5. Juni 2012

"Koch zu sein ist nicht das Gelbe vom Ei"

Interview geführt von

Alex Clare ist die neue Speerspitze eines Genres, das in den letzten Monaten mit innovativem Output nur so um sich wirft. Soulmusik ist hipper denn je. Adele, Michael Kiwanuka, Emeli Sandé, Rebecca Ferguson: Die Liste derer, die in der jüngeren Vergangenheit die weltweiten Charts zur Soul-Zone erklärt haben, wird immer länger.Eine Soulstimme wird im Allgemeinen eher in ein zart besaitetes musikalisches Gewand gebettet, um der Inbrunst und der Tiefe des Organs den nötigen instrumentalen Honig zur Seite zu stellen. Auch Alex Clare reiste zu Beginn seiner Karriere lediglich mit der Gitarre im Gepäck durch die britischen Pubs, ehe der gelernte Koch im vor knapp zwei Jahren auf die beiden Major Lazer-Weirdoz Diplo und Switch trifft, die seine Ergüsse in der Folge durch den Reißwolf drehen und die Stimme von Clare mit wildem Dubstep, Reggae, Urban Beats und Pop paaren. Heraus kam beispielsweise ein Song wie "Too Close", der bereits im März vergangenen Jahres veröffentlicht wurde, aber erst in den letzten Wochen mit Hilfe einer groß angelegten Werbekampagne weltweit Millionen Menschen nicht mehr aus dem Kopf will.

Seine Stimmbänder parken irgendwo zwischen Jamie Lidell und David Gray. Im Verbund mit einem Bass-lastigen Fundament, das so manchen Speaker an die Grenzen seiner Belastbarkeit führt, bietet Alex Clares Debütwerk "The Lateness Of The Hour" wahrlich Innovatives an. Pünktlich zum Erreichen der Pole Position der deutschen Singlecharts bitten wir den bärtigen Londoner um ein Gespräch und plaudern mit ihm über Beziehungsdramen, berufliche Sicherheiten und wahre Emotionen.

Hi Alex, ich schaue mir gerade ältere Promo-Bilder von dir an. Dabei fällt mir auf, dass dein mittlerweile schon fast an Knecht Ruprecht erinnernder Bartwuchs früher weitaus kürzer war. Versuchst du gerade, dich ein bisschen zu verstecken?

Alex: (Lacht) Oh, nein, das hat einen anderen Hintergrund. Ich bin Jude, und momentan erlaubt es mir der jüdische Kalender nicht, an meinem Bart herumzufummeln. Ehrlich gesagt, freue ich mich aber auch schon, wenn ich mich demnächst wieder mit meinem Bartschneider beschäftigen darf. Das kratzt und juckt manchmal ganz schön.

Viele Frauen erfreuen sich aber an deinem momentanen Erscheinungsbild. Zudem verfügst du über eine einzigartige Stimme und kannst nebenbei auch noch erstklassig kochen. Trotzdem geht es in deinen Texten primär um gescheiterte Liebesbeziehungen. Die Damenwelt wundert sich.

Alex: (Lacht) Nun, ich denke, ganz so dramatisch ist es dann doch nicht. Sicherlich gab es viele Tränen in der Vergangenheit, die ich auf dem Album verarbeite. Aber ich glaube, das sind Dinge, die überall auf der Welt jeden Tag Tausenden anderen Menschen ebenfalls passieren. In meinem Fall wird halt gleich etwas Großes draus gemacht, verstehst du?

Ich hatte bisher insgesamt drei wirklich feste Beziehungen in meinem Leben. Zwei davon gingen ziemlich derbe in die Brüche, was an beiden Parteien lag. In dem Song "Too Close" geht es beispielsweise um folgende Situation: Du hast eine Freundin, eine sehr gute Freundin; ich rede jetzt nicht von einer intimen Beziehung, sondern von jemandem, der dir zuhört, für dich da ist und dir dabei hilft, so gut es geht durchs Leben zu gehen. Irgendwann schwappen die Gefühle jedoch über und aus dem Platonischen entwickelte sich Intimes. In meinem Fall brach uns genau das das Genick, denn von da an ging so ziemlich alles schief, was nur irgendwie hätte schief gehen können.

So ist das halt im Leben. Solche Sachen passieren. Ich trage sicherlich an vielen Dingen, die geschehen sind, große Mitschuld, und ich versuche draus zu lernen, um in der Zukunft nicht wieder die selben Fehler zu machen. Du siehst also, selbst wenn man wie ich in der Küche durchaus in der Lage ist zu überraschen, ist das noch längst keine Garantie für ewig andauernde Zweisamkeit (lacht).

"Ich bin ewig durch die Pubs getingelt ..."


Du warst auch über ein Jahr lang mit Amy Winehouse liiert, richtig?

Alex: Ja, das stimmt. Ihr Tod ist eine furchtbare Tragödie. Als ich davon erfuhr, hat es mir lange Zeit die Luft zum Atmen geraubt. Wir hatten eine wirklich schöne Zeit miteinander. Ich habe es geliebt, wenn wir während all des Trubels Zeit fanden, nur für uns da zu sein. Das waren tolle Momente. Manchmal saßen wir einfach nur beieinander und haben die Ruhe genossen. Dann gab es Augenblicke, wo sie mich zuhause mit ihrer Stimme und der Gitarre verzaubert hat.

Was neben deiner Beziehung zu Amy Winehouse ebenfalls viele Leute nicht wissen, ist, dass du bereits seit Ewigkeiten Musik machst. War die Zeit, in der du dich eher im Untergrund durchgeschlagen und das Business von der Pike auf erlernt hast, wichtig, um mit dem momentanen medialen Hype richtig umzugehen?

Alex: Absolut. Das war sogar immens wichtig. Ich denke, dass es generell einfacher ist mit einem derartigen Rummel fertig zu werden, wenn du nicht von heute auf morgen auf dem Schirm erscheinst, sondern schon eine Zeit lang die Möglichkeit hattest, dich mit den Gepflogenheiten des Business auseinanderzusetzen. Ich bin ewig durch die Pubs getingelt und war dankbar für jede Präsentationsmöglichkeit.

Das war nicht immer einfach. Aber es hilft ungemein, in der Phase, in der ich mich jetzt gerade befinde, auf dem Teppich zu bleiben. Allerdings muss ich auch dazu sagen, dass ich generell kein Mensch bin, der großen Wert auf oberflächlichen Ruhm und materielle Dinge legt. Das brauche ich alles nicht. Ich freue mich einfach nur, dass die Menschen da draußen meine Musik mögen.

Du hast eine abgeschlossene Ausbildung als Koch vorzuweisen. Hattest du während dieser Zeit Zweifel an deinen musikalischen Fähigkeiten, oder warum hast du die Ausbildung bis zum Ende durchgezogen, anstatt dich vollends auf deine Karriere als Musiker zu konzentrieren?

Alex: Das hatte weniger mit Zweifeln an meinem musikalischen Talent, als vielmehr mit eigenverantwortlichem Handeln zu tun. Natürlich hatte ich die Hoffnung, vielleicht irgendwann einmal von der Musik leben zu können. Aber wer auch nur einen Hauch von Realitätssinn besitzt, der weiß, dass kaum eine Branche auf wackligeren Füßen steht als das Musik-Business. Was heute in ist, kann übermorgen schon wieder Schnee von gestern sein. Das kann ganz schnell gehen.

Außerdem hast du keine Garantie auf späteren Erfolg, nur weil du vielleicht sieben Tage die Woche 24 Stunden an der Gitarre hängst. Mir war es einfach wichtig, ein richtiges Fundament aufzubauen, auch wenn der Job nicht immer das Gelbe vom Ei war (lacht). Als ich fertig war, hatte ich einfach ein gutes Gefühl, was auch irgendwie befreiend war, denn von da an konnte ich mich voll und ganz auf die Musik konzentrieren.

"Ich fand derbe Bässe einfach geiler"


Musik, die viele Experten und Kenner der Szene als hochgradig innovativ und erfrischend empfinden. Wann war dir klar, dass die Verbindung von Soul, tanzbaren Beats und tiefen Bässen genau das ist, was du machen willst?

Alex: Ich habe Dancehall, Reggae und Dubstep schon immer geliebt. Meine Geschwister standen eher auf rockiges Zeugs, aber ich fand derbe Bässe und hibbelige Sounds einfach geiler. Aber ich liebte auch den einfachen Blues, Jazz und natürlich Soul. Ich bin mit Stevie Wonder und Donny Hathaway aufgewachsen. Mein Vater hat auch viel Bebop gehört. All das hat mich sehr geprägt. Eine Melange zu bilden aus modernen Sounds und erdigen Klängen aus der Vergangenheit war schon immer mein Traum. Ich hatte am Anfang aber einfach nicht die Leute, die eine Verbindung zwischen allem herstellen konnten.

Die traten dann in Erscheinung in Gestalt der Herren Diplo und Switch.

Alex: Ja, das war wirklich ein Segen für mich. Ich meine, ich bin eher ein introvertierter, fast schon zurückhaltender Typ, der sich nicht immer gleich an alles ran traut, obwohl im Kopf schon klare Visionen und Ideen herumgeistern. Diese beiden Typen sind genau das Gegenteil. Sie sind offensiv und haben keinerlei Scheu davor, alles in einen Topf zu werfen. Ich war einfach nur platt, als ich gehört habe, was sie letztlich mit meinen Songs angestellt hatten. Diese Bässe und all die Synthie-Elemente in Einklang mit meiner Stimme zu bringen, war genau das, was ich mir vorgestellt hatte. Obwohl: Um ehrlich zu sein, hat mich das Ergebnis regelrecht umgehauen und meine Vorstellungen sogar noch übertroffen. Außerdem war es ein wunderbares Arbeiten mit den beiden. Es hat wirklich Spaß gemacht, und ich bin mit dem Ergebnis mehr als zufrieden.

Dass der Song "Too Close" für eine weltweite Webbrowser-Werbekampagne als musikalische Untermalung diente, brachte den ganzen Stein erst so richtig ins Rollen. Es gibt Leute, die einer derartigen Vermarktung eher kritisch gegenüber stehen. Ärgern dich solche Stimmen?

Alex: Nein, nicht wirklich. Für mich und meine Musik war es das Beste, was mir je hätte passieren können. Mit Hilfe des Clips wurden Millionen Menschen mit meiner Musik konfrontiert. Ich meine, was kann es für einen Künstler Schöneres geben? Es ist ja nicht so, dass ich meinen Song verkauft hätte. Er ist immer noch meiner. Ich habe ihn geschrieben. Außerdem geht es nicht um irgendeine zwielichtige Firma, sondern um ein Unternehmen, mit dessen Produkten selbst der Alltag von vielen all derer erleichtert wird, die jetzt auf die Barrikaden gehen.

Emeli Sandé, Michael Kiwanuka, Adele: Keiner von denen weiß so recht eine Antwort auf die Frage, warum Soul-lastige Musik dieser Tage so dermaßen durchstartet. Hast du eine Erklärung?

Alex: Nun, das ist wirklich schwer. Ich glaube, dass es die Emotionen und die Inhalte eines Soulsongs im Allgemeinen realitätsnäher sind, als vieles was im Moment sonst noch auf dem Markt ist. Vielleicht können sich die Leute dieser Tage eher mit echten Gefühlen und realen Themen identifizieren, als noch vor einigen Jahren. Ich weiß es, ehrlich gesagt, auch nicht genau. Aber ich denke, dass Soulmusik eine schnelle Verbindung zwischen Musiker und Konsument herstellen kann, denn es geht um Inhalte, die jeder vielleicht schon einmal selber erlebt hat.

Wie sieht es mit deiner Live-Präsenz in Zukunft aus? Ich habe gehört, dass du lange Zeit auf der Suche nach einer richtigen Band warst. Ist diese Suche mittlerweile abgeschlossen?

Alex: Ja, du hast recht. Das war alles nicht ganz so einfach, aber jetzt habe ich ein tolles Team um mich herum, das mich auf der Bühne unterstützen wird. Wir werden definitiv auch nach Deutschland kommen. Ich meine, "Too Close" ist bei euch die Nummer Eins in den Charts. Da wäre es mehr als fahrlässig, mich nicht blicken zu lassen (lacht). Wann das allerdings genau sein wird, kann ich leider noch nicht sagen. Aber wir arbeiten daran.

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