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Tokio Hotel
Zimmer 483


LAUT.STÄRKE

REVIEW VON

Was muss das für eine Zeit gewesen sein für Tokio Hotel: 2005 aus dem Nichts aufgetaucht und quasi über Nacht zum Traum schlafloser Teeniemädchen in ganz Deutschland mutiert. Ein lange nicht mehr dagewesener Rummel setzte ein, der bei den vier Jungs seine Spuren hinterlassen haben muss. Nach den Erfolgssingles "Durch Den Monsun" und "Schrei" sowie dem gleichnamigen Album folgt nun Teil Zwei, und mit Sicherheit wird auch "Zimmer 483" für Massenhysterie sorgen, mittlerweile verkaufen TH sogar große Hallen in Frankreich aus.

Doch wie sieht, das "Teenie-Phänomen" Tokio Hotel mal beiseite gelegt, der musikalische Output aus? "Übers Ende Der Welt", die erste Single von "Zimmer 483", eröffnet die Platte als gefällige Uptemponummer. Von Anfang an zelebrieren Tokio Hotel das, was sie auch schon auf "Schrei" ausgezeichnet hat: Musikalische Harmlosig-, ja Belanglosigkeit. Das Ende der Welt stelle ich mir etwas bedrückender vor, aber gut, ich lasse den Jungs ihren jugendlichen Positivismus.

In "Totgeliebt", einer Powerballade über das Ende einer Beziehung, fehlt mir echte Verzweiflung. Bill legt zwar immer ein Quäntchen Emotion in seine Stimme, aber da muss doch noch mehr gehen! Textlich leicht peinlich wird es in "Spring Nicht", wenn der Sänger mit der neu zugelegten Riesenmähne "Dich" auf "Stich", "Nich(t)" und "Mich" reimt. Ob man so jemanden vom Selbstmord abhalten kann? Und wieder: Wo bleibt hier echte Verzweiflung?

Gut, Bill zieht immerhin sein Ding durch. Seine Stimme ist mittlerweile ein Trademark, sein leicht nöliger Gesang passt irgendwie zum Weichspüler-Protorock von Tokio Hotel. Auch wenn der Refrain an pubertärem Pathos kaum zu überbieten ist, muss man hier eine gewisse Catchiness attestieren. Das kurze Intro von "Wo Sind Eure Hände" wirkt geradezu spritzig und kraftvoll, den beteiligten Musikern kann man überhaupt keinen Vorwurf machen. Tokio Hotel sind technisch vollkommen in Ordnung. Nur schade, dass der Rocksound dem Pop weicht, sobald der Gesang einsetzt.

Daran krankt die Band ein wenig: Sie weiß scheinbar nicht genau, wo sie hin soll. Eher in Richtung Rock? Oder doch eher hin zum Pop? Nicht, dass man sich entscheiden müsste, aber man merkt der Musik an, dass sie zwischen den Stühlen sitzt. Was heraus kommt ist oft hörbar, aber weder Fisch noch Fleisch. Auch "Stich Ins Glück", wohl ein Song über Drogenmissbrauch mit halbwegs intelligentem Text, dem es leider an einer gescheiten Darbietung mangelt, soll eine gewisse Düsternis transportieren, wie so viele Songs auf "Zimmer 483". Doch das funktioniert nur bedingt.

Doch dann das Riff zu Beginn von "Ich Brech Aus": Yeah! Rock'n'Roll! Jetzt gehts los! Tokio Hotel mit Gastsänger Lemmy! Nein, es ist wieder Bill. So langsam drängt sich mir der Verdacht auf, dass Bills Unwillen oder Unfähigkeit, mal so richtig loszubrüllen, einer deutlich rockigeren Ausrichtung der Combo im Weg stehen. "Reden" behandelt das Leben der Popstars im Hotel und vielleicht auch, einigermaßen subtil, die Problematik des Groupietums, über das Bill sich ja auch schon in Interviews ausgelassen hat. Hier bekommt das Album seinen Titel, und auch hier stelle ich fest: die Texte sind nicht unintelligent, doch irgendwas bleibt beim Vortrag auf der Strecke.

"Ich Hasse Dich" singt Bill am Ende von "Nach Dir Kommt Nichts", abnehmen kann man ihm das nicht. Und mit fortlaufender Dauer des Albums stellt man fest, dass nicht viel Variation drin ist im "Zimmer 483", das Tempo der Songs mal ausgenommen. Die Balladen haben soviel Power und die schnelleren Stücke soviel Pop, dass alles nivelliert klingt. Mit "Wir Sterben Niemals Aus" enthält das Album sogar einen Song, der nur von Bill und Tom geschrieben wurde (der Rest stützt sich auf ein bewährtes Songwriterteam, das scheinbar so wichtig ist, dass es im Booklet auch seine Danksagungen loswerden darf), leider gehört dieser nicht zu den Highlights. Musikalisch unterscheidet er sich nämlich keinen Deut von den anderen und auch textlich stellt er nicht gerade ein Highlight dar.

Die Powerballade "Vergessene Kinder" und das akustische "An Deiner Seite (Ich Bin Da)" schließen die Tür vom "Zimmer 483". Hier hätte Bill sich mal trauen sollen, richtig zu singen, nicht nur angestrengt zu hauchen, wie er es so gerne tut. Was bleibt vom Zweitwerk von Deutschlands größter Popband? Zwölfmal chartkompatibler Einheitsbrei. Leider nicht mehr.

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