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Als Serj Tankian 2001 seinen Essay "Understanding Oil" online veröffentlichte, wurde dieser nach kurzer Zeit wegen politischer Brisanz wieder offline geholt. Sein erstes Album im Alleingang ohne System Of A Down "Elect The Dead" ist ein ganzes Buch voll solcher Brisanzen – fast jeder Song ein kleiner Essay. Schön, dass die Langfinger der political correctness meist nicht bis in die Musik reichen. So kann der studierte Wirtschaftswissenschaftler sich voll in seinen Thesen austoben und macht uns nebenher noch das Vergnügen guter Musik.
Die ist ganz auf dem soliden SoaD-Fundament gebaut. "Empty Walls" erfreut mit einem herzhaften Riff als Einstieg, das zum Moshen einlädt. Wer's kennt, weiß aber, dass es sich vorerst gar nicht lohnt, den Kopf in Bewegung zu setzen, denn bald bricht der langsam-leise Teil in die Songstruktur ein, schon gelangt Tankian in seine typische Chorjungen-Tonlage, und eine schnelle Bridge macht klar: Der Mann mag mit dem System Of A Down-System nicht brechen.
TRACKLISTE
Wer sich von seinem genialen Geist ganz neue Klanguniversen erhofft hat, wird enttäuscht. Was als Band gut war, wird beim Einzelkünstler jedoch nicht schlecht. Die geschickte Kombination von Rhythmus, Text und kryptische Zeilen schafft gestandene Hymnen für Headbang-Abende in dunklen Raucherclubs."The Unthinking Majority" wird bereits etwas expliziter in seiner Aussage: "We don't your democracy/ […] We don't your hipocrisy", shoutet Tankian, um sogleich, begleitet von einer formidablen, leicht spöttischen Klavierlinie, ironisch von der weichspülenden Wirkung von Antidepressiva zu schwärmen.Texte, die sich über eine Booklet-Seite erstrecken, sieht man sonst ebenfalls eher selten. Der Chorus wird jedes Mal ausgeschrieben, keine sich zum x-ten Mal wiederholende Zeile wird ausgelassen, alles, was gesungen wird, ist auch feinsäuberlich im Booklet dokumentiert. So stehen die Songs als Gesamtkunstwerke da, von vorne bis hinten, vom Shout bis zur Arie. So wie man SoaD kennt und liebt – und wie es einem Tankian auch hier serviert.Nicht immer verpackt er klare Aussagen in unklare Worte: "Money" sagt im Refrain, umgeben von einer wunderschönen Klavierbegleitung mit Hall und fast poppigen Drums in den Strophen, ganz deutlich: "All for money / Save your money / Hide your money / Stuff your money"."Feed Us" trägt mit seiner leisen Gitarreneinleitung zunächst das Antlitz von "Chop Suey", dann morpht es in Richtung Nirvana. "Saving Us" ist das erste Liebeslied des Albums: Auch hier zerreißt sich Serj innerlich, äußerlich hörbar in einem Wechsel von Arien- und weinerlichem Gesang. Verzweifelt-poetische Textzeilen artikulieren genau, was jeder Beziehungsgeschädigte kennt: "Why do we dance around the issues till the morning light / […] We need to laugh and sing and cry / And warm each other's hearts tonight". In "Lie Lie Lie" spinnt sich eine wirklich begnadete Kooperation von Text, Melodie und Rhythmus um eine nette kleine Damenmord-Phantasie. Schadenfrohe "Lalala"-Gesänge verbinden sich mit zweideutigem "Lie Lie Lie"-Gesang ("lie" als "lügen"/"liegen"). So wird eine Textzeile und Hauptaussage des Liedes gleichzeitig zu einem musikalischen Stilelement. Nebenbei mutet die Melodie recht orientalisch an, ein kluger Anklang an Tankians armenisch-libanesische Herkunft. Etwas wirklich erstaunlich Neues hat Serj Tankian mit "Elect The Dead" nicht geschaffen. Etwas wirklich Gutes, weil Kontroverses, Hirn, Herz und Nackenmuskel Ansprechendes, hingegen schon.MEHR INFO
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