laut.de-Kritik

Wollt ihr Cyphers oder Seifenopern?

Review von

Zeitreise: Wir schreiben das Jahr 1999. Azad dümpelt irgendwo im Frankfurter Untergrund rum und hat noch keinen Grund, Samy wegen seinen 'Cappuchino-Hooklines' Sellout vorzuwerfen. Der Hamburger hingegen rappt gemeinsam mit den Stiebers das mittlerweile legendäre "Malaria" ein, auf dem Kollege Max die Frage stellt, was die Szene denn nun wolle: Cyphers oder Seifenopern?

2007 schließt sich der Kreis. Azad, der sich zu jener Zeit noch bevorzugt mit Camouflage und Kampfhunden in Videos zeigte, erobert die deutschen Charts. Ein kommerzielles Kunststück, das vor ihm nur Schwester S und die Fantas hinlegten - und das zu einer Zeit, in der die deutsche Rapszene gerade erst den Kinderschuhen entwachsen war. Den Smashing Hit landet Azad jedoch nicht mit einer seiner gefürchteten Battlehymnen, sondern mit der trivialen Titelmelodie einer noch viel trivialeren Spätabend-Soap des legendären amerikanischen Trashsenders Fox.

Das Stück dann verkaufsträchtig als Outro des fünften Soloalbums anzubieten, ist schon anbiedernd genug. Dass der Kurde allerdings dem Hauptcharakter der Serie noch einen zweiten Track widmet, ist des Guten dann doch zu viel. Der Straßenpoet geizt doch für gewöhnlich selten mit autobiografischen Geschichten - was kann in so ner Todeszelle schon groß passieren, verglichen mit den mannigfachen Gefahren zwischen den Blocks der Frankfurter Nordweststadt.

Wie schon ein Blick auf die Gästeliste erahnen ließ, geht die musikalische Stoßrichtung Hand in Hand mit der neuen potenziellen Käuferschaft. Die Schar der Hookline-Chanteure ist ebenso lang wie namhaft: J-Luv und Jonesman waren als alte Bekannte sicherlich gesetzt. Gentleman und Joy Denalane komplettieren ein Lineup, das sich vor dem Vorgänger (Akon, Cassandra Steen, Xavier Naidoo) nicht verstecken muss und bei mir dennoch für heftige Skepsis sorgt.

Gentleman funktionierte bei Curse und Afrob bereits, wieso also nicht auch hier? Aber Joy als Duettpartnerin für ein von Max produziertes Liebeslied - das ist schon eine gehörige Portion Freundeskreis.

Interessanterweise belehrt mich die Stuttgarter Fraktion eines Besseren: Während "Ich Geh Für Dich" der Scheibe einen absoluten Höhepunkt beschert, lässt mir der kuschelweichgespülte Gentleman-Opener einen Schauer über den Rücken laufen. Durchhalteparolen gehören zu Azads Rapstyle ebenso wie Ehre, Poesie, Verzweiflung - aber muss man gleich zu Beginn damit erschlagen werden?

Nun gut, "Kämpfer" entschädigt für die verkorkste Einführung, fügt 80s-Rock-Sample, Marschrhythmus und Selbstreflektionen zu einer homogenen Masse zusammen. Doch spätestens nach "Ich Bete Zu Dir" fühle ich mich spürbar in die Rolle des Voyeurs gezwungen, unter dessen nur vermeintlich gierigen Augen der Rapper sein Seelenleben chirurgisch auseinander nimmt. Das Verhältnis zu Gott, der Kampf um seine Tochter, der familiäre Rückhalt - man kennt es. Allerdings vergisst der Rapper, das Skalpell für die Operation "Blockschrift" mitzuliefern: Zu selten steigt Azad in den Ring, nur für "Bündel Für Bündel" lässt er seinen Struggle Revue passieren. Ein wenig dürftig für ein Album, das seinen Schriftzug trägt.

Zumal keiner der "Blockschrift"-Battletracks auch nur ansatzweise an die knochenharten Klassiker wie "A", "1 Mann Armee" oder "Blackout" heranreicht. Der versammelte neue deutsche Produzentenadel trägt daran eine Mitschuld, keine Frage. Sti, M3/Noye, Benny Blanco, Shuko und Brisk Fingaz machen ihre Aufgabe zwar gewohnt ordentlich, nur haben diese hochglanzpolierten Synthiegeschichten wenig bis nichts mit dem Azad zu tun, den man bisher kannte.

Die Instrumentals sind jedoch nur unterschwellig verantwortlich, dass ein Großteil der Stücke zum unteren Mittelmaß verdammt ist. Der Hund liegt vielmehr im Garten respektive dem betonierten Hinterhof des Frankfurters begraben. Ausgepowert? Gelangweilt? Schlicht und ergreifend müde? Fast durchgehend scheint ein vollkommen zahnloser Azad gewaltig die Bremse zu treten - und der Mann hat Kraft!

Ein paar rappende Gäste hätten dem Bozz sicher Elan zurück gegeben. Kool Savas etwa, im Verbund mit dem Kurden immer für eine Hymne gut, oder Curse, als Bruder im Geiste mit unterschiedlicher Sozialisierung. Was ist eigentlich aus dem medienwirksam angekündigten Feature mit US-Legende Rakim geworden?

Müßig, zu spekulieren, fest steht: Ein gehemmt rappender Azad auf plastischen Beats kommt nicht gegen die poppende und soulende Hooklinecroonerschaft an. "Blockschrift" wirkt wie der verzweifelte Versuch einer Untergrundlegende, die eigene Sensibilität mediengerecht in den Vordergrund zu rücken, während sie ihre Energie maßgeblich dazu verwendet, die innere Naturgewalt im Zaum zu halten. In meinen Augen überlebt nur eine Hand voll Songs dieses Prozedere. Für andere mag genau das funktionieren, aber es ist eben nur die halbe Wahrheit.

Wenn ein vollständiger Azad aufdreht, regnet es Feuer und Schwefel, Frösche und erstgeborene Ägypter - nur kommt diese Seite auf dem fünften Soloalbum deutlich zu kurz. Dennoch: Kein Grund, gleich das Standardrepertoire von Sell- bis Burnout herunter zu beten. Kein deutscher MC hat fünf Soloalben ohne einen Patzer - insofern tut ein solcher Ausrutscher Azads Stellenwert noch lange keinen Abbruch.

Trackliste

  1. 1. Zeit Zu Verstehen (This Can't Be Everything) ft. Gentleman
  2. 2. Kämpfer
  3. 3. Ich Bete Zu Dir
  4. 4. Tage Des Regens ft. J-Luv
  5. 5. Bündel für Bündel
  6. 6. So Machen Wir Das ft. Jonesmann
  7. 7. Ich Geh Für Dich ft. Joy Denalane
  8. 8. 1 Im Game
  9. 9. Ghettobass
  10. 10. Du Fehlst Mir
  11. 11. Alles Lügen
  12. 12. TNT
  13. 13. Monsterrap
  14. 14. Hier / Gefangen (Lincoln Burrows)
  15. 15. Prison Break Anthem (Ich Glaub An Dich) ft. Adel Tawil

Preisvergleich

Shop Titel Preis Porto Gesamt
Titel bei http://www.amazon.de kaufen Azad - Blockschrift €4,99 €3,00 €7,99
Titel bei http://www.jpc.de kaufen Blockschrift €7,99 €2,99 €10,98
Titel bei http://www.hhv.de kaufen Blockschrift €7,77 €3,90 €11,67

Videos

Video Video wird geladen ...

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Azad

Azads Hip Hop-Roots lassen sich bis ins Jahr 1988 verfolgen. Als kurdisches Flüchtlingskind findet er schwer Anschluss in den kalten deutschen Landen.

67 Kommentare

  • Vor 10 Jahren

    @Maddinsche (« @Garret (« ja wirklich funny ;) .aber wer pac beleidigt ist bei mir unten durch :smokool: »):

    Wer einen funktionstüchtigen Penis besitzt, auch... gnihi... »):

    okay :rolleyes:

  • Vor 10 Jahren

    Blockschrift klingt so als hätte Azad überall in seiner Wohnung Poster von Massiv hängen und würde versuchen seinen "Hardcore Ghettostyle" zu kopieren...ich bitte euch was rapptn der Azad da?? von CrackBabys im Müll und wilden Schießereien..wo lebt der gute Mann denn??? in Compton?...einfach traurig was aus ihm geworden is wenn ich an sein Meilenstein "Leben" zurückdenke oder "Faust des Nordwestens"...wirklich traurig

  • Vor einem Jahr

    Bogys Lieblingsdeutschrapalbum nur 2 Punkte? Challas!