laut.de-Kritik

Wer Alissa blöd kommt, kriegt eine gescheuert!

Review von

Dieser Schrei, dieser dämonische Schrei! Dieses Blastbeat-Feuerwerk und dann noch die fräsenden Gitarren! Es ist schon lange her, dass man bei Arch Enemy so hochkonzentriert die Ohren gespitzt hat, wie zu den ersten Takten von "Never Forgive, Never Forget". Hier beginnt eine neue Ära und man mag davon halten, was man will. Fakt ist: Es war an der Zeit, dass der Fan-Puls mal wieder richtig ins Rasen gerät – ob nun aus Ärger oder aus Jubel.

Seien wir ehrlich, Arch-Enemy-Anhänger haben echte Wohlstandsprobleme zu beklagen. In bald 20 Jahren hat Saitenhexer Michael Amott seine Truppe zwar zu einem Flaggschiff des melodisch-harten Metal gemacht, Gitarrenspiel, Kompositionen und damit den Bandsound immer feiner geschliffen.

Doch, auch wenn das für viele ketzerisch klingen mag: Gerade auf den letzten paar Alben waren die Abnutzungserscheinungen nicht mehr zu überhören. Arch Enemy lieferten zwar zuverlässig starke und klasse produzierte Scheiben ab, am Ende aber: mehr vom immer gleichen. In Perfektion erstarrt.

2014 ist alles anders. Völlig unvermittelt hat Frontfrau Angela Gossow nach 13 Jahren und fünf Alben ihre Koffer gepackt. Auf "War Eternal" ist bereits ihre Nachfolgerin Alissa White-Gluz zu hören. Und auch Gitarrist Christopher Amott hat die Band (erneut) verlassen. Sein Bruder Michael haut sich also erstmals mit Nick Cordle die Riffs und Soli um die Ohren.

Vor diesem Hintergrund muss man also an "War Eternal" herantreten. Hat man erst einmal das unnötige Intro (diese Tradition bleibt uns erhalten) hinter sich, eröffnet das bereits erwähnte "Never Forgive, Never Forget" den Tanz. Zu Recht als Opener auserkoren, überzeugt der Song mit hoher Schlagzahl, Doublebass-Gewitter und einer ganzen Wagenladung an rasenden Riffs, Leads und Harmonien. Alissa legt hier ebenfalls einen prächtigen Auftritt hin, knurrt und faucht wie besessen. Wer den Blauschopf auch da noch nur als schönes Aushängeschild sieht, kriegt eine gescheuert.

Die Kanadierin beherrscht ein viel weiter gefasstes Stimmspektrum als Angela Gossow. Deren dauernd aggressives Grollen klang zwar mächtig, aber (Achtung, erneuter Ketzer-Alarm) auch mächtig monoton. Alissa dagegen setzt auf 'weiblichere Growls', sofern diese Beschreibung irgendeinen Sinn ergibt. Vom Klargesang, wie noch bei The Agonist, lässt sie aber brav die Finger – obwohl es sie manchmal hörbar juckt.

Die Vokalistin führt uns stattdessen in die Kunst des heimlichen Singens ein: Sie doppelt mit ihrem Growling gerne mal die Gitarren-Melodien. Etwa im Titeltrack, der das Augenmerk mehr auf Groove statt Gebolze legt. Mit der Mischung aus aggressivem Riffing, Leads mit dem Hang zu grossen Melodien, ausufernden Soli und Tempowechseln klingt dieser jederzeit nach Arch Enemy.

Das gilt für fast alle Songs. Man höre nur einmal die rasanten Wirbel, mit denen Daniel Erlandsson "As The Pages Burn" einleitet und nach dem hymnischen Refrain wieder in Form zimmert. "No More Regrets" geht danach mit zügigem Tempo fast schon als Partytrack durch. Bis der leicht schräge Refrain sitzt, braucht es aber ein paar Durchläufe.

Beim instrumentalen "Graveyard Of Dreams" sind wir in der Albummitte angelangt, bis hier hat der Nacken schon ordentlich trainiert. Alles wie gehabt also? Nun, da wäre ja noch die zweite Albumhälfte. Und auf der kommt dem Zeremonienmeister manchmal das Maß abhanden, was Streicher-Einsätze angeht. Nur zu gerne schwärmt Amott ja, wie toll es war, dafür auf ein Orchester statt Effekte zurückzugreifen.

Wem schon die Geigen im hymnischen Kracher "You Will Know My Name" zu viel sind, der muss bei "Time Is Black" schlucken. Ohnehin dürfte sich manch vermeintlicher Genre-Purist an dieser Nummer die Zähne ausbeißen. Schon beim Auftakt mit Babygeschrei und Xylophon (?!) wähnt man sich im falschen Film, bis Amott endlich ein erstes heavy, heavy Riff vom Stapel lässt. Und was für eines: zum Niederknien!

Der kritische Moment folgt aber erst noch, wenn quasi aus dem Nichts Streicher einsetzen, die wie aus einem James-Bond-Soundtrack klingen. Zusammen mit Alissas Gebrüll ergibt das eine ungewohnte Kombination. Hat aber durchaus das Zeug, nicht nur Gemüter, sondern auch Schädel zu spalten.

Auch "Avalanche" klingt zunächst schräg: Nach einem weiteren Versuch, Klassik und Metal zusammenzuführen. Die Nummer findet dank eifrigem Geprügel zwar rasch wieder auf die richtige Bahn, am Ende gewinnen aber die Streicher wieder Überhand. Vielleicht etwas viel Symphonic-Einschlag.

"Down To Nothing" bietet danach als Wiedergutmachung vertontes Wutschnauben mit extratiefen Growls, ehe der instrumentale Rausschmeißer den Hörer in bewährt-melancholischer Manier entlässt.

Unter dem Strich bietet "War Eternal" tatsächlich die richtige Mischung aus Vertrautem und Experimentellem. So frisch und überzeugend hat man Amotts Truppe lange nicht gehört. Arch Enemy sind endlich wieder spannend. Wer da nicht bangt, ist selber schuld.

Trackliste

  1. 1. Tempore Nihil Sanat (Prelude in F minor)
  2. 2. Never Forgive, Never Forget
  3. 3. War Eternal
  4. 4. As The Pages Burn
  5. 5. No More Regrets
  6. 6. You Will Know My Name
  7. 7. Graveyard Of Dreams
  8. 8. Stolen Life
  9. 9. Time Is Black
  10. 10. On And On
  11. 11. Avalanche
  12. 12. Down To Nothing
  13. 13. Not Long For This World

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6 Kommentare mit 5 Antworten

  • Vor 7 Jahren

    Nachdem ich das Album gestern nacht komplett durchgehört habe, kann ich sagen es ist eines der besten, wenn nicht das beste Arch Enemy Album bisher. Es sind so viele geile Aspekte darin, von Soli bis zu den Riffs und den kleinen Effekten, etc. Auch Alissa macht einen sehr guten Job wie ich finde. Als ich Time Is Black gehört habe, kam ich aus der Verzückung gar nicht mehr heraus. Kein einziger schlechter Song auf dem Ding! Zudem ist die Thematik des Albums genau mein Fall, da sie doch unter anderem vom niemals aufgeben handelt, vom sich erheben aus den Massen und die Einsicht, dass alles auf dieser Welt doch vergänglich ist. War Eternal hat mich weggepustet, die Soli haben meine dunkle Seele berührt. Von mir aus 5 Points.

    Hail to the Chaos Legions!

  • Vor 7 Jahren

    Klingt gut. Wird dann wohl morgen gekauft.

  • Vor 7 Jahren

    Ok, das Album verdient das Prädikat „Geil“. Das genau die Mischung aus Härte und Melodie die ich hören will. „Not Long for this World“ und „Down to Nothing“ sind Brecher, „Avalance“ finde ich ist ein gelungenes Experiment, das ein bisschen für Abwechslung sorgt. Da gibt’s im Grunde nichts zu kritisieren.

  • Vor 7 Jahren

    Ohne diese montone Schreikrampfe Gossow kann es ja nur besser sein - musikalisch war das schon immer feinster Meldodeath.

  • Vor 7 Jahren

    "Wer da nicht bangt, ist selber schuld."

    Also ich lege zum "bangen" lieber etwas Marvin Gaye ein ;)

  • Vor 7 Jahren

    Gibt es eigentlich einen Grund, warum die Arch Enemyalben in den Metal Archives so niederrezensiert werden?

    • Vor 7 Jahren

      weils niedrigster melodeath, gepimpt mitn bisserl fotzenpower, auf ner aalglatten produktion ist.wacken galore.was war carcass mal ne geile band...

    • Vor 7 Jahren

      Der Kosmopolit spricht wahr. Arch Enemy leben einfach von dem Überraschungseffekt, dass eine 1,47m große Frau tiefer growlen kann, als der Großteil ihrer männlichen Kollegen.
      Der Witz hat sich nur schnell abgenutzt und was bleibt, ist eben ziemlich stumpf.