laut.de-Kritik

Dieser Frau gehört die Zukunft!

Review von

Den Weg vom schlecht verhohlenen Geheimtipp zur Hoffnungsträgerin für das neue Jahrzehnt geht sie allein. Nachdem 070 Shake in den letzten Jahren als Künstlerin in einem Kollektiv auftrat, dessen Mitmusikern sie um Längen voraus war, nachdem sie im Frühjahr vor zwei Jahren für beeindruckende Momente auf den Alben ihrer renommierten Labelkollegen gesorgt hat, will sie für ihr Debütalbum nur ein Minimum an Schützenhilfe in Anspruch nehmen.

Auf "Modus Vivendi" bekommen weder Pusha T, noch Nas Gelegenheit, sich bei 070 Shake zu revanchieren. Und selbst Good Music Mastermind Kanye West bleibt gänzlich von der Produktion des Albums ausgeschlossen. Die verantworten zu großen Teilen die Hip Hop-Produzenteninstanz Mike Dean und Dave Hamelin, ehemals Mitglied der Indiegruppe The Stills und sorgen nicht nur für einen zusammenhängenden, langsam fließenden Sound.

Sie graben für ihre Inspirationsquellen ähnlich tief in der Obskuritätenkiste wie Kanye selbst. Das bemerkenswerteste Beispiel dürfte zweifellos ein Sample des japanischen Elektronikers Isao Tomita auf "Rocketship" sein, der wiederum ein Stück aus Claude Debussys "Children's Corner" aufgreift. Die Wahl der Produzenten zeugt jedoch auch vom gewachsenen Selbstbewusstsein von 070 Shake. Knapp vier Jahre nach ihrem Signing bei Good Music will sie nicht mehr nur das Kanye-Protegé sein, das auf "Ghost Town" und anderen Songs so brillierte.

Und weil sie gerade schon dabei ist, befreit sie sich gleich nochmal von feststehenden Genregrenzen. Ich habe ihr nach den letzten Singles durchaus zugetraut, dass sie im Emo-Rap in der Lage ist, die Lücke zu schließen die Triple X und Lil Peep tragischerweise hinterlassen haben. Auf "Modus Vivendi" aber bewegt sie sich mit spielerischer Leichtigkeit durch verschiedene Stilrichtungen. Songs wie "Terminal B" bewegen sich noch weitgehend in den stilistischen Erwartungen des Subgenres, die R'n'B-lastigen "Morrow" und insbesondere das drogeninduzierte "Under The Moon" erinnern hingegen deutlich an The Weeknds frühes Meisterwerk "House Of Balloons". Die große Pose von "Guilty Conscience" im Refrain ist schon Poppathos und ziemlich nah an der Perfektion.

Bei diesen Stilwechseln hilft der Künstlerin ihre so markante wie wandelbare Stimme. Da verzeiht man Shake auch, dass "Modus Vivendi" thematisch lediglich um den eigenen Bauchnabel kreist. Durchaus geschickt erzeugt sie dabei die Atmosphäre der frühen Morgenstunden, in der sie ihre Geschichten von Beziehungen, Unsicherheit, Selbstzerstörung, Drogen und Eifersucht ansiedelt. Im besten Fall endet das in intimen Momenten und spannenden sprachlichen Motiven, wenn Shake etwa einmal mehr den Mond als zentrales Motiv bemüht, um den Anblick ihrer Partnerin nach einem nächtlichen Streit zu beschreiben: "You look like the moon in the morning: jaded, faded, almost gone".

Zugute halten muss man 070 Shake auch, dass ihre oft sehr emotionalen Songs niemals ins Fatalistische abdriften, der Musik hingegen bei der Schwere der Texte immer auch etwas Hoffnungsvolles anhängt. Auch wenn ihr thematisch bei allem augenscheinlichen Talent teilweise noch etwas die Differenzierung abgeht, ist der Künstlerin mit "Modus Vivendi" ein bemerkenswertes Debüt gelungen. Vor allem ist es eines, dass sich als Versprechen für die Zukunft lesen lässt. So selbstsicher und zielbewusst 070 Shake auch auftritt, man hat eigentlich nie das Gefühl, für sie sei das Ende der Fahnenstange schon erreicht. Dieser Frau gehört die Zukunft!

Trackliste

  1. 1. Don't Break The Silence
  2. 2. Come Around
  3. 3. Morrow
  4. 4. It's Forever
  5. 5. Rocketship
  6. 6. Divorce
  7. 7. The Pines
  8. 8. Guilty Conscience
  9. 9. Microdosing
  10. 10. Nice To Have
  11. 11. Under The Moon
  12. 12. Daydreamin
  13. 13. Terminal B
  14. 14. Flight 319

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LAUT.DE-PORTRÄT 070 Shake

Es ist eine Stimme, die definitiv im Gedächtnis bleibt: Dunkel, kraftvoll und im ersten Moment nicht klar als weiblich oder männlich zu verorten. Zusammen …

8 Kommentare mit 20 Antworten

  • Vor 9 Monaten

    Leider nicht drauf: Fish on Land (feat. Lana del Ray)...
    https://www.youtube.com/watch?v=HrO-NpCWU4k

    Hammer Song; aber leider nur bei YT verfügbar.

  • Vor 9 Monaten

    Also ab und an mag es songdienlich sein, akzeptiert.
    Aber wie kann man eine „markante und wandelbare Stimme“ lobend erwähnen wenn WIRKLICH JEDER SONG von Autotune beherrscht wird!?
    Das regt mich wirklich auf, denn ohne dieses Ärgerniss wäre die Platte noch besser als dass FKA Twigs Ding gewesen.
    Schade 4/5 wäre voll klar gegangen aber ich ziehe 2 Autotunestrafpunkte ab.

    • Vor 9 Monaten

      Dieser Kommentar wurde vor 9 Monaten durch den Autor entfernt.

    • Vor 9 Monaten

      Gibst du dir eigentlich inzwischen Mühe wirklich jedes das/dass falsch zu schreiben?

    • Vor 9 Monaten

      Dieser Kommentar wurde entfernt.

    • Vor 9 Monaten

      Wenn es da einen kausalen Zusammenhang geben würde, würde ich ja auch so schlecht schreiben wie er, was ich nicht tue. Also halt Dein Maul und lösch Dich endlich, du braundumpfer Dummkopf!

    • Vor 9 Monaten

      Lieber eine dass/das Schwäche als AfD Kevins unter seinen Kommentaren

    • Vor 9 Monaten

      Dieser Kommentar wurde vor 9 Monaten durch den Autor entfernt.

    • Vor 9 Monaten

      Dieser Kommentar wurde entfernt.

    • Vor 9 Monaten

      Glaubst du, dass ich dich weniger für einen Fake halte, wenn Du solche Postings absonderst?

    • Vor 9 Monaten

      Linksfaschismus ist wirklich so ein Unwort

    • Vor 9 Monaten

      Naja, wenn man die ursprüngliche Bedeutung heranzieht, bezeichnet er mich damit ja nur als Mitglied der linksgrünen Meinungsdiktatur. ;)

      Wie gesagt: alecxander ist mMn einfach auch nur ein langweiliger Nazifake. Und wenn nicht, dann ist er einfach ein braundumpfer "Das wird man wohl noch sagen dürfen..." Nazitrottel. :)

    • Vor 9 Monaten

      Trotzdem steht der Faschismus Begriff der Faschismus-theorie doch "linken" idealen völlig entgegen. Weswegen natürlich deine These im zweiten Abschnitt über den Hohlkopf damit untermauert wird. Klassisches neurechtes Internet-Sprech.

    • Vor 9 Monaten

      Ja, er kann ja allgemein nur mit solchen Un-Begriffen um sich werfen, deshalb glaube ich auch, dass er ein Fake ist. Wobei ich da vllt ein bisschen naiv bin und es einfach WIRKLICH so viele saudumme Menschen gibt. :(

    • Vor 9 Monaten

      Dieser Kommentar wurde entfernt.

    • Vor 9 Monaten

      "Nazikeule" ist so ein AfD-germanAltRight-Kampfbegriff. Wenn du das politisch linke Spektrum faschistisch nennst, dann brauchst du dich einerseits nicht wundern, wenn Menschen, die sich generell eher undifferenziert und polemusch äußern dich als Nazi bezeichnen. Dahinter steckt dann nämlich mehr als ein Funken Wahrheit. "Linke" als faschistisch labeln machen nämlich in der Regel diejenigen, denen selbst (meist nicht zu Unrecht) Tendenzen zum Faschismus unterstellt werden. Neoliberale (FDP und nahestehende zb) machen sowas nicht, obwohl die "Linken" quasi ihre natürlichen Feinde sind. Christlich-konservative machen das auch nicht. Solche Vorwürfe kommen fast ausschließlich von AfD, NPD, Republikaner und nahestehenden. Im Grunde ist es nur ein dem frühkundlichen "Selber!" ähneldes Diskursverhalten derjenigen, die das Feindbild der Antifa sind. Und auch wenn "Nazis" da der falsche Begriff ist, geht er inhaltlich in die richtige Richtung. Nach "Rechts".

    • Vor 9 Monaten

      @Topic: Ja. Autotune ist das Uncanny Valley der Musik, und wirklich nur von Künstlern zu verwenden, die nicht den Hauch von Talent haben. Jeder Ingo von der Tanke kann innerhalb von zwei Stunden einen trappigen Beat zusammenklicken, ein paar schlechte Takes ein"singen", Autotune drüber, und fertig ist der Megahit.

    • Vor 9 Monaten

      Dass ist ja gerade das Problem, dieses Album wäre richtig gut würde die Alte nicht ständig Autotune missbrauchen. Für 1-3 Songs könnte ich das tolerieren, bei Trettman zb stört es mich gar nicht! Hier allerdings gewaltig, schade.

    • Vor 9 Monaten

      Ist eben dieser eigenartige Zugzwang, unter dem Popmusik steht, seit die nostalgische Geschmacksverirrung namens Autotune dafür gesorgt hat, daß es kein Talent mehr braucht. Wie z.B. bei Rosalia kriegen es jetzt auch Künstler ab, die gut performen können.

      Trettmann ist mein persönliches Haßobjekt für scheußliches Autotune.

    • Vor 9 Monaten

      Tatsächlich ist im gegebenen Kontext der Terminus "faschistoid" klar vorzuziehen.
      Nicht, daß das die capslockigen Schwafelorgien des lokalen Erklärbären reduzieren würde.

  • Vor 9 Monaten

    "Dieser Frau gehört die Zukunft!"

    Na denn, ich weine um die Zukunft der Musik.