laut.de-Kritik

Nach Studium und Greenpeace-Job zurück zur Musik.

Review von

Seit der Veröffentlichung ihres letzten Studio-Albums sind sieben Jahre vergangen, in der Zwischenzeit hat sich Alin Coen als Weltverbesserin versucht. Sie hat Land- und Wassermanagement studiert und in ihrer Heimatstadt Hamburg bei Greenpeace gearbeitet, um schließlich zu merken, dass die Musik sie doch mehr erfüllt und andere Leute im Welt verbessern talentierter sind. Auf ihrem neuen Album "Nah" gibt es nun weder Gesellschaftskritik, noch politische Anklänge. Coen rückt mit ihren Texten sich selbst ins Rampenlicht, analysiert ihre Beziehungen und setzt ganz auf das Konzept der Intimität.

Nicht nur, dass sie sich in den 12 Songs vermeintlich bloß stellt, sich ganz und gar öffnet und dem Hörer einen ziemlich tiefen Einblick in ihr Innenleben gewährt. Auch musikalisch beschränkt sie sich oft auf melancholisches Piano-Spiel oder unaufgeregtes Gitarren-Gezupfe und atmosphärische Klänge im Hintergrund, während sie sanft ins Mikrofon haucht. Textlich bietet sie dazu alles in einfacher Sprache, bemüht keine komplexeren Bilder, selten gibt es hier so was wie Doppelbödigkeit. Das unterstützt zwar auch den Eindruck von Offenlegung, weil nicht viel interpretiert werden muss, dafür gibt sie sich auch häufig Haus-Maus-Reimen hin. Das bringt ihre Musik immer wieder gefährlich nah an den Kitsch, den etwa Rosenstolz Mitte der 2000er produziert haben.

Wer es unangenehm findet, wenn ein befreundetes Paar sich vor einem bei ihren peinlichen Kosenamen nennt, der wird auch an Alin Coens Musik Anstoß finden. "Du hältst dir die Hände vors Gesicht / Denn so lange Blicke erlaubst du mir nicht / Doch was ich hier betrachte, will ich gestehen / Kann ich auch ohne meine Augen sehen / Du bist so schön", singt sie über schweres Klavierspiel im Opener "Du Bist So Schön" und schildert intensiv ihre Verliebtheit. "Beben" trieft nur so vor Kitsch, im Refrain heißt es: "Und ja, meine Liebe ist da / Jetzt kennt sie die Gefahr / Endlich wird mir klar / Sie bleibt so wunderbar / Wie sie auch vorher war".

Das Ganze weckt dabei manchmal Erinnerungen an leicht pathetische Poetry Slam-Auftritte. Jene, mit diesem affektiert-aufgeregten Sprachduktus, der suggeriert, hier würden gerade die ultimativen Lebensweisheiten dargeboten, obwohl eigentlich nur englische Songtexte ins Deutsche übersetzt und mit Kalendersprüchen verwoben werden. Wer sich daran nicht stört, findet in vielen Stücken recht ungekünstelte Erzählungen von allen möglichen Herzensangelegenheit mit Mut zu Schmalz und ansprechender Musik.

Coen hat definitiv ein gutes Gespür für Songwriting, die Tracks entwickeln häufig einen sehr gefälligen, angenehmen Flow, allen voran "Alles Was Ich Hab". Auch die Schlagzeug-Rhythmen, die Drummer Fabian Stevens beisteuert und Philipp Martins Bass-Riffs beleben die Stücke. Das Zusammenspiel in "Du Machst Nichts" erinnert an Norah Jones. Die Strophen von "Held" klingen gar ein bisschen nach Wir Sind Helden, das Stück wird im Refrain allerdings etwas zu glatt. Eindringlicher wirken etwa Titel wie "Entflammbar", "Das Ende" oder "Ultimatum". Besonders letzterer entwickelt im Refrain eine ansprechende Dynamik. Schließlich bleiben musikalisch gefällige Popsongs, die schon ganz gut funktionieren, mit weniger eindeutigen und gefühlsduseligen Texten aber noch besser sein könnten.

Trackliste

  1. 1. Du Bist So Schön
  2. 2. Du Machst Nichts
  3. 3. Bei Dir
  4. 4. Alles Was Ich Hab
  5. 5. Leichtigkeit
  6. 6. Held
  7. 7. Entflammbar
  8. 8. Tiraden
  9. 9. Die Gefahr
  10. 10. Beben
  11. 11. Das Ende
  12. 12. Ultimatum

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2 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor 11 Tagen

    Oh Gott, klingt wie die passende Mucke für den hippie'esken Teil der Querdenker-Bewegung

  • Vor 5 Tagen

    Lyrisch mit weniger Fremdschäm-Momenten als Madsen oder die Sportfreunde, die freilich kein Maßstab sein sollten, verdient als persönliches Albumhighlight "Entflammbar" nen Extra-Stern.

    • Vor 5 Tagen

      @maomoondog:
      Woran machst Du "lyrisch" fest?
      Ich find' die Texte erschreckend eindimensional und reizlos. Das war früher, gerade zu Zeiten des Debüts, bei Alin Coen mal anders, und ich dachte, wer sich drei Jahre in die Dichterstube zurückzieht, wird doch auch Gelegenheit finden, seine Worte wenigstens zu unterkellern. Stattdessen bekomme ich Geschichten darüber erzählt, wie der Mann ihres Vertrauens eine Spinne fängt, und auch nach einigem Hin und Her scheint es mir so zu sein, als wolle sie tatsächlich damit nicht viel mehr erzählen, als daß der Mann ihres Vertrauens eine Spinne fängt.
      An ihrer Stimme hab' ich wenig auszusetzen, die Musik ist vielleicht nicht preisverdächtig, läßt sich aber ganz gut konsumieren ... ich will aber nach drei Durchläufen das Album nicht mehr hören. Da geben mir auch Wincent Weiss, Max Giesinger oder Julia Engelmann nicht mehr. Alin Coen ist zu belanglosem Allerwelts-Schlager geworden.
      Gruß
      Skywise