laut.de-Kritik

Meister des Moll-Klangs: Vom Totenbett zum Neubeginn.

Review von

Hoffmann von Fallersleben schreibt über den Herbst:
Doch bei Allem, was er uns verleiht / Ist er ein Bild der Vergänglichkeit / Und täglich müssen wir es seh'n / Wie Blumen verblüh'n und Blätter verweh'n / Doch ist es ein ewiger Wechsel nur / Und ewig erneut sich die Natur.

Und als gäbe es hier eine innere Verbindung intoniert Antony "Everything Is New" mantragleich zu einem dünnen Klavier. Fast ist es mehr ein Sprechen aus dem Off, das zusammen mit dem Instrument anschwillt. Zum Streichereinsatz ändert sich das Gesprochene in ein Klagen und gewinnt an Monumentalität.

Dem Vergangenen nachtrauernd aber das neu entstandene Willkommen heißend. Und darin leuchtet sie wieder: Die sinfonische Grandezza, die dieser unvergleichlichen Stimme innewohnt.

Es folgt eine Etüde am Klavier, angelegt als Geisteraustreibung, die der Sänger am eigenen Herzen vornimmt. Inbrünstig appelliert er an den "Ghost" in sich, er solle ihn verlassen. Jazz-Harmonien wechseln sich mit Soundtrack-Versatzstücken ab, darüber thront Antonys beschwörendes Gesuch. Und es fühlt sich an, als trippele der Spuk schließlich wirklich davon auf einem vom Klavier getragenen Streicherpizzicato.

Dann ein rückwärts abgespieltes Intro aus Summen, Stimmen und Flüstern. Auf einem langgezogenen Wahwah-Reibeisen gleitet Antony in das titelgebende Mysterium hinein, an dem Angelo Badalamenti sicherlich Gefallen fände. "Swanlights" bleibt losgelöst von striktem Arrangement, und der Sänger besinnt sich auf seine eigentliche Stärke: die Improvisation.

In entgegengesetzter Richtung zu "Ghost" soll bei "The Spirit Was Gone" eine entwichene Seele wieder zurück geholt werden, hinein in den Körper einer verstorbenen geliebten Person. Wie ein Gebet, direkt neben dem Totenbett stehend klingt diese Stimme - die unterdrückten Tränen deutlich hörbar: ein meisterliches Kammerstück mit feingliedrigem Klavier und ins Dunkel zurückweichendem Cello.

Die Single "Thank You For Your Love" bricht mit dem Insichgekehrtsein, und Antony macht auf Rythm And Blues. Dabei zeigt sich, dass er auch in Begleitung einer mächtigen Bigband zurecht kommt und sich stimmlich problemlos gegen eine Gang aus Blechbläsern behaupten kann. Nur im Zusammenspiel mit anderen Sängern tut er sich schwer, beispielsweise mit Björk.

Zwar lässt einen allein die Vorstellung eines Duetts der beiden schon ungehört mit dem Adjektiv 'genial' hantieren. Diese Tendenz schlägt bei "Flétta" dann aber in Enttäuschung um, denn Antony lässt wie bei den meisten Kooperationen immer gerne dem Gast den Vortritt. Das stimmliche Auf- und Abmodulieren, typisch für die Isländerin, nimmt hier jedoch den Raum für Entfaltung. Ein kanonartiges Übereinanderlegen von mehreren Gesangsspuren Antonys, ähnlich wie bei "Everything Is New", hätte dem Song besser getan, wäre aber formal wohl verfehlt gewesen.

"Christina's Farm" untermauert Antonys Status als Meister des Moll-Klangs und knüpft inhaltlich an das einleitende Mantra an. Ein Zirkelschluss, der noch einmal im Sinne von Fallersleben betont: Alles ist neu! Alles fühlt sich an, wie neu geboren, wie über Nacht magisch verändert: Eine Ode an diese sanfte Neuordnung, die sich Herbst nennt.

Trackliste

  1. 1. Everything Is New
  2. 2. The Great White Ocean
  3. 3. Ghost
  4. 4. I'm In Love
  5. 5. Violetta
  6. 6. Swanlights
  7. 7. The Spirit Was Gone
  8. 8. Thank You For Your Love
  9. 9. Fletta
  10. 10. Salt Silver Oxygen
  11. 11. Christina's Farm

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5 Kommentare

  • Vor 10 Jahren

    hm ne das ist ja garnichts für mich , das ist sehr spezifisch und spricht eine gewisse Art von Leuten an.

  • Vor 10 Jahren

    Hab immer wieder versucht, Zugang zu Antony und seinen Johnsons zu bekommen. Erinnern konnte ich mich nach ihren Alben aber immer nur an das Gefühl, 2 ganz hübsche Songs und allerlei trauriges Gedudel als Teppich für Hegartys vollkommen überzogene Stimme gehört zu haben.
    Gegen seine Stimme sträube ich mich im Prinzip nicht, sie ist wirklich hübsch. Nur dreht der Sänger immer so dermaßen ab mit seinen Frasierungen und Jazz-Elementen, daß es kaum Abwechslung oder Steigerungen mehr gibt. Wenn die Musik schon in erster Linie für seine Stimme geschrieben wird, so sollte sie mich auch als Hörer irgendwo abholen.

    Das waren nur meine ersten Eindrücke. Vielleicht gewinne ich der ansonsten hübschen Mucke ja doch noch was ab...

  • Vor 10 Jahren

    ich finde seine Stimme eigentlich sehr gut, finde aber auch, dass sich alle Lieder zu sehr ähneln bzw. dass es kaum Abwechslung beim Songwriting gibt.

  • Vor 10 Jahren

    Keine Abwechslung? Das seh ich gar nicht so. Vielleicht fehlt euch wirklich der Zugang zu dieser Musik. Ich liebe diese Komplexität und Fragilität.

  • Vor 10 Jahren

    Also: Bei Antony the Johnsons muss man genau hinhören. Wenn jemand seine Stimme gefällt - schon mal gut, ist nicht jedermanns Geschmack. Der Mann/Frau (weiß Antony nicht so genau) ist Barock von A-Z. Viele Schnörkel da und dort, man kann es auch Seele nennen, die er sich nach außen singt. Vielleicht auch Musik für geübte Ohren. Auf jeden Fall wie aus einer anderen Welt gesungen, die nicht einfach so Eintritt gewährt. Aber im Grunde genommen meine ich: Musik als Kunst genommen heißt zugleich, es kann mich ansprechen oder auch nicht. Wenn nicht - später wieder vorbeihören. Er macht eigentlich Kammermusik mit Miniorchester - o.k. bei Everything is new ist ein ganzes dabei.
    Er bringt das auch live so rüber, war letztes Jahr auf einem Konzert und es war das absolute Highlight - alle Musiker spielen mehrere Instrumente (außer Julia Kent nur Cello) und stellen ganz schön was auf die Beine.
    Und Antony macht auch erst hell (ein bisschen hell nicht grell) wenn er findet, dass da was zurückkommt vom Publikum.#Ich finde es großartig, allerdings weit weit ab von Mainstream - ich glaube er kann selbst nicht ganz fassen, welche große Zuhörerschaft ihm da zuwächst, obwohl er sehr genau weiß, dass er sehr spezielle Musik mit sehr speziellen Texten macht. Die Genderthematik (welches Geschlecht) hat er langsam verlassen und wendet sich der Natur und mit der ganz neuen Aufnahme aber eigentlich dem Paradies zu, das er auf der Erde verwirklicht sehen will, die aber aus einer anderen Wirklichkeit gespeist wird - sonst könnte er nicht solche Musik machen!
    Die erste Platte Antony and the Johnsons - ihne Titel erster Track Twilight ist am zugänglichsten - oder auf der neuen vielelicht die Single Thank You For Your Love.