laut.de-Kritik

Hamburgs Backstreet Boys sind back. Alright?

Review von

Bonez' neuer Stil hat abgefärbt: schnelle Hi-Hats, enge Beats, diese ganz bestimmte Stimmlage, all das kennt man spätestens seit "Hollywood". Aber Bonez MC ist Teil eines größeren Ganzen, und dieses große Ganze hat gerade seinen fünften Sampler veröffentlicht. Der steht mal wieder auf Platz eins der deutschen Charts. Gzuz, LX, Sa4, Bonez MC und Maxwell, alle komplett in Schwarz. Schon das offenbar von "Millennium" inspirierte Cover macht klar: Hamburgs Backstreet Boys sind back. Alright?

Ungewöhnlich: kein Intro. Stattdessen begrüßt "Täter Intensiv", ein eher durchschnittlicher Track mit einem Feature des Rappers Temsa7. Seltsamer Move, denn der ist bis dato noch völlig unbekannt. Ob seine Karriere wohl hier ihren Anfang nimmt oder man nie wieder etwas von ihm hören wird? Time will tell.

Dass ein 187-Sampler thematisch nicht viel Neues zu bieten hat, ist keine große Überraschung. St. Pauli wird wieder im Mercedes durchquert, weißer Staub, käufliche Liebe, illegale Schusswaffen. Besonders Sa4s ewiger Film "Das LKA hört mich ab, weil ich Gift verkaufe und ich habe immer einen Schraubenzieher griffbereit" bleibt unverändert und unverbesserlich, besonders deutlich wird das auf "Grossstadtdschungel".

Manches ändert sich aber doch: Ausufernde Film-Samples wie bisher sucht man auf "Sampler 5" vergeblich. Statt Dialogschnipseln aus "Friday" oder "Alpha Dog" hat die Stimme der 2017 verstorbenen Kiez-Legende "Inkasso-Henry" ("Zwei Minuten, meine Damen, weil ich bin ein bisschen bekannter hier als ihr…") in gleich mehrere Tracks Einzug gehalten.

In Sachen Sound wurde wieder ein Hybrid geschaffen: Der abgehackt-synthige Beat der Plastikknarren-Hymne "GNRFT" (feat. Big Toe/Fatal) bekommt neben Trap-Elementen auch die berühmte West-Coast-Whine mit auf den Weg. Dr. Dres fortwährender Einfluss auf den internationalen Hip Hop ist hier auf mehreren Tracks deutlich zu spüren. Auch Samples von 90er-Ikonen, wie sie auf neueren Solo-Alben der Jungs zunehmend zum Einsatz kamen, dürfen jetzt auch auf dem Sampler nicht mehr fehlen: Biggie, Nas, Mobb Deep, LL Cool J und Big Pun sind nur einige der Künstler, die hier gegen Ende der Tracks eingescratcht werden. Ein wenig überkompensatorisch, denn allgemein vermisst man bei den meisten Beats trotzdem die Oldschool-Atmosphäre, die den Sound bisheriger Sampler stark geprägt hat. Da fragt man sich: Was ist anders?

Nun ja, Jambeatz fehlt. Zwar hat der Hausproduzent der Strassenbande neben einer Reihe anderer Producer auch hier an Liedern mitgewirkt, aber für die Leitung der Album-Produktion waren diesmal The Cratez und DeeVoe verantwortlich – eine offensichtliche Annäherung an den neuen Solo-Sound einzelner Mitglieder. Auch der "Palmen Aus Plastik"-typische Dancehall-Vibe hat es auf das Album geschafft, "High" etwa lässt einen unterbewusst nach RAF Camora Ausschau halten.

Die herkömmliche, ganz eigene Sampler-Ästhetik kommt aber schlussendlich trotzdem nicht zu kurz: Düstere, hallende Beats, Lo-Fi-EQs, unheilvolle Glocken und verzerrte 808s bestimmen weiterhin die klangliche Atmosphäre der Sampler-Reihe maßgeblich mit. Alle 187er liefern auf dem Album starke Parts ab. Im Falle von "Keine Liebe" zum Beispiel glänzt LX sogar mit einer so fortgeschrittenen Technik, dass sie einen ganzen Track trotz fantasieloser Hook zu einem guten machen kann.

Die Singleauskopplung von "Verpennt" erweist sich als eine gute Entscheidung: Westküsten-Beat und das berühmte "Booyakasha"-Sample aus dem KRS-One-Track "Mad Crew", das auch Dr. Dre auf "Keep Their Heads Ringin" verwendete. Der Track setzt trotz entspanntem Lowrider- und Palmen-Sound ein energisches Statement.

Aber auch andere Lieder verdienen durchaus Beachtung. "Nauti" etwa ist ein ziemliches Brett. Offenbar benannt nach Gzuz' sündhaft teurer Patek Philippe Nautilus, beinhaltet der Track einen Part von Sa4 mit einem Flow, der seinesgleichen sucht: "Ich komme rein, Woddi auf Eis / Rolle den Schein, Hollywood-Life / Taşpurer Stein, verdoppel den Preis / Und liefer Pakete wie Amazon Prime / Betäubte Sinne auf zwei Promille / Im Hotelzimmer, sie ballert 'ne Pille / Verbrenne das Indica, plätte die Minibar / Teufel im Ohr und ich hör seine Stimme"

Wenn man nach Bonez' Insta-Story geht, dürfte das am meisten promotete Lied des Albums "Extasy" sein – kein Wunder angesichts des Frauenarzt-Features. Von diesem Track kann man zwar halten, was man will, aber ob er diesen Hype wert war? Nun gut.

Gegen Ende überrascht "Sampler 5" noch einmal: "Hotel" zelebriert eine Art moderneren und kriminelleren Keith Richards-haften Absteige-Hedonismus, vor dem keine Luxus-Adresse sicher ist: Wird schon wieder hell, doch wir tanzen im Hotel. Maxwell beginnt mit einem stabilen Part den letzten Track des Albums: "Alles Nach Plan" ist eins der obligatorischen Schau-wie-weit-wir-es-gebracht-haben-Lieder, die auf keinem Album fehlen. Nostalgie und ein Dancehall-Beat, keine Kompromisse.

Insgesamt hat "Sampler 5" auch seine Schwächen. Ein paar leicht einfallslose Hooks und zeitweise eintöniger Sound machen aber noch kein schlechtes Album. Was kann man sagen? 187 ist angekommen. Mit dem beispiellosen Erfolg, den sie in den letzten Jahren erfahren haben, kommen bei den Künstlern auch zwangsweise neue Perspektiven hinzu:

Die Zeiten sommerlich-unbeschwerter Lebensfreude-Tracks wie "Freitag" sind langsam vorbei. Alle Mitglieder sind schon lange Superstars, haben mehr Geld als sie ausgeben können, jetten trotz Pandemie in den Libanon und nach Mexiko. Auch sie können nicht wissen, was die Zukunft bringt. Zumindest die meisten von ihnen: Gzuz, der auf dem Album ein wenig pathetisch versucht, seine Vergehen zu relativieren, muss bald erst einmal wieder wegen verschiedener Delikte für anderthalb Jahre in den Knast. Alles beim Alten, also.

Trackliste

  1. 1. Täter Intensiv
  2. 2. Paradies - Sampler Version
  3. 3. GNRFT
  4. 4. So Muss Sein!
  5. 5. Ganxta Im CD Regal
  6. 6. Verpennt
  7. 7. High
  8. 8. Keine Liebe
  9. 9. Nauti
  10. 10. Keiner Kann Mich Ficken!
  11. 11. Extasy
  12. 12. Kopfschuss
  13. 13. Grossstadtdschungel
  14. 14. Hotel
  15. 15. Alles Nach Plan

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7 Kommentare mit 13 Antworten

  • Vor 3 Monaten

    Im Hause Sodhahn wird da die Mette heavy rotieren, ma sagen.

    1/5 für diese Husos.

    • Vor 3 Monaten

      Naw, Album ist absoluter schrott. Mich wundert die gute Bewertung hier...hätte gedacht das auf sonn Kram langsam keiner mehr Bock hat

    • Vor 3 Monaten

      Ist halt super real, da kümmert es nicht wenn es komplett wack ist. Da es im Text fast nur um die Beats und Samples geht und man zum lyrischen Output nur sagt das inhaltlich der gleiche Bullshit wie sonst auch vorherrscht frage ich mich wer die Zielgruppe für diesen Unsinn sein soll. Vielleicht dann doch lieber die gesampleten Originale hören anstatt zweckgereimte Fremdschämscheisse über Drogenkonsum/Verkauf, Waffen und anderen heftigen Straßenshit.

    • Vor 3 Monaten

      Zielgruppe? Vor der Pandemie sah ich 187 merch hauptsächlich bei älteren Grundschülern. Aber auch Redakteure von laut.de scheinen ja hart zu persern

    • Vor 3 Monaten

      Die Zielgruppe für solchen Bullshit seh' ich jeden Tag auf der Straße bei Realschule und Gymnasium. Man hadert mit der Schule und sehnt sich mit so nem Langweilerscheiss ins Paralleluniversum. Die Insta-Deppen träumen auch von Maybach und vor allem darin Selfies zu machen.

    • Vor 3 Monaten

      Deren Popularität nimmt ja zum Glück konstant ab, hoffentlich dann bald 187 Gulagbande.

    • Vor 3 Monaten

      Tooli, Sodi und Ochsi wieder mit richtig feigem Anonymshit. Würdet ihr sowas den 187ern auch in ner Mail schreiben und dabei eure Klarnamen und Adressen angeben?

    • Vor 3 Monaten

      Thema und Vorwurf der Anonymität ist überover. Jeder Mensch muss das Recht haben seine Meinung kundzutun, ohne sich im RL angreifbar zu machen. Das man dabei die Netiquette einhält, versteht sich von selbst.

      Zum Thema: 187 überover. Am Anfang fand ich da noch ein paar Sachen (mit Jambeatz) gut, aber das hat sich unfassbar abgenutzt mittlerweile.

    • Vor 3 Monaten

      Gut, die Zielgruppe sind halt Kinder, also genauso wenig ernstzunehmen wie die Musik selbst.

    • Vor 3 Monaten

      "Das man dabei die Netiquette einhält, versteht sich von selbst."

      1. Dass, mit 2 s.
      2. Du bist so ein lustiger Gnom. :D

    • Vor 3 Monaten

      Danke für Hinweis. Ja, Du unterhältst mich auch zuweilen, lieber Ochsi. :D

    • Vor 3 Monaten

      im jahr des ochsen ist jeder tag ein festtag ^^

    • Vor 3 Monaten

      ...."deren Popularität nimmt ja zum Glück konstant ab"...., lange nicht so gelacht, wovon diese Neider hier seit Jahren träumen......(Spotify: Bonez MC 4,45 Mio Hörer, mehr zertifizierte Verkäufe als Capital Bra und somit erfolgreichster deutscher Hiphop-Künstler......aller Zeiten....

    • Vor 3 Monaten

      Dir ist aber schon bewusst, dass das keine Widerlegung der "Abnehmende Popularität"-These darstellt, ja?

  • Vor 3 Monaten

    Trotzdem noch 3/5 Punkten? Was habt ihr denn da wieder geraucht? In einem Absatz wird eigentlich auch das Hauptproblem des Sampler 5 erwähnt: Die guten alten Jambeatz Bretter, welche immer produktionstechnisch Highlights auf jedem 187 Release waren wurden hier durch seelenlose, austauschbare, glattpolierte und einfach langweilige Beats von the Cratez und Deevoe ersetzt. Jeder Song von Jambeatz ist besser als alles, was die hier veranstalten. Im Vergleich zu den alten Samplern ist das echt ein schlechter Scherz. Dazu wirken die melodischen Bonez-Hooks im Hollywood-Style mit jedem Mal redundanter. Aber das passiert eben, wenn man anstatt im Studio bei Jam innerhalb von wenigen Tagen in Mexiko ein paar schnelle Tracks neben der Party aufnimmt.
    Von mir höchstens 2 Punkte für diese maßlose Enttäuschung.

  • Vor 3 Monaten

    Gut geschriebene Rezension, die sich tatsächlich fachkundig mit der Musik und der Performance der Strassenbande auseinandersetzt und sich nicht darin verliert, wo es geht den Zeigefinger zu erheben und die eigene moralische Überlegenheit zur Schau zu stellen. Props dafür, Herr Klein!

    Die Wertung passt meines Erachtens im Vergleich zu anderen Deutschrap-Releases auch. Man kann den Sampler durchaus ein paarmal nebenher durchhören und einzelne Nummer taugen auch für die Playlist ("Paradies", "Verpennt"). Etwas getrübt wird der Gesamteindruck für mich aber dadurch, dass ich mir Bonez' Singsang und seine verstellte Stimme seit Jahren nicht mehr geben kann, und Maxwell für mich deutlich abfällt. Rappen ist echt nicht sein Ding.

    Bin auch gespannt, wie lange es bei denen noch so gut läuft. Handwerklich habe ich nicht viel zu bemängeln, aber spannend ist das nicht mehr. Könnte mir vorstellen, dass das eine Zäsur ist, aber mal sehen.

  • Vor 3 Monaten

    Ohne Bonez Gejaule wäre es hörbarer. 3/5 ok.

  • Vor 3 Monaten

    habe mir den part von toeski gambino sehr gut anhören können und den rest gekonnt wegignoriert.

    edit: stimmt nicht frauenarzts part "das geht von 030 bis 187" oder so ähnlich hat sich auch bei mir eingebrannt. fand ich auch ulkig weil bestimmt die hälfte aller 187az nach wie vor glaubt es handle sich bei der zahl um eine hamburgkorrelation