laut.de-Kritik

Maynard James Keenan singt wie ein trauriger Engel.

Review von

2018 wird das Jahr des Maynard James Keenan. Und dafür braucht es nicht einmal das Tool-Album. Auf "Eat The Elephant" präsentiert sich der Sänger in Höchstform und zeigt neue Facetten seines Stimmspektrums. Ebenso hat Hauptkomponist Billy Howerdel dem APC-Kosmos 15 Jahre nach "Thirteenth Step" einiges hinzuzufügen. Gemeinsam schreiben sie ein neues Kapitel der Bandgeschichte. Es ist zweifellos das bislang eleganteste – das Artwork einmal außen vor gelassen.

Das liegt im Falle Howerdels vor allem daran, dass er das Klavier als Instrument Nummer 1 entdeckt hat. Egal ob in "TalkTalk", dem zweiminütigen Interlude "DLB", dem ausgebauten Anfangsteil des 2013 erstmalig als "By And Down" im Rahmen der Compilation "Three Sixty" veröffentlichten und nun zu "By And Down The River" weiterentwickelten Song oder dem Titelstück "Eat The Elephant" – Klavier macht mehr Eindruck als Gitarre. Dadurch ergibt sich eine wesentlich ruhigere Klangkulisse als in der Vergangenheit.

Keenan passt sich dieser an und singt meist klar wie ein trauriger Engel – gerade, bevor sich in der zweiten Albumhälfte die Experimente häufen. In seiner Unaufdringlichkeit ähnelt der Vortrag Tool-Tracks wie "Reflection", da Howerdel mit seinen weniger verzahnten Instrumentals aber eine grundlegend andere Ausgangsposition anbietet, vereinnahmt Keenan ungleich mehr Fläche. Das gilt übrigens auch verglichen mit früheren A Perfect Circle-Alben, denn durch die zurückgenommen, manchmal sogar gänzlich fehlenden Gitarrenwände entzerren die Songs merklich.

A Perfect Circle definieren jedes Instrument klar in seiner Rolle. Um das Klavier im Zaum zu halten, das mit lang nachhallenden Tönen für geschmeidige, fließende Formen sorgt, nutzt Howerdel übersichtliche, aber prägnante Drumpatterns. Das Schlagzeug – übrigens nicht exklusiv vom aktuellen Line-Up-Trommler Jeff Friedl eingespielt, sondern u.a. auch von Matt Chamberlain (Tori Amos) – strukturiert die Stücke sehr klar.

Der Bass klinkt sich hier ein, entfaltet etwa in "Hourglass" schleppenden Groove. Keenan breitet sich auf dieser Basis aus wie der Oktopus im Artwork und saugt sich am Song fest – ein markanter Tempowechsel in "Disillusioned" funktioniert vor allem deshalb, weil er mit seinen sanften, aber irgendwie auch beunruhigenden Vocals die atmosphärische Brücke zum Hauptteil schlägt.

Mit der Gitarre akzentuiert Howerdel diesmal hauptsächlich. Im "Disillusioned"-Refrain pulsieren Showgaze-Flächen und unterstützen Keenans weichen Gesang, die Dynamik des fiesen "The Contrarian" zehrt enorm von anschwellenden Post-Rock-Tremolos. Für zusätzliche Tiefe addiert Howerdel zu den Kernbausteinen seiner Lieder variantenreich Streicher und Akustikgitarre ("Delicious"), Bläser und Glockenspiel ("The Doomed"), Harfe ("The Contrarian") und allerlei Synthesizer- und Keyboard-Backing. Depeche Mode klingen im düsteren "Hourglass" durch, wie Keenan seine Vocal-Effekte einsetzt, erinnert etwas an System Of A Downs "Old School Hollywood". Dank der hervorragenden Produktion Dave Sardys klingt "Eat The Elephant" in all seiner Vielschichtigkeit sehr ausgewogen.

Zwei Stücke fallen bei aller Abwechslung besonders auf – sowohl aus stilistischer Sicht als auch lyrischer: "So Long, And Thanks For All The Fish" und "Get The Lead Out". Ersterer ist musikalisch ein lupenreiner Popsong. Jedem der das nicht wahrhaben möchte, reibt Keenan zu Howerdels Dur-Komposition jubilierend solche Zeilen unter die Nase: "Bravissimo, hip-hip hooray / What a glorious display / Melt our joyous hearts away / Under the mushroom cloud confetti". Dabei triefen seine Lyrics vor Sarkasmus. Spätestens das beiläufige Namedropping verstorbener Persönlichkeiten ("Now Willie Wonka, Major Tom, Ali and Leia have moved on") offenbart die düstere Seite des Songs. Richtig trostlos wirds hiermit: "We wasted every second dime on politicians, fancy water and guns and plastic surgery".

So kryptisch Maynards Texte nach wie vor sein mögen, man muss kein Interpretationsgenie sein, um Gesellschafts- und Politikkritik herauszulesen. Was er mit "silicon obsession" in "Disillusioned" meint, veranschaulichten A Perfect Circle durch auf tragbare Bildschirme starrende Kellermenschen im zugehörigen Video.

Onkel Trump schaffts gar namentlich aufs Album: In Endlosschleife skandiert Keenan in "Get The Lead Out": "Chit chat, ain't got time for that / Not what The Donald got / No time to cuddle you". Über sechs Minuten lang strecken A Perfect Circle hier einen simplen, ereignislosen Loop, dessen Reiz im Mantra-Charakter des Textes liegt. Gut möglich, dass Keenan sich in einem seiner sadistischeren Momente, kurz nachdem er sich für die in der zweiten Songhälfte rezitierten Zeile entschieden hatte, sich dachte: "Von wegen keine Zeit – ich zwinge euch, euch Zeit zu nehmen!" Und so wartet man beim ersten Hören und wartet und wartet, dass etwas passiert. Dann beginnt der Fade-Out ... und zieht sich noch einmal über eine geschlagene Minute.

A Perfect Circle schließen mit diesem "Abspannsong" den Kreis zum ebenfalls zunächst etwas langatmig anmutenden Opener. In der Albumdramaturgie ergibt das absolut Sinn, steigert die Band doch anfangs langsam bis zum wuchtigen "The Doomed", erreicht in "TalkTalk" nach kurzem Antäuschen den aggressiven Höhepunkt (mit grandiosen Catchphrases!), bevor sie in der zweiten Hälfte etwas freier agiert und mit tiefmelancholischen "Feathers" wieder zurückfährt. Lasst die Platte zweimal nebenher laufen, macht euch mit Melodien und Abläufen vertraut. Dann hört auf Maynard und "just go all in". Es wird heuer kaum etwas Eindringlicheres zu hören geben als "Eat The Elephant".

Trackliste

  1. 1. Eat The Elephant
  2. 2. Disillusioned
  3. 3. The Contrarian
  4. 4. The Doomed
  5. 5. So Long, And Thanks For All The Fish
  6. 6. TalkTalk
  7. 7. By And Down The River
  8. 8. Delicious
  9. 9. DLB
  10. 10. Hourglass
  11. 11. Feathers
  12. 12. Get The Lead Out

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35 Kommentare mit 76 Antworten

  • Vor 4 Monaten

    Mir ist mit dem Album Folgendes passiert: "Eat the Elephant" in den Mediaplayer gezogen (zusammen mit zwei anderen Alben, die Nacht wird lang), auf Play geklickt. Los geht's.

    Erster Song okay. Der zweite gefällt mir besser, Howerdels Gitarre mag ich wie immer, gibt dem Ganzen mehr Druck. Der dritte Song reißt es wirklich. Anders als sonst, aber das war ja angekündigt. Heavier als erwartet, aber doch um einiges besser als die ersten beiden.

    Dann gucke ich auf den Player für den Songtitel und stelle fest, dass der Player auf Random Play gestellt ist und gerade ein Song vom aktuellen Monolithe-Album läuft. Witzigerweise beginnt der auch mit Piano-Klängen. Aber ehrlich: Die Intensität lässt sich überhaupt nicht vergleichen.

    Nun höre ich zwar gerne heavy Musik, aber von Haus aus bin ich Jazzer, das heißt, es liegt nicht an den sanften Klängen, dass mir etwas fehlt. Aber "Eat the Elephant" hat eine Tendenz zum Plätschern. Manchmal plätschert es laut und knallig, aber Intensität will sich bei mir nur begrenzt einstellen.

    Ach ja, Intensität. Cecil Taylor ist gestorben.

    • Vor 4 Monaten

      Dieser Kommentar wurde vor 4 Monaten durch den Autor entfernt.

    • Vor 4 Monaten

      Zu Cecil Taylor mal ein sehr guter Guide:

      http://www.freejazzblog.org/2018/04/to-cec…

      http://www.freejazzblog.org/2018/04/to-cec…

      http://www.freejazzblog.org/2018/04/to-cec…

      Kenn aber bisher nur die "Unit Structures" vollständig. Die Sachen mit Tony Oxley reizen mich aber. Weiß gar nicht, ob ich die Cecil Taylor, Bill Dixon & Tony Oxley mal gehört habe und wenn ja, dann muss es schon so einige Jahre her sein. Wäre für mich also an der Zeit, sich noch etwas mit Cecil Taylor genauer auseinanderzusetzen.

    • Vor 4 Monaten

      jepp, das plätschert. genau das finde ich so schön an der platte. dieses "n büschen prog goes total gen postrock-gewaber, melancholie und melodischem rock"-ding.

      auf der bubblegum-ebene hält der ansatz für mich all das, was zb steven wilson mit seinem ebebnfalls eingängigeren ansatz letztes jahr nur so halb gelungen hinbekam.

    • Vor 4 Monaten

      "nur so halb gelungen hinbekam"

      Wollte er nicht oder konnte er nicht? Stell ich beide Platten nebeneinander und höre sie mir einfach nur an, sind sie beide äusserst stark. Bei Wilson ist die "Hand Cannot Erase" etwas stärker, klar. Beim Circle ist "Mer De Noms" einen Ticken besser. Das ist aber echt jammern auf extrem hohen Niveau. ;)

      Wirklich überrasch hat mich der Gesang von Maynard, wusste bis dato nicht das der so eine gute Stimme hat.

    • Vor 4 Monaten

      "Wirklich überrasch hat mich der Gesang von Maynard, wusste bis dato nicht das der so eine gute Stimme hat."

      ???
      Wut? Wie kann man das denn "jetzt erst" merken? Oder machst du dich jetzt erst mit der Materie vertraut?

    • Vor 4 Monaten

      Nö Gleep, Tool höre ich seit 96 und auf sämtlichen Scheiben, auch bei den Sideprojekten verzehrt er seine Stimme oft. Dazu kommt noch das die Bands die mit Maynard zusammen spielen, im allgemeinen alle nicht zu den ruhigen Genossen gehören. Das er singen kann, beweist schon das ansingen gegen diese Lautstärke. Das meinte ich nicht.

      Hier auf der "Elephant" werden die Instrumentalen Parts zurück gefahren, hier mal ein Piano, dort mal ein feines gezupfe auf der nach wie vor geilen Gitarre. Ja und die Bubblegum (danke Anwalt) Athmo die das Album atmet hat nach meiner Ansicht hauptsächlich mit der coolen/catchy Rhytmusabteilung zu tun.

      Auf der "Eat The Elephant" singt er viele Passagen, wie der Autor es beschrieb, schön wie ein trauriger Engel. Engelsstimmen sind im allgemeinen glasklar, richtig? Und solltest du tatsächlich mal eine hören, dann frage den Engel nach dem Namen, lach. :)

    • Vor 4 Monaten

      Dieser Kommentar wurde vor 4 Monaten durch den Autor entfernt.

    • Vor 4 Monaten

      So schnell möchte ich auch nicht die Engel singen hören, aber seine Stimme steht auf dem Album etwas klarer im Fokus als bei Tool. Ändert nichts daran, dass mir viele Songs auf der Platte zu sehr plätschern. Höre ich mal bei passender Atmo. Momentan bin ich eh wieder vermehrt auf dem Jazz- und Elektronik-/Ambient-Techno-Trip. Gitarren, geht mir weg. :ill:. Die neue Gazpacho mag ich gerade dennoch ziemlich gerne.

  • Vor 4 Monaten

    Dieser Kommentar wurde vor 4 Monaten durch den Autor entfernt.

  • Vor 3 Monaten

    Schön war's gestern in Lëtzebuerg.

    Alle im Vorfeld kolportierten Gerüchte zu Maynards Vorliebe des Venues in Esch haben sich letztlich bewahrheitet, der man himself - erneut im jetzt schon berüchtigten blauen Anzug - wartete im Laufe der Show mit einer authentischen Zuneigungsbekundung zu Veranstaltungsport und Publikum auf, was die Band mit merklich ausgelassener Spielfreude zu bekräftigen wusste. Der Sound war bombastisch und hat das Konzert mühelos in meine Top 5-Liveerlebnisse gehievt.

    Die Songs von Eat the Elephant entfalteten live eine erdige Wucht, die ich auf dem Album weiterhin schmerzlich vermisse. In Bezug auf die älteren Sachen hat mich der aktuelle Drummer sehr begeistert, empfand ich Josh Freese bis dato doch als herbsten Verlust für APC, welchen der Mann diverser Billy- und Maynard-Seitenprojekte jedoch unaufdringlich zu kompensieren wusste. Überhaupt wirkte die aktuelle Besetzung absolut top aufeinander eingespielt und tief in der Materie. Außerdem keine Spur von den gesanglichen Unsicherheiten Maynards, die hier in Form von Diskussionen in den letzten Wochen durch diverse Handyvideos angefeuert wurden. Gut, ganz zum Schluss klang er bei "The Package" mMn schon ein wenig heiser, entsprechend gab's auch keine großartigen Sperenzchen und nach gut 95 Minuten war Schluss.

    Zwei Kritikpunkte hab ich, einerseits bin ich genervt, dass APC auch so gnadenlos auf den "Signed Merchandise"-Zug aufgesprungen sind und bspw. für die Unterschrift Maynards in seinem eigenen Buch gleich mal 70 Tacken aufgeschlagen werden, aber eine große Zahl Fans will's ja scheinbar so...

    Zweiter Punkt: Didn't play "Judith", the pretentious self-righteous fucks!