Dimple
  16. 16. Pochogae (Demo)

CD 3

  1. 1. Jump (Demo)
  2. 2. Young Love
  3. 3. Boy In Luv (Demo)
  4. 4. Quotation Mark
  5. 5. I NEED U (Demo)
  6. 6. Boyz With Fun (Demo)
  7. 7. Tony Montana (with Jimin)
  8. 8. Young Forever (RM Demo)
  9. 9. Spring Day (V Demo)
  10. 10. DNA (J-Hope Demo)
  11. 11. Epiphany (Jin Demo)
  12. 12. Seesaw (Demo)
  13. 13. Still With You (Acapella)

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14 Kommentare mit 44 Antworten

  • Vor 19 Tagen

    Mich würde wirklich interessieren, was Yannik in 10 Jahren beim lesen dieser Review fühlt und denkt.

  • Vor 19 Tagen

    "und dürfte auch Nicht-Fans hinreichend erklären, was diese Gruppe bis heute so groß gemacht hat." Ne Diggi, leider echt nicht. Hab mir Run und DNA angehört und ehrlich gesagt immer noch nicht verstanden, was du daran so geil findest.

  • Vor 19 Tagen

    Ich weigere mich Boybandgenöle irgendeinen künstlerischen Wert zuzugestehen.
    Das gleiche gilt auch für Girlgroups (und das mir keiner mit den Supremes kommt, auch vergangene Jahrzehnte machen aus Scheisse kein Gold) sowohl hier als auch dort geht es immer nur um Fleischbeschau!
    Eine(r) kann singen und ist superheiss/süß, alle anderen können wenig bis gar nichts aber sind dafür superheiss/süß.
    Ist ja alles legitim wenn du irgendwo zwischen 9 und 15 bist, aber spätestens mit einer 2 davor wird der Versuch darin einen künstlerischen Wert sehen zu wollen extrem peinlich!