laut.de-Kritik

Texte für die ganz düsteren Tage.

Review von

16 Jahre ist es jetzt schon her, dass Aidan Moffat und Malcolm Middleton als Arab Strap zuletzt mies gelaunte Sprechpassagen von Willie, dem Hausmeister der Grundschule von Springfield, vertont haben. "As Days Get Dark" knüpft nahtlos am bisherigen Oeuvre der beiden Schotten an. Moffats ruhige, wenig Aggression mitbringende Stimme schwebt über Pop-Neo-Kraut-Passagen, die an Porcupine Tree ohne die Ausbrüche oder an Outro-Passagen von Mogwai erinnern. Der dritte Schotte an Bord und Produzent ist Delgados-Drummer Paul Savage. Er produzierte schon das Erstwerk von Arab Strap. Sein musikalischer Input sticht qua langjähriger Bandnähe aber nicht deutlich erkennbar hervor.

Die Scheibe beginnt mit "The Turning Of Our Bones", in dem Sax und Synth als treibende Kontrapunkte zu Moffats stoischem Vortrag gefallen. Aber immer wieder wird Tempo rausgenommen, auch das Crescendo zum Schluss schwillt ab, bevor es orgiastisch wirken könnte. Das können Viagra Boys samt Saxofon 2021 besser. Dabei würde etwas mehr Wumms so gut zu diesem textlich flammenden Plädoyer für Genuss und Sex und Hedonismus passen. Moffat hat die lange Zeit anscheinend genutzt, denn seine Lyrics sprengen auf diesem Album recht mühelos die durchaus hohen Erwartungen. Die "I saw you"-Wiederholung auf "The Turning Of Our Bones", die Misanthropie von "Bluebird" ("Who are you anyway?/ Who am I anyway?"), die mit wenigen Strichen die Grenzen zwischen Täter und Opfer, Liebendem und Geliebten verwischen, haben Preise verdient. Das Niveau hält Moffat durchgehend auf dem gesamten Album, bietet immer eine Vielzahl von Deutungs- und Verstehens-Ebenen, eine ununterbrochene, wortreiche Anklage ohne Lösung. Eine, die ohne Phlegma zulässt, dass Dinge in unserer Gesellschaft so schlimm sind, wie sie sind. Was 'junge Hüpfer' wie Sleaford Mods schon längst in Aggression kanalisieren müssen, wenn Moffat noch wie ein Serien-Detective am Tatort fasziniert den Schleim auf seinem Kugelschreiber betrachtet.

Das Video zu "The Turning Of Our Bones" ist ein Lyricvideo, und das sollte die Band allen Songs von "As Days Get Dark" angedeihen lassen. Zum einen ist die Bilduntermalung ganz herausragend, zum anderen kann man "As Days Get Dark" auch auf genius.com nachlesen, ohne wirklich viel zu verpassen. Eine Vielzahl der Stücke, wie das langweilige "Here Comes Comus!" und das fast schon den eigenen Vortrag parodierende "I Was Once A Weak Man" können zu keinem Zeitpunkt den Zwiespalt zwischen Moffats Sprechsing und einer sie tragenden Instrumentierung überbrücken. "Tears On Tour", eine stellenweise kaum auszuhaltende packende Tränenanklage an das Leben, erinnert mit seinen Keyboard-Arpeggios an Cohen in den 80ern, korreliert aber nicht souverän mit den Lyrics. Diese Verbindung kriegen die poetischen Erben von Arab Strap, Scott Laverne und LYR, besser hin. So gerät "As Days Get Dark" wegen immer gleichen Lückenfüllern wie "Kebabylon" schlicht zu eintönig. Eine Instrumentalversion von "Fable Of The Urban Fox" würde ich mir anhören, in der vorliegenden Version existieren Musik und Stimme aber auf zwei getrennten Soundfiles, die zumindest Paul Savage nicht zu vermählen vermochte.

Besser machen das nur wenige Tracks, und diese auch nicht uneingeschränkt. "Another Clockwork Day" fährt den Krautteil zurück für eine simple, gelungene Begleitung durch Middletons Akustikgitarre. Das hört sich zwar nicht großartig an, lenkt aber zumindest weniger von großartigen Lyrics wie "IMG4564, the sleeping Venus in a half-painted kitchen / As hopeful spermatozoa race to an oval's open armsy" ab. "Sleeper" gefällt alleine schon deswegen, weil Middleton sich im Ansatz austobt und Moffat weniger nachläuft, in einem Rennen, dass er nicht gewinnen kann und deshalb gar nicht eingehen sollte. Diese Lehre beherzt "Just Enough" und nutzt Pausen als Stilmittel. Der Song gerät dadurch nicht nur angenehm rumpelnd, sondern fordert Moffat gekonnt heraus, der seinen Vortrag in diesem Lied einfach anpassen muss. So auf Augenhöhe hätte auch der Rest von "As Days Get Dark" ausfallen sollen.

Trackliste

  1. 1. The Turning Of Our Bones
  2. 2. Another Clockwork Day
  3. 3. Compersion Pt. 1
  4. 4. Bluebird
  5. 5. Kebabylon
  6. 6. Tears On Tour
  7. 7. Here Comes Comus!
  8. 8. Fable Of The Urban Fox
  9. 9. I Was Once A Weak Man
  10. 10. Sleeper
  11. 11. Just Enough

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