laut.de-Kritik

Königsklasse-Beleidiger, versteckt hinter guter Absicht.

Review von

"Das fünfte Album ist das schwerste / Kaum einer mehr da, der die Beleidigung noch wert ist" witzelt Audio88 auf einem Songeinstieg. Augenzwinkern, Punchline-Pause, aber ein Fünckchen Wahrheit ist dran: Das normalste Duo des Landes tut sich schwer auf dem neuen Album. Ihre Mukke ist Champion introvertierter Angepisstheit, gleichzeitig aber Festival-Saison-Mitgröl-Staple geworden. Ikonen-Status, erreicht durch das Anti-Charisma der Gewöhnlichkeit. Das ist schön, aber: Was jetzt? "Todesliste" taumelt diffus zwischen Storytelling und Trap-Beats, Ringen mit jeder Industrie und Festival-fertigen Hook-Versuchen. Manchmal klingt das Duo so klug und relevant, wie man sich Deutschrap nur träumen kann. Drei Sekunden später klingen sie wie Soziologie-Seminar-Verwässerte K.I.Z.-Wannabes ohne den Rapskill.

Das offensichtlichste Problem ist ein Musikalisches: Herrgott, was ist es mit deutschem Studenten-Rap und dieser bizarren Versessenheit darauf, unbedingt Trap-Elemente in ihre Mukke zu zwängen? Wenn Audio88 auf "Todi" das Wort "Todi" rhythmisch unelegant für acht Zeilen wiederholt, ist das weder modern noch witzig. Könnte der Typ, der ein paar Songs zuvor noch attestierte, den Zeitgeist nicht leiden zu können, auf derart unhörbare Zeitgeist-Flirts bitte verzichten? Wer über Modus Mio lästern will, sollte nicht auf der selben Platte so klumpfüßig über die eigenen Pop-Rap-Gehversuche stolpern. Nicht nur die Hooks, die dafür sorgen, dass man große Teile der Platte nach dem letzten Verse einfach skippen möchte, generell gilt: Wer gesagt hat, man solle mal Audio und Yassin auf einen Haftbefehl-fertigen Bazzazian-Beat packen, weil das sicher gut passen würde, gehört ganz oben auf die Todesliste.

Das Bittere ist: Der Fortschritt passiert ja schon. Gerade Intro und Outro auf der Produktion von Dienst & Schulter liefern einen atmosphärischen und warmen Klanggrundstein, der dem Duo mit seiner Alt-Rap-Tiefe viel besser in die Karten spielt. Es sind die Songs, die mit den beiden Yannic-produzierten Nummern "Cottbus" und "Freunde" mithalten. Dessen atmosphärische Dichte aus desorientierten Synthesizern und nostalgischen Synths leistet so viel mehr als große Teile des Percussion-Ramsches, auf den sie hier sonst rappen. Die Intensität erzeugen sie ja selbst, viel wichtiger ist emotionaler Kontext, um ihre Misanthropie und Weltsicht einzuordnen. Selbst Tempo und Pop-Appeal funktionieren, gibt ihnen Farhot auf "Klingelton" einen organischen Groove. Der Flow entschlackt sich, die Texte kommen unverkrampfter, verdammt, die Beiden klingen regelrecht gut.

Es lohnt sich, so genau über die Produktion zu sprechen, denn mit ihr steht und fällt auch die inhaltliche Komponente von "Todesliste". Ja, Audio und Yassin sind primär Texter, alles Andere sekundär. Obwohl sie auf der neuen Platte essentiell das selbe tun wie immer, variiert der Funke beachtlich. Das Problem möchte ich sie selbst beschreiben lassen: "Glaub mir, dieses ganze Album ist ein Kompromiss / Aus 'Eigentlich gibt's wichtigeres' und 'Was für ein Schmock du bist'", "Ich würd' euch gerne wieder dissen wie vor fünf Jahr'n / Doch es wär'n genau die selben Witze wie vor fünf Jahr'n" und schließlich: "Tipp' ins Navi: 'Leichtes Ziel', geplante Ankunft pünktlich".

"Todesliste" tut inhaltlich wirklich keine neuen Pfade auf. In den langweiligsten Momenten wird ohne Peil und Pointe auf die Alice Weidels und Dieter Nuhrs der Nation gekloppt. Auf Beats, die allein auf die Intensität der Performance setzen, kriegt man Statements, wie man sie auf Leftie-Twitter ungefähr seit 2014 in jedem dritten Tweet liest. "WUP" geht als Flagschiff voran, nicht, weil es falsch wäre, was sie da sagen, sondern weil es so streberhaft richtig ist. Inhaltlich fühlt sich das an wie die Musical-Version des El Hotzo-Accounts, alles Auge für die Details ist verschwunden, stattdessen grölt man Bubble-Konsens verbatim mit Wut aus der Konserve.

Warum viele Nummern auf "Todesliste“ so unzufriedenstellend klingen, merkt man erst, wenn Audio und Yassin zwischendurch doch wieder zeigen, was sie eigentlich können: Auf "Cottbus" demonstriert Audio via messerscharfem Storytelling die eigentlichen Dimensionen von gelebtem Antifaschismus, von hoffnungslos durchseuchten Städten, die all die guten Leute vertreiben, um nur noch ungestörter faschistische Ideen auszubrüten. Oder Yassins vielschichtige Einsicht über Schulerfahrungen mit chauvinistischen Freunden, mehr als Stereotypen, die vielleicht damals auch sein Denken mit beeinflusst haben. Passenderweise fallen die beiden Songs auf zwei der atmosphärischsten Beats der Platte, die Atemraum geben für kohärente Gedanken und etwas genauere Beobachtungen.

"Todesliste" scheint über große Teile der Laufzeit grundfalsch einzuschätzen, wo die Stärken seiner Protagonisten liegen. Die Beats versuchen, Effekte von Frustration und Nachdruck zu erzeugen, die bei Audio und Yassin eigentlich auch von selbst kommen. Dafür schränken sie sich oftmals auf Texte ein, die sich mit dem kleinsten Gemeinsamen Nenner zufriedenstellen. Das Album ist ein rechtschaffender Schlag gegen Nazis, geifernde alte Männer und schlechte Rapper. Es ist ein Abarbeiten an den richtigen Gegnern, aber deren Angriffsflächen sind so wohletabliert, man kennt die Pointen schon. Und so gut und richtig und wichtig diese Inhalte sein mögen, auf den Lichtblicken der Platte sieht man, wie viel tiefer an den Kern der Probleme die Beiden fassen können und wie viel mehr ihre Musik wehtun könnte.

Trackliste

  1. 1. Schlechtes Gewissen
  2. 2. Plus 1
  3. 3. Vater Mutter Kind
  4. 4. Freunde
  5. 5. Lauf
  6. 6. Kein Regen
  7. 7. WUP
  8. 8. Todi
  9. 9. Cottbus
  10. 10. Klingelton
  11. 11. Fließbandjob
  12. 12. Garten (feat. Nura)
  13. 13. Ende In Sicht

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