laut.de-Kritik

Wut und Introspektion, perfekt in Musik übersetzt.

Review von

Erst nach zwei Minuten fahren Another Sky ihr größtes von vielen großen Geschützen auf: die Stimme von Sängerin Catrin Vincent, die oft für die eines Mannes gehalten wird und in ihrer Vielseitigkeit begeistert. Diese ersten zwei Minuten von "How Long?" wirken wie ein Präludium, eine Andeutung von dem, das später musikalisch noch kommen wird. Die erste Hälfte ist ruhig, teilweise mit Sprachfetzen aus einem Buch der amerikanischen Autorin Maggie Nelson unterlegt, und schlurft mit einem entspannten, simplen Gitarren-Riff dahin, bis sich ein Klavier einmischt. Die beiden Instrumente umspielen sich, bevor der Song recht unvermittelt mit einem prägnanten Gitarren-Motiv aufbricht, und schließlich alles bis auf das reduzierte Schlagzeug-Spiel wegbricht. Diese Dynamikwechsel machen die Musik von Another Sky so verführerisch und fesselnd, immer wieder fordern die Briten einen, lassen einen nicht müde werden.

Dann schaltet sich Vincent ein, die parallel zu einer wunderschöne Piano-Melodie singt, hier in ihrem hohen Register. Ganz zart klingt ihre Stimme, fast schon übernatürlich. Mit nur wenigen Zeilen bringt sie den Hörer schon direkt zu Beginn in ihren Bann: "Such a fickle human phenomenon / Everyone is afraid / Are we just alive to be until we die / Waiting for another open door?" Wenn der Titel endet, stellt man fest: Innerhalb von drei Minuten ist in diesem Stück mehr passiert als auf vielen Alben. Gegründet hat sich das Quartett an der Goldsmith University in London, seit 2018 haben sie Songs veröffentlicht, "I Slept On The Floor" ist nun ihr bärenstarkes Debüt-Album.

"Fell In Love With The City" strebt direkt im Anschluss an "How Long?" ins Stadion, mit treibenden Drums und dröhnenden Gitarren, ohne auch nur ansatzweise generisch zu wirken. Die Sängerin singt über Großstadtanonymität und große Gefühle, die irgendwann verloren gehen: "I fell in love with the city / As I fell out of love with you." Das Stück kommt mit nur zwei Strophen aus, konzentriert sich textlich auf das Wesentliche und transportiert dennoch eine ganze Menge. Die Musik der Truppe klingt ähnlich präzise, jede Steigerung, jedes Dröhnen, jeder Break wirkt zweckdienlich und korreliert wunderbar mit den Lyrics.

Spätestens "Brave Face" macht klar, dass Vincent eben nur eine von mehreren Stärken der Band ist, die restlichen drei Mitglieder lassen sich von ihr nie gänzlich in den Hintergrund drängen, selbst wenn sie den Gesang klar in den Fokus rücken. Alle dürfen hier einmal scheinen, auch wenn häufig das Piano-Spiel der Sängerin ganz besonders glänzt. Vor allem Gitarrist Jack Gilbert trumpft aber immer wieder auf, bringt schöne Riffs genau so galant in den Tracks unter wie Post-Punk-artiges Geschrammel. "Brave Face" baut sich über Hi-Hat-Schlägen langsam auf und erinnert, wenn in der zweiten Hälfte ein groovender Beat unterlegt wird, an Bombay Bicycle Club. Textlich behandelt der Song die ungesunde Beziehung einer Freundin von Vincent: "Fuck being patient, or complacent / Only you can demand all you deserve."

Im düsteren "Avalanche" knüpft sie sich toxische Männlichkeit am Beispiel Polizeigewalt vor: "A man shot dead while the world slept / The killer free, the police said." Das Stück lässt an Laura Marlings Projekt "LUMP" denken. Auf dem Land und zwischen rechten Gesinnungen aufgewachsen, macht sich Vincent in ihrer Musik Luft, scheut sich nicht davor, politisch sehr direkt zu werden, und ist auch dabei zielsicher: "When you hold them to account / They'll spit you out / Just a bad taste in their mouth", heißt es in dem Song weiter.

Man merkt, dass die Musizierenden viele verschiedene Einflüsse in das Projekt einbringen, die sie als Band dann zu etwas Neuem, wahnsinnig Erfrischenden zusammensetzen. "The Cracks" erinnert an The National, der Titeltrack evoziert mit dem Vocoder-Effekt Imogen Heap und der Indie-Folk von "Only Rain" könnte auch von Big Thief stammen, allerdings sind Another Sky mit Piano und Streichern breiter instrumentiert. Die Band beherrscht das Ekstatische genau so gut wie fast schon psychedelische Schwelgereien, und sie können das eine auch gut ins andere kippen lassen, wie "Life Is Coming Through The Blinds" oder "Tree" beweisen. Das melancholische "All Ends" lässt einen lange nicht los, Vincents Stimme im Refrain bleibt lange bei einem. Wie Wutausbrüche und Introspektion nebeneinander stehen und in Musik übersetzt werden, fasziniert. Die Platte zeugt von von einer sehr klaren Vision, klingt vielseitig und kohärent gleichzeitig und ist dazu noch wahnsinnig sauber produziert, so, dass hier wirklich alles intendiert wirkt.

Trackliste

  1. 1. How Long?
  2. 2. Fell In Love With The City
  3. 3. Brave Face
  4. 4. Riverbed
  5. 5. The Cracks
  6. 6. I Slept On The Floor
  7. 7. Life Was Coming In Through The Blinds
  8. 8. Tree
  9. 9. Avalanche
  10. 10. Let Us Be Broken
  11. 11. All Ends
  12. 12. Only Rain

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LAUT.DE-PORTRÄT Another Sky

Zuerst hört man die Stimme von Catrin Vincent, die einen rätseln lässt, ob nun ein Mann oder eine Frau singt. Es ist eine Stimme, die einen verfolgt …

7 Kommentare mit 9 Antworten

  • Vor einem Monat

    Ich hasse diese Indie-Stadionscheiße wie die Pest, aber denen würde ich doch glatt drei Punkte geben. Ein klein wenig Edge bleibt hier und da übrig, und für jeden beschissen glatten "I Fell In Love With Thr City" aus der nächsten Apple-Werbung gibts eben auch einen "The Cracks", der mit seinem nicht ganz so zahmen Beat gut über die Runden kommt.

    • Vor einem Monat

      "Edge"

      Passiert mir auch immer mal wieder, das ich die klare Kante vermisse, wenn ich schon "Alternative" lese als Genre Einordnung.

      Alternative für was? Meine Nackenhaare sind Alternativlos, die kennen nur es passiert was oder halt nicht.

      Nur kurz angerissen das Album von oben und nix passiert, also zu den Akten, überbewertet oder andere Nackenhaare der Simon. Egal!

      Stadionkonzerte mag ich, allerdings auch nur von Künstlern die den großen Raum auch füllen können und da gibt es zu wenige von.

      Another Sky wäre eher ein Alternativtitel für eine Weltraumbesiedlungssim. ;)

    • Vor einem Monat

      Lösch dich!

    • Vor einem Monat

      Ja, es passiert tatsächlich nicht viel auf der Platte. Es gibt nur hier und da mal ein paar ganz interessante Arrangements und Ideen. Vor allem hangelt es sich an ein paar Erkennungsmerkmalen entlang (hier vor allem die Vocals), was in der Postmoderne, die Star Wars: Episode I ja auch ganz okay findet, weil da immerhin ein cooler Lichtschwertkampf zu sehen ist, natürlich genügt. Die Scheibe kommt aber kaum darüber hinaus und fügt sich nicht zu etwas zusammen, was mehr wäre als diese Versatzstücke. Etwas Dringliches, Eingängiges, wirklich Verspieltes findet man hier nicht. Es ist eben sehr durchschnittlich.

    • Vor einem Monat

      ich denke ragizzle is kluk genug um zu wissen das durchsnitt is manhcmal gute sache. muss nicht gut sein imer in perfektion. lebe is mehr den das massiv weis wovon reden. frau kann morge schlechte laune sein und weg. daher normal zeit is gud zeit.

  • Vor einem Monat

    Erstes Durchhören zwiespältig: Das "Recycling" einiger über die vergangen Jahre veröffentlichter Song nimmt dem Album ein wenig die Illusion eines roten Fadens.
    Zu den Songs selbst: Wie in der Rezi schon gesagt, die Truppe glänzt durch ihre feinsinnigen und komplexen Arrangements, ihre Dynamik und freilich den Gesang. Insofern alles in Butter, auch wenn die Band m.E. gelegentlich zu sehr Richtung Stadionhymne a la Coldplay schielt, was sie gar nicht nötig hat und zukünftig gerne unterlassen dürfte. 4/5

  • Vor einem Monat

    Sehe es ähnlich wie die Vorredner. Auch wenn die "Coldplay" - Momente nicht allzu penetrant offensichtlich sowie häufig sind, nerven sie doch dann, wenn sie auftreten.
    "Tree" ist allerdings ein richtiges Sahnehäubchen.