laut.de-Kritik

Sie sahen das Schlechte in der Welt und sangen darüber.

Review von

Völlig egal, wie man zu U2, diesem über die Jahre immer größer aufgeblähten Megastar-Ensemble aus Dublin steht, eines muss jeder Musik-Afficionado eingestehen: "The Joshua Tree" ist ein Meisterwerk der Popmusik. Wenn selbst gestandene laut.de-Redakteure und erklärte Rapmetal-Fans am Ort des Cover-Shootings, Joshua Tree, Kalifornien, feuchte Augen bekommen, haben wir es mit einem Album zu tun, das seine Zeit überdauert. Verständlich und verzeihlich, dass Universal die Platte zum 20. Geburtstag neu auflegt.

So liegt "The Joshua Tree" nun wahlweise als einfache CD, als Doppel-CD mit oder ohne DVD oder noch einmal als Doppel-Vinyl vor (ich rezensiere die Doppel-CD ohne DVD). Über das Album selbst viele Worte zu verlieren ist müßig. Die Songs sprechen für sich viel besser, als jeder Musikjournalist es je könnte. Der irrsinnig gut gewählte Einstieg mit dem Trio "Where The Streets Have No Name", "I Still Haven't Found What I'm Looking For", With Or Without You" sorgt auch heute noch für eine gute Viertelstunde Dauergänsehaut.

Die kristallklaren Gitarren von The Edge auf dem Opener sind genau so in die Popgeschichte eingegangen wie der zum Heulen schöne, verletzliche Gesang Bonos in "With Or Without You". Der Kontrast, den das für U2-Verhältnisse heavy groovende "Bullet The Blue Sky" schafft, lässt die eingängige Kapitulation vor der eigenen Befindlichkeit einer inneren Anspannung weichen. Hier formt sich das politische Bewusstsein, das den Sänger über die Jahre zum unangenehm penetranten Gutmenschen wandelte.

Ob amerikanische Waffenlieferungen an El Salvador, Drogen in Downtown Dublin oder der rezessionsbedingte Niedergang der "Redhill Mining Town", U2 sahen das Schlechte in der Welt und sangen darüber. Wer kann es ihnen verdenken in einer Welt, in der ein Ronald Reagan Präsident der USA war und Großbritanniens Premier Maggie Thatcher die "Eiserne Lady" genannt wurde? Alben wie "The Joshua Tree" holten political consciousness aus der Punk-/Hardcore-Nische ins Scheinwerferlicht des Pop, das ist vielleicht der größte Verdienst von U2.

Für die zweite CD der vorliegenden Jubiläumsedition gruben die Iren einige Stücke aus den Archiven aus und stückelten sie mit B-Seiten der "Joshua-Tree"-Singles zusammen. So sind die ersten acht Lieder dem Fan sicherlich bekannt, mit den Nummern neun bis vierzehn betritt man dann allerdings Neuland.

Insgesamt beinhaltet die Bonus-CD noch einmal 57 Minuten Musik. Und auch hier gibt es Songs, die durchaus Albumtauglichkeit besitzen. Das liebliche und zugleich tief melancholische "Walk To The Water" beispielsweise, oder das straighte "Spanish Eyes", in dem Bono seine Stimme mal überdreht krächzen, dann wieder ungewöhnlich hoch steigen lässt.

Unter den B-Seiten findet sich auch "Silver And Gold", das auch auf dem Zwischenalbum "Rattle And Hum" in einer Live-Version zu hören ist, sowie das wirklich schöne "The Sweetest Thing", das vor einigen Jahren noch einmal zu Single-Ehren kam. Die fast schon experimentellen "Race Against Time" und "Beautiful Ghost/Introduction To Songs Of Experience", die fast ohne Lyrics auskommen, zeigen U2 von einer ganz anderen Seite. In letzterem rezitiert Bono William Blakes Gedicht "Songs Of Experience".

"Silver And Gold" gibt es noch einmal in einer akustischen Interpretation, die Bono zusammen mit den Stones Keith Richards und Ron Wood sowie Steve Jordan für einen Anti-Apartheid-Sampler einspielte. Eine besondere Geschichte verbirgt sich hinter "Wave Of Sorrow (Birdland)": Der Song gammelte lange Zeit als unfertiges Stück vor sich hin, bis die vier eben diese CD zusammenstellten. Da "Birdland" auch nach 20 Jahren zu schön klang, um es einfach zu verwerfen, schrieb Bono kurzerhand noch einen Text dazu. Gerade gegen Ende offenbart sich hier dem Hörer eine wirklich ungewöhnliche Gesangslinie.

Auch "Desert Of Our Love" ist kein gewöhnlicher Song. Von karibischen Rhythmen und Gospel inspiriert, frickelten Bono, Edge, Larry und Adam so lange an ihm herum, bis nur noch das Schlagzeuggerüst übrig war. Auf dem dann später "I Still Haven't Found What I'm Looking For" entstand. "Drunk Chicken/America" beschließt die Werkschau der besonderen Art mit einem Ausschnitt aus Allen Ginsbergs Gedicht "America", hervorragend gelesen und interessant untermalt, leider jedoch mit anderthalb Minuten viel zu kurz.

Ob es nun einer solchen Wiederveröffentlichung bedurft hätte, um der Menschheit noch einmal die Grandesse von "The Joshua Tree" ins Gedächtnis zu rufen, darüber mag man streiten. Natürlich stecken eher monetäre Interessen denn kulturelle Beflissenheit hinter dem Handeln des Labels, dennoch: Für Fans bietet diese "Joshua Tree"-Ausgabe Besonderes in schöner Aufmachung. Und die Musik bleibt auch nach zwanzig Jahren überragend.

Trackliste

CD 1

  1. 1. Where The Streets Have No Name
  2. 2. I Still Haven't Found What I'm Looking For
  3. 3. With Or Without You
  4. 4. Bullet The Blue Sky
  5. 5. Running To Stand Still
  6. 6. Red Hill Mining Town
  7. 7. In God's Country
  8. 8. Trip Through Your Wires
  9. 9. One Tree Hill
  10. 10. Exit
  11. 11. Mothers Of The Disappeared

CD 2

  1. 1. Luminous Times (Hold On To Love)
  2. 2. Walk To The Water
  3. 3. Spanish Eyes
  4. 4. Deep In The Heart
  5. 5. Silver And Gold
  6. 6. Sweetest Thing
  7. 7. Race Against Time
  8. 8. Where The Streets Have No Name (Single Edit)
  9. 9. Silver And Gold (Sun City)
  10. 10. Beautiful Ghost/Introduction To Songs Of Experience
  11. 11. Wave Of Sorrow (Birdland)
  12. 12. Desert Of Our Love
  13. 13. Rise Up
  14. 14. Drunk Chicken/America

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36 Kommentare

  • Vor 9 Jahren

    Mein Tipp an alle die den Orginal Joshua Tree nicht zu Hause liegen haben:
    Vergesst das Abzieheiligenbildchen, das Bono heute darstellt und genießt einfach die ausnehmend fantastische Musik auf diesem Album. Kaum eine Zusammenstellung von Songs weißt, meiner Meinung nach, eine solch durchgehend hohe Qualität wie dieses. Dieses Album ist der Beweis das Bono ein Genie war, selbst wenn er heute einiges von seiner Genialität verloren hat. (U2 machen immer noch gute Musik)
    Das die goldene Kuh heute gemolken wird, ist nun wirklich nichts neues und sicher nichts, was nur bei U2 angewendet wird, sondern auch bei anderen.(Nirvana, Led Zeppelin etc.)

    Artikel ist soweit wirklich ganz nett, aber das Review ausschließlich bei Pop einzuordnen halte ich für... merkwürdig. U2 in einer Kategorie mit den Sugababes, Room 2012 und Sascha? Also zumindest Songs wie Bullet the Blue Sky, Exit oder auch Where the Streets have no name, haben meiner Meinung nach bei Pop nun wirklich nichts verloren

  • Vor 9 Jahren

    wo denn bitte sonst?

    pop bedeutet ja nicht automatisch, dass es schlecht ist.

  • Vor 9 Jahren

    Stimmt, Pop bedeutet wesentlich mehr als Radio ;)