laut.de-Kritik

Reue als Leitmotiv - in jedem Breakdown, in jeder Zeile.

Review von

"So now I know there is no one else to blame". Einsicht sei der erste Schritt zur Besserung, heißt es. Im Falle von Tim Lambesis lässt sich der moralische, menschliche Abgrund kaum mit einer abgedroschenen Redensart abhaken. So gerne man sich ausschließlich der Musik und nicht einem Mordauftrag an der Ex-Frau widmen würde: unmöglich. Es ist As I Lay Dying selbst zuzuschreiben, dass die Schatten über dem unverhofften Comeback allgegenwärtig sind.

Dass sich die Wandlung vom Monstrum zum Geläuterten ausgezeichnet vermarkten lässt, ist dabei ein willkommener Nebeneffekt. Doch sind wir ehrlich: Für die Urväter des Metalcore bleibt diese Dramaturgie alternativlos. Wollen sie die Geschichte um die Inhaftierung ihres Brüllers schonungslos offen aufarbeiten und Fans zurückgewinnen, die sich vereinzelt meilenweit distanziert haben, ist Verdrängen keine Option. So ist Reue auf "Shaped By Fire" das prägende Motiv in jedem Breakdown, in jeder Zeile.

Und Wiedergutmachung ist nicht nur der einzig glaubwürdige Vorsatz, sondern auch das perfekte Ventil, um so richtig die Sau rauszulassen. Es hat sich viel angestaut. So viel steht fest, als Lambesis in "My Own Grave" zum Mikro greift und sich den Selbsthass von der Seele poltert: "I thought I was an architect, but I was just moving dirt". Der Track hat so ziemlich alles, was das Genre allzu oft vermissen lässt.

Die Shouts entfachen eine martialische Urgewalt und Basser Josh Gilbert steuert unglaublich einprägsame Hooks bei - sich dem zu entziehen, fällt schwer. Die Vorabsingle ballert ohne Ende, definitiv einer der stärksten Metalcore-Songs der vergangenen Jahre. Vermutlich kein Zufall, dass As I Lay Dying den größten Trumpf ihres siebten Studioalbums gleich als Erstes rausfeuerten. Nur so erobert man die Gunst der Masse zurück.

Soll nicht bedeuten, dass der Rest der Platte Murks ist. Im Gegenteil: Die Wiedergeburt macht durchweg Laune. "Blinded" steigt so massiv ein, dass alle bisher dagewesenen Circle-Pits vor Neid erblassen sollten. "Redefined" schafft es im wahrsten Sinne des Wortes, Erinnerungen zu überschreiben und "Wreckage" brennt sich dank melodischem Anstrich tief in die Gehörgänge ein.

Wer Metalcore will, bekommt hier die volle Dröhnung. Die Produktion scheppert zwar mitunter zu pompös. "Only After We've Fallen", "Shaped by Fire" oder "Torn Between" verpulvern ihre Wucht schnell und kommen nicht über einen soliden Standard hinaus. Aber das ist wohl "The Toll It Takes", wenn man im Kampf gegen Stigmata alle Register ziehen muss.

Experimente bleiben aus, das Risiko also überschaubar. As I Lay Dying besinnen sich auf ihre Ursprünge. In einem Genre, das verzweifelt nach Orientierung sucht, erfüllen sie damit eine ungestillte Sehnsucht. "Metalcore was not dead, it was just in prison", kommentierte ein Youtube-User die Comebacksingle "My Own Grave" (2018). Musikalisch mag da viel Wahres dran sein. Menschlich wird das nicht reichen. "There is no turning back, I can't fix what I broke."

Trackliste

  1. 1. Burn To Emerge
  2. 2. Blinded
  3. 3. Shaped By Fire
  4. 4. Undertow
  5. 5. Torn Between
  6. 6. Gatekeeper
  7. 7. Wreckage
  8. 8. My Own Grave
  9. 9. Take What's Left
  10. 10. Redefined
  11. 11. Only After We've Fallen
  12. 12. The Toll It Takes

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3 Kommentare mit 3 Antworten

  • Vor 29 Tagen

    "So gerne man sich ausschließlich der Musik und nicht einem Mordauftrag an der Ex-Frau widmen würde: unmöglich. "

    Bei Dir vielleicht unmöglich. Album ballert!

  • Vor 29 Tagen

    Wenn ihm schon seine zunächst ehemaligen Freunde bzw. Bandmitglieder verzeihen oder ihm zumindest diese Chance einräumen konnten, dürfte das für Außenstehende eigentlich sogar noch leichter sein. Auch wenn das nun sehr kitschig klingt, ist bzw. war irgendwann mal genau das doch einer der positiven Aspekte der ominösen "Metal-Familie", wie sie mittlerweile meistens nur noch dann beschworen wird, wenn man entweder ohne große Anstrengungen Rückgrat zeigen muss oder sich über einen Pseudo-Kodex definieren möchte, gewesen: Dass man einen Fehler machen bzw. haben kann und trotzdem aufgenommen wird. Ob man ihm seine Geschichte seit der Re-Union von AILD abnimmt, ist jedem selbst überlassen, wirklich beurteilen können wir es allerdings nicht. Noch nicht. Das wird man dann herausfinden, wenn er entweder erneut negativ in Erscheinung getreten ist oder er ebendies nicht tut, stirbt und man dann merkt, dass es aufrichtig war. Bis dahin bleibt uns nichts Anderes übrig als das Projekt AILD mit Lambesis zu unterstützen oder eben nicht.

    Für eine christliche Metalband ist das meiner Meinung nach aber ein starkes Zeichen. Genauso finde ich es gut, dass sich Nuclear Blast dahintergestellt hat. Selbstverständlich ist diese Re-Union auch lukrativ, aber alleine darum kann es nicht gegangen sein, da es gleichzeitig immer noch genügend Skeptiker und Kritiker gibt.

    Ich hoffe, dass er, wenn er es denn wirklich ernst meint, irgendwann mit seiner Ex-Frau sprechen und diese schreckliche Tat irgendwie gemeinsam mit ihr aufarbeiten kann, bzw. dass sie sie aufarbeiten kann und die beiden Frieden schließen können.