laut.de-Kritik

Manche Perioden blendet der Film aus, durch andere trampelt er wie ein Ackergaul.

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Hollywood kaut immer wieder die gleichen Abenteuer durch. Jede Generation erhält mindestens einmal "Die Drei Musketiere". "Robin Hood" und "Sherlock Holmes" fallen auch in diese Kategorie. Es gehört fast zum guten Ton, selbst gerade erzählte Geschichten zu rebooten. Siehe Spiderman. Von einigen Märchen bekommt die Welt scheinbar nie genug. Dazu zählt mittlerweile auch die Räubergeschichte der Rolling Stones.

Diverse Biographien, Dokumentationen und ein Altherrenmagazin mit gleichem Namen haben bereits alles über die zwischenmenschlichen Beziehungen, die Aufnahmen zu "Black And Blue" oder Jaggers Fußpilz während des Rock'n'Roll Circus berichtet. Trotzdem nimmt der Film für sich in Anspruch, die ultimative Story der größten Rock'n'Roll-Band der Welt zu liefern.

Dass fünfzig Jahre, wobei die letzten fünfzehn mit "Bigger Bang" gerade einmal ein Studio-Album hervor brachten, nicht in zwei Stunden erzählt werden können: selbstredend. Das Regisseur Brett Morgen aufgrund der kaum zu meisternden Aufgabe aber schon vor Beginn kapituliert und die erste Dreiviertelstunde ohne erkennbare Chronologie wegschenkt, gleicht gerade unter diesem Gesichtspunkt einer Frechheit. Von unzähligen Interviews innerhalb eines halben Jahrhunderts, pickt er die sinnbefreitesten heraus. "Mr. Richards, hatte die Öffentlichkeit genug von den Beatles?" "Keine Ahnung."

Die Jubilare wurden mitsamt Wyman und Taylor in einem Zimmer ohne Kamera zu den Geschehnissen befragt. Aber auch sie haben nicht viel mitzuteilen. Fast scheint es, als wäre ihnen der Film schlichtweg egal. Charlie Watts kommt kaum über ein "Ich kann mich an nichts erinnern" hinaus. Ron Woods interessantester Beitrag bleibt die Frage nach einem Feuerzeug.

Ein paar einschlägige Momente finden im Schnelldurchlauf statt. Eben sitzen Jagger und Richards zusammen und schreiben mit "Tell Me" ihren ersten selbst komponierten Mini-Hit, schon stehen sie in der nächsten Minute mit "Satisfaction" auf deutschen Bühnen. Zack, rastet die Menge zu "Paint It, Black" aus. Abgehakt, weiter. Ganze Perioden lässt der Film unter den Tisch fallen. Durch andere trampelt er wie ein Ackergaul.

"Crossfire Hurricane" wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet. Seine Protagonisten scheinen ihm schlichtweg egal. Wer mag wohl dieser blonde Mensch mit den tiefen Augenringen sein, um den die Band nach einer Stunde so trauert? Sollte man es bis ins Jahr 2013 geschafft haben, ohne je von Brian Jones gehört zu haben, liefert der Film keine Antwort auf diese Frage. Grundkenntnisse in der Biografie der Stones werden vorausgesetzt. Doch wenn man bereits über diese verfügt, weiß der Film absolut nichts Neues mehr zu berichten.

Immerhin weckt Morgen in guten Momenten Gefühle. Durch die schnellen Schnitte zwischen Konzerten und tobende Menschenmengen wirkt die Hysterie, Wut und Unruhe der frühen Tage greifbar. Jagger selbst fasst die Trauer und Bewusstlosigkeit über den endgültigen Verlust von Jones nach dessen langsamen Dahinsiechen in einem einzigen bewegenden Wort zusammen: "Finally."

Das Altamont Free Concert und der Tod von Meredith Hunter werden angeschnitten, danach geht es an die Cote d'Azur um ein Album aufzunehmen, das ebenso wie alle anderen nicht einmal namentliche Erwähnung findet. Wer braucht auch schon "Exile on Main St."? Wenn man aber nicht einmal weiß, bei welchen Aufnahmen sich Richards alle fünf Minuten zum Fixen ins Nebenzimmer verdrückt, wirkt die Information beliebig.

Sein Drogenkonsum bedeutet in Kanada fast das Ende der Band. Mick Taylor kommt und geht, ohne im Film gravierende Spuren zu hinterlassen. Mit Ron Wood entert der Gitarrist, der seit 1975 die Wogen zwischen den Egos glättet, das Piratenschiff. Die Stones spielen "Miss You" an, fertig, aus die Maus. Bitte was? Um es noch einmal zu sagen. Dieser Film stellt für sich in Anspruch, die ultimative Geschichte der Rolling Stones zu erzählen, geht aber mit keinem einzigen Wort auf die letzten dreißig Jahre ein?

Das Spätwerk wird ignoriert. Die jahrelangen Streitigkeiten zwischen Jagger und Richards bleiben unerwähnt. Bill Wyman scheint auch heute noch munter am Bass zu zupfen. Doch damit folgt "Crossfire Hurricane" nur konsequent den Vorgaben Hollywoods. Es gibt kein Happy End. Man hört nur an einem möglichst günstigen Zeitpunkt auf, hinzuschauen.

Trackliste

  1. 1. Crossfire Hurricane (Hauptfilm)
  2. 2. Live In Germany '65: "Satisfaction" And "I'm All Right"
  3. 3. Interview With Director Brett Morgen
  4. 4. The Sound And Music Of Crossfire Hurricane
  5. 5. Theatrical Trailer For Crossfire Hurricane

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2 Kommentare

  • Vor 4 Jahren

    lol, unwichtigstes Release 2013

  • Vor 4 Jahren

    Das einzige was die Stones nach Tattoo You, welches eine Resteverwertung war (aber eine gute) und Undercover (neuen Songs zu Beginn der 80er) noch so richtig gut beherrschen ist Kasse zu machen.
    Auf der Bühne kann man sie seit mehr als 10 Jahren nicht mehr ertragen. Das gerumple und geklimpere, die proben gar nicht mehr.
    Und das was die Stones neben dem gekeife und den Riffs besonders gemacht hat, war Wyman´s saftiges Bassspiel. Das ist aber auch vorbei. Schade.